Industrie unter Druck Aus Gründen der Gefahrenabwehr: Betrieb bei Domo geht weiter
Das belgische Chemieunternehmen hatte Insolvenz angemeldet und angekündigt, die Produktion sofort stoppen zu müssen. Wie das Land Sachsen-Anhalt nun aushilft und was das ermöglichen könnte.

Halle - Die Anlagen am Standort des belgischen Chemieunternehmens Domo Chemicals sollen zunächst weiterbetrieben werden. „Ich glaube, wir haben jetzt eine gewisse Chance, dass Domo in einer etwas anderen Form vielleicht auch weiter existieren kann“, sagte Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze beim Neujahrsempfang der IHK Halle-Dessau und der Handwerkskammer Halle. Wie die Insolvenzverwaltung des Unternehmens nun mitteilte, hat das Land Sachsen-Anhalt „aus Gründen der Gefahrenabwehr“ den Weiterbetrieb der Produktionsanlagen angeordnet.
Vor wenigen Tagen hatte das belgische Unternehmen angekündigt, an seinen deutschen Standorten in Sachsen-Anhalt und Brandenburg wegen Insolvenz seine Anlagen herunterfahren zu müssen. Mit der Anordnung und den damit verbundenen Mitteln des Landes sei die kurzfristige Stilllegung der Produktion „vorerst vom Tisch“. Die Produktion werde nun vorerst in einem Minimalbetrieb weitergefahren. Auch die Produktion in Premnitz könne fortgesetzt werden.
Weiterer Betrieb, „um Gefahren für Mensch und Umwelt zu vermeiden“
Grund für die Entscheidung des Landes sei, dass ein sicheres Herunterfahren der Anlagen in Leuna bei den aktuellen winterlichen Wetterbedingungen nicht umgesetzt werden könne, so die Insolvenzverwaltung Flöther & Wissing. „Um Gefahren für Mensch und Umwelt zu vermeiden, müssen die Anlagen daher am Laufen gehalten werden.“
Durch die Entscheidung des Landes entsteht nun auch die Möglichkeit, dass doch noch ein Investor für den Standort gefunden wird. In den vergangenen Tagen habe es viele, lange Gespräche gegeben, sagte Schulze. Der nun gefundene Weg müsse genutzt werden. Es gebe „durchaus einiges Interesse, das hier weiterzumachen“, sagte der Minister, der zeitnah Nachfolger von Ministerpräsident Reiner Haseloff werden soll. Der Schritt soll Schulze ermöglichen, vor der Landtagswahl am 6. September die Regierung zu führen.
Insolvenzverwalter: Neuer Betreiber wäre denkbare Lösung
Insolvenzverwalter Lucas Flöther erklärte indes, was die Fortführung der Produktion für den weiteren Verlauf des Insolvenzverfahrens bedeute, „müssen wir sehen“. Denkbar sei unter anderem, dass das Unternehmen von einem neuen Betreiber übernommen würde.
Die meisten Domo-Mitarbeitenden sind in Leuna beschäftigt, bei der Domo Chemicals GmbH sind es rund 35, bei der Domo Caproleuna GmbH etwa 480. In Premnitz in Brandenburg hat die Domo Engineering Plastics GmbH rund 70 Mitarbeitende.
Um den nun eingeleiteten Weg gehen zu können, brauche es die über 500 Mitarbeitenden am Standort in Leuna, betonte Schulze. „Weil wir diesen Weg nur gemeinsam gehen können. Man braucht das Vertrauen.“ Das Land habe alles getan, was es tun könne, betonte er.
Schwierige Lage für die Branche
Seit Bekanntwerden der Insolvenz bangen die Mitarbeitenden an den Domo-Standorten um ihre Jobs. Wie die Insolvenzverwaltung mitteilte, sollen ihre Löhne und Gehälter durch eine Vorfinanzierung des Insolvenzgeldes pünktlich ausgezahlt werden können. Nach derzeitigem Stand sei ihre Bezahlung nach derzeitigem Stand bis voraussichtlich Ende März gesichert. Dies gelte für alle drei Domo-Gesellschaften, hieß es.
Derzeit steht die ganze Chemiebranche unter starkem Druck. Ministerpräsident Reiner Haseloff hatte auf dem Neujahrsempfang in Halle die Bedeutung der Chemieindustrie hervorgehoben. Deutschlands Leitbranchen Chemie und Automotive benötigten besonderen Schutz, sagte der CDU-Politiker.
„Was wir seit 1990 erfolgreich aufgebaut haben, wollen wir erhalten“, sagte der 71-Jährige. Es dürfe politisch nicht zugelassen werden, dass die Chemiebranche zerstört wird. „Die Branche braucht wieder einen Boden unter den Füßen“, sagte Haseloff. Momentan fahre sie jedoch in „einem ganz schweren Fahrwasser“.
Auswirkungen unklar
Die Insolvenz der drei Tochtergesellschaften von Domo könnte auch Auswirkungen auf andere Firmen in der Region haben, etwa solche, die Stoffe an Domo liefern. In Leuna und Premnitz wurde vor allem Kunststoff produziert, der unter anderem in der Automobilindustrie sowie in der Elektro- und Elektronikbranche weiterverarbeitet wird. Die drei Unternehmen gehören zu Domo Chemicals, einer Unternehmensgruppe mit Hauptsitz in Gent (Belgien).
Laut der Gewerkschaft IG BCE arbeiten in der chemisch-pharmazeutischen Industrie in Ostdeutschland rund 63.000 Menschen. Nach Angaben der IG BCE erwirtschaften sie einen Jahresumsatz von über 30 Milliarden Euro.
„An jedem Arbeitsplatz in der Chemie hängen vier weitere Arbeitsplätze bei klein und mittelständischen Unternehmen“, sagte Schulze bei dem Empfang in Halle. Würde sich nicht um die Branche gekümmert, „dann haben wir ein riesengroßes Problem, nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern in Deutschland und Europa“.
Der Neujahrsempfang in Halle wurde von der Industrie- und Handelskammer Halle-Dessau sowie von der Handwerkskammer Halle veranstaltet. Zu Gast waren unter anderem auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU).