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Brandanschlag Stromversorgung in Berlin wieder angelaufen

Nach mehreren Tagen ohne Strom bei bitterer Kälte läuft die Versorgung wieder. Nicht alle Haushalte sind sofort wieder am Netz. Und es bleiben Gefahren.

Von dpa 07.01.2026, 16:00
Am fünften Tag kam der Strom im Berliner Südwesten zurück.
Am fünften Tag kam der Strom im Berliner Südwesten zurück. Christophe Gateau/dpa

Berlin - Die Erleichterung ist groß: Früher als zunächst angekündigt werden die Menschen im Südwesten von Berlin nach tagelangem Blackout wieder mit Strom versorgt. Es sei eine „Operation am offenen Herzen“ gewesen, sagte die für Energie zuständige Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey (SPD) über die aufwendigen Reparaturarbeiten. 

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner zeigte deutlich seine Erleichterung: „Ich habe mich noch nie in meinem Leben so doll gefreut, dass der Strom wieder da ist“, sagte der CDU-Politiker. 

100.000 Menschen waren betroffen

Nach dem mutmaßlich linksextremistischen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf waren seit Samstagmorgen anfangs 45.000 Haushalte und 2.200 Betriebe ohne Strom. Es war nach Angaben des Netzbetreibers der längste Ausfall der Nachkriegsgeschichte in der Hauptstadt. Nach Angaben von Wegner waren insgesamt rund 100.000 Menschen betroffen. Berlin hatte am Sonntag eine sogenannte Großschadenslage ausgerufen.

An Tag fünf lief vormittags gegen 11.00 Uhr die Versorgung mit Strom im Südwesten der Stadt wieder an. Am frühen Nachmittag verkündete Giffey dann: Seit 14.10 Uhr gebe es wieder eine Vollversorgung. „Alle Haushalte sind wieder angeschlossen.“

170 Techniker und Experten für Reparaturen im Einsatz

Bereits in der Nacht konnte die entscheidende provisorische Kabelverbindung am Tatort wieder hergestellt und positiv getestet werden, teilte ein Sprecher der landeseigenen Stromnetzgesellschaft mit. Erst kurzfristig habe am frühen Morgen festgestanden, dass Tests der neuen Verbindungen erfolgreich gewesen seien, erklärte Giffey. 

Insgesamt 170 Techniker und Experten waren laut Senat an der Reparatur der zerstörten Hochspannungskabel und Ersatzleitungen beteiligt und arbeiteten rund um die Uhr. Nach und nach kamen bereits in den vergangenen Tagen immer mehr Haushalte wieder ans Netz. Die Arbeiten gestalteten sich kompliziert, zum einen wegen der niedrigen Temperaturen und zum anderen aufgrund der unterschiedlichen Materialien der Kabel. 

„Ich bin allen Beteiligten unendlich dankbar, den Hilfsorganisationen, der Berliner Polizei, der Feuerwehr, Stromnetz Berlin, den Tiefbaufirmen, den vielen Ehrenamtlichen, die mitgeholfen haben, mitgewirkt haben, auch der Bundeswehr, der Bundespolizei“, erklärte Wegner. 

Unterstützung durch Bundesregierung und Bundeswehr 

Die Krisenstäbe hätten funktioniert. „Dass wir anderthalb Tage, bevor wir es eigentlich erwartet haben, fertig werden, ist großartig, insbesondere für die Menschen in den betroffenen Gebieten“, sagte Wegner beim Besuch einer Baustelle an einem Umspannwerk im Südwesten der Stadt. Später lobte er auch den die unbürokratische Unterstützung von Bundeskanzler sowie Verteidigungs- und Bundesinnenministerium. Das sei „großartig und sensationell“ gewesen. 

„Es ist ein wichtiger Meilenstein erreicht, aber es ist noch nicht vorbei“, meinte allerdings Wirtschaftssenatorin Giffey und verwies unter anderem darauf, dass die Wärmeversorgung wieder hochgefahren werden muss. Der Geschäftsführer von Stromnetz Berlin, Bernhard Büllmann, geht nach einer achtstündigen Spannungsprüfung davon aus, dass die Versorgung steht: „Wir sind sehr zuversichtlich, dass wir mit dieser Leitung keinerlei Probleme bekommen werden.“ 

Schulen bleiben noch geschlossen - Krisenstäbe weiter aktiv

Trotz der wiederhergestellten Stromversorgung bleiben die vom Ausfall betroffenen Schulen bis zum Ende der Woche geschlossen. Ab Montag solle der Unterricht wieder regulär stattfinden, teilte die Bildungsverwaltung mit. Zuvor seien technische Prüfungen nötig. 

Auch die Bundeswehr bleibt vor Ort, um Menschen bei Bedarf mit warmem Essen zu versorgen. Notquartiere sollen laut Bezirk auch noch etwas geöffnet bleiben. 

Mehr Schutz mit Videokameras

Künftig will Berlin die kritische Infrastruktur deutlich besser schützen. Wegner kündigte an, „sehr, sehr kurzfristig“ die Orte, die angreifbar seien, schneller abzusichern. Ziel sei, innerhalb kurzer Zeit 100 Prozent der angreifbaren und problematischen Stellen des oberirdischen Stromnetzes mit Videokameras zu überwachen. Ein Prozent des 35.000 Kilometer umfassenden Berliner Stromnetzes verläuft über der Erde. 75 Prozent dieser Leitungen wiederum würden bereits mit Kameras überwacht. 

Giffey sprach von einer zweistelligen Zahl von neuralgischen Punkten, die für eine Überwachung infrage kämen. Schutz könne es geben durch „optische, thermische und mechanische Sensorik“. Schon heute gebe es Zäune und anderen Schutz. Nun werde auch die Präsenz der Polizei Tag und Nacht erhöht.

Innenministerium: Keine russischen Täter 

Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe übernahm inzwischen die Ermittlungen zu dem Brandanschlag. Es bestehe der Verdacht auf verfassungsfeindliche Sabotage, Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Brandstiftung und Störung öffentlicher Betriebe.

In einem Bekennerschreiben hatte eine der linksextremistischen „Vulkangruppen“, die seit 2011 vor allem in Berlin und Brandenburg immer wieder Brandanschläge auf die öffentliche Infrastruktur verübt haben sollen, die Tat für sich reklamiert. Die Bundesregierung geht davon aus, dass das nach dem Anschlag aufgetauchte Bekennerschreiben authentisch ist. Von Russland als Täter gehe man nicht aus, so das Bundesinnenministerium. 

In Berlin und Brandenburg sind nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden seit 2011 diverse Brandanschläge auf die öffentliche Infrastruktur begangen worden, nach denen anonyme Autoren, die sich selbst als „Vulkangruppen“ bezeichneten, Bekennerschreiben veröffentlichten. 

Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz geht nach aktuellem Erkenntnisstand beim jüngsten Brandanschlag von einer authentischen Taterklärung der „Vulkangruppe - Den Herrschenden den Saft abdrehen“ und einem linksextremistisch motivierten Anschlag aus. Es werde jedoch angenommen, dass unter dem Namen mehrere Gruppen agierten.