Nebenrolle Frauenfußball? Fußball: Frauen fühle sich vom Fußballverband Sachsen-Anhalt nicht informiert

Hergisdorf - Die Fußball-Saison 20/21 der Männer in Sachsen-Anhalt ist Geschichte, der Abbruch beschlossene Sache. Beim Nachwuchs soll es eventuell irgendwie weitergehen. Auch darüber wurde geredet. Wie aber sieht es bei den Fußballerinnen, die in der Verbandsliga, der Landesliga und den Landesklassen auf Tore- und Punktejagd gehen, aus? Sie tauchen in den Veröffentlichungen des Fußballverbandes Sachsen-Anhalt bisher nirgendwo auf.
„Wir hatten vor drei Wochen eine Video-Konferenz. Danach haben wir nichts mehr vom Verband gehört. Ich kann das nicht nachvollziehen, dass die Frauen überhaupt keine Rolle bei den Diskussionen zum Abbruch oder der Fortführung der Saison spielen“, sagt Andreas Heß. Er ist in Personalunion Fußball-Chef und Trainer der Frauenmannschaft bei Germania Hergisdorf. Das Unverständnis über die Nebenrolle des Frauenfußballs ist in Hergisdorf auch bei den Spielerinnen groß. So bei Franziska Wiegand, die im Germania-Team aktiv ist. „Wenn der Spielbetrieb bei den Männern abgesetzt wird, muss doch auch für die Frauen eine Erklärung her“, sagt sie.
Germania Hergisdorf stellt gleich zwei Frauen-Teams
Wie Franziska Wiegand brennen auch die anderen Spielerinnen darauf, endlich wieder zu trainieren und Punktspiele zu bestreiten. „In der Bundesliga drücken und küssen sie sich, wir dürfen nicht einmal trainieren“, sagt Andreas Heß und spricht dabei für seine Spielerinnen.
Rund 30 Frauen und Mädchen sind in den Hergisdorfer Mannschaften aktiv, Germania ist damit der einzige Verein im Landkreis Mansfeld-Südharz, der zwei Mannschaften im Punktspielbetrieb stellt. Neben der Ersten, die in der Landesliga aktiv ist, gibt es noch die zweite Mannschaft, die in der Regionalklasse aktiv ist. „Dazu kommen noch einige Mädchen, die wir in den Nachwuchsmannschaften bei den Jungs integriert haben, um sie zu fördern“, sagt Heß. Und weiter: „Das ist nicht überall so. Ich kenne Vereine, da werden die Mädchen an die Seite geschoben. Bei uns sind alle willkommen, wir freuen uns über Zuwachs.“
Skeptischer Blick in die Zukunft
Apropos Zuwachs: „Bis vor dem Beginn der Corona-Krise war die Zahl der Mädchen und Frauen, die bei Germania Fußball spielen wollten stetig steigend“, berichtet Heß. Ob das auch weiterhin so bleibt? „Da müssen wir ganz einfach abwarten. Bis jetzt habe ich noch keine Abmeldungen. Alle warten hier auf den Startschuss und wollen endlich wieder loslegen.“ Dabei stellt Andreas Heß in seiner Funktion als Trainer gleich klar: „Training in Fünfergruppen halte ich für Schwachsinn. Wir haben einen großen Sportplatz, da ist doch Platz für alle.“
Einmal in Fahrt gekommen legt Andreas Heß nach: „Ich finde, dass der Fußballverband die Corona-Zeit nutzen sollte, um sich Gedanken über den Frauenfußball zu machen. Überall geht es mit dem Frauenfußball voran, nur in Sachsen-Anhalt nicht. Es muss etwas passieren“, sagt er. Und hat ein Beispiel parat. „Im letzten Jahr waren es, glaube ich, fünf Punktspiele und eine Pokalpartie, die wir hatten. So kann es nicht weitergehen.“
Ohnehin blickt Heß in Sachen Punktspiele skeptisch in die Zukunft. „Es gab einige Mannschaften, die schon vor der Zwangspause jede Menge personelle Probleme hatten. Ob die alle nach Corona wiederkommen, wage ich zu bezweifeln.“
17 Frauen-Vertretungen auf Großfeld
Gegenwärtig sind es acht Mannschaften, die in der Landesliga Sachsen-Anhalt und damit der zweithöchsten Spielklasse des Landes am Ball sind. Dazu kommen neun Vertretungen, die in der Verbandsliga spielen. Also sind es gerade einmal 17 Frauen-Vertretungen, die auf Großfeld spielen. „Wir müssen darüber nachdenken, dass wir diese beiden Spielklassen zusammenlegen. Dann müssen wir eben in den sauren Apfel beißen und viermal in die Börde fahren. So wie es ist, kann es jedenfalls nicht bleiben“. sagt er. Franziska Wiegand fügt hinzu: „Da fahren wir doch lieber weite Strecken, als immer wieder gegen die gleichen Gegner zu spielen. Mit sechs Spielen im Jahr kannst Du niemanden für den Fußball begeistern. Das war es dann aber auch für den Frauenfußball.“
Auch sie ist skeptisch, dass es nach Corona einen reibungslosen Neustart geben wird. „Das fängt in der Vorbereitung an. Da stellt sich mit 35 Jahren schon die Frage, ob man sich das alles noch einmal antun möchte. Vor allem auch fragst Du Dich selbst, ob es noch Sinn macht, ob man sich das Training noch antun sollte.“ Vorrangig aber brennt die Frage auf den Nägeln, wann es nun klare Regelungen und Auskünfte vom Fußballverband geben wird.
Keine Aussage zum Thema
Eine Nachfrage der Mitteldeutschen Zeitung zu diesem Thema beim zuständigen Vorsitzenden des Frauen- und Mädchenausschusses brachte nichts ein. Hans-Matthias Ermisch wollte sich nicht zu diesem wichtigen, seinem Aufgabengebiet entsprechenden Thema, äußern. Er verwies nur auf die FSA-Pressestelle.
Mehr Erfolg brachte ein anschließender Anruf bei Jörg Bihlmeyer, Vizepräsident Spielwesen beim Fußballverband des Bundeslandes. Er sagte: „Wir kennen diese Thematik. In den Spielklassen der Frauen auf Landesebene gibt es allerdings nicht diesen Termindruck, wie bei den Männern. Wir werden uns kurz nach Ostern mit den Vereinen in einer Videokonferenz beraten. Dann schaffen wir auch hier die dringend nötige Klarheit.“ (mz)