Tierschutz in Niedersachsen Warum Rinder bald nicht mehr in Anbindehaltung leben müssen
Man mag es sich kaum ausmalen: Kühe, die bewegungslos an ein und demselben Platz im Stall fixiert sind. Doch Niedersachsen will weg von der sogenannten Anbindehaltung. Wirkt sich das bundesweit aus?

Hannover - Für Tierschützer dürfte die Vorstellung unerträglich sein: Kühe, die angebunden im Stall gehalten werden, sich kaum bewegen und nicht einmal umdrehen können. Das Land Niedersachsen will die sogenannte Anbindehaltung von Rindern künftig untersagen. Dazu sei ein Erlass erarbeitet worden, sagte eine Sprecherin des Landwirtschaftsministeriums. Das niedersächsische Landvolk steht nach eigenen Angaben „im Ergebnis“ hinter dem Schritt, Tierschutzorganisationen sprechen sich entschieden gegen Anbindehaltung aus. Ein Überblick über das Vorhaben.
Was will das niedersächsische Agrarministerium erreichen?
Die Ministeriumssprecherin macht klar: Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte (Grüne) wolle „mehr Tierschutz in der Nutztierhaltung umsetzen“. Denn: Die Anbindehaltung sei mit den Anforderungen des Tierschutzgesetzes nicht vereinbar. Demnach müsse ein Tier seiner Art und seinen Bedürfnissen entsprechend angemessen ernährt, gepflegt und verhaltensgerecht untergebracht werden. Details zu dem Erlass sollten am Donnerstag bekanntgegeben werden, kündigte die Sprecherin an.
Schon ein 2024 vom Bundeslandwirtschaftsministerium vorgelegter Referentenentwurf zur Änderung des Tierschutzgesetzes sah demnach unter anderem auch Regelungen zur Anbindehaltung vor. Dem Aus der Ampel-Regierung fiel dieser Entwurf allerdings zum Opfer.
Was sagen die Bauern dazu?
„Der Landesbauernverband begleitet den Ausstieg aus der Anbindehaltung kritisch, steht aber im Ergebnis klar hinter diesem Schritt“, betonte Frank Kohlenberg, der Vizepräsident des Landvolks Niedersachsen. „Entscheidend ist für uns, dass der Wandel praxisnah und mit Augenmaß erfolgt.“ Er betonte, der Verband verstehe sich als konstruktiver Partner der Politik und der Betriebe.
„Für die betroffenen Landwirte ist vor allem eines unverzichtbar: Planungssicherheit“, sagte Kohlenberg. Der Umbau zur sogenannten Laufstallhaltung brauche „lange, verlässliche Zeitfenster und realistische Übergangsfristen“ - und ausreichende finanzielle Förderung. Gelder für Beratung, baurechtliche Verfahren und den eigentlichen Umbau seien notwendig. Das Landvolk setze sich zudem dafür ein, das Baurecht so anzupassen, „dass Landwirte schnell und unbürokratisch investieren können“.
Um wie viele Tiere geht es in dem Bundesland eigentlich?
Nach Angaben des niedersächsischen Agrarministeriums gab es in Niedersachsen im Mai 2025 insgesamt 17.969 rinderhaltende Betriebe mit über 2,2 Millionen Tieren. Das Ministerium schätzt, dass landesweit „deutlich mehr als 1.000 Betriebe“ die Rinder in Anbindehaltung halten.
Nach Angaben der Tierschutzorganisation PETA gilt der Bestand der angebundenen Rinder in Niedersachsen als zweitgrößter im Bund - hinter Bayern. Zwar sei der Anteil der betroffenen Tiere in Niedersachsen mit knapp sieben Prozent nicht hoch, wegen der Größe des niedersächsischen Rinderbestandes seien es aber in absoluten Zahlen etwa 170.000 Tiere.
Was bedeutet die Anbindehaltung für die Tiere?
Nach Angaben von PETA erleben Rinder in Anbindehaltung „unzumutbares körperliches und psychisches Leid. Die Tiere essen, ruhen, stehen, liegen, koten und urinieren an ein und demselben Platz im Stall“. Die Tierschutzstiftung Vier Pfoten mahnte, angebunden gehaltene Rinder seien vom 6. Lebensmonat an „bewegungslos an einer einzigen Stelle fixiert – teilweise durchgehend mit dem Kopf zu einer Stallwand“. Diese Haltung führe oft zu schmerzhaften Gelenkproblemen, wegen der beengten Verhältnisse komme es zudem zu Trittverletzungen.
„Auch wenn noch ungefähr eine Million Rinder in Anbindehaltung in Deutschland leben müssen, ist diese Haltungsform dadurch nicht zwangsläufig erlaubt – sie wurde bislang lediglich behördlich geduldet und ist nicht explizit verboten“, teilte Vier Pfoten mit.
Was sagen Tierschützer zu dem niedersächsischen Vorhaben?
„Wir danken dem niedersächsischen Landwirtschaftsministerium für den Vorstoß, als erstes Bundesland endlich geltendes Recht durchzusetzen und die Anbindehaltung von Rindern zu beenden“, sagte Julia Weibel, Fachreferentin bei PETA Deutschland. Sie forderte: „Bayern und Baden-Württemberg sollten sich als "letzte Bastionen" der Anbindehaltung nicht wehren, sondern eines Besseren besinnen.“ Nach PETA-Angaben hat die Organisation bis heute über 100 Anbindehaltungen angezeigt, darunter mehrere Landwirte aus dem Landkreis Cloppenburg und einen Rinderbetrieb aus Burgwedel.
Volker Gaßner aus der Geschäftsleitung von Vier Pfoten sagte: „Wir begrüßen ausdrücklich den angekündigten Ausstieg Niedersachsens aus der tierquälerischen Anbindehaltung.“ Er betonte, das sei ein „Weckruf“ für Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer (CSU), ein bundesweites Verbot auf den Weg zu bringen. Es sei zudem „ein starkes Signal Richtung Bayern und Baden-Württemberg, in denen noch immer rund 740.000 Tiere zur Bewegungslosigkeit verdammt sind“. Auch eine saisonale Anbindehaltung sei keine Lösung.