Wichtig, aber schlecht bezahlt

Wichtig, aber schlecht bezahlt: Warum Frauen für ihre Arbeit mehr Respekt brauchen

Halle (Saale) - Während der Corona-Pandemie zeigt sich, wie unentbehrlich gerade die Arbeit vieler Frauen ist. Der Applaus, den sie bekommen, ist Ausdruck von Respekt, sagt Eva von Angern, Vorsitzende des Landesfrauenrates. Im Gespräch mit Bärbel Böttcher erläutert sie, warum das auf Dauer nicht ...

Von Bärbel Böttcher

Während der Corona-Pandemie zeigt sich, wie unentbehrlich gerade die Arbeit vieler Frauen ist. Der Applaus, den sie bekommen, ist Ausdruck von Respekt, sagt Eva von Angern, Vorsitzende des Landesfrauenrates. Im Gespräch mit Bärbel Böttcher erläutert sie, warum das auf Dauer nicht reicht.

Frau von Angern, viele derzeit systemrelevante Berufe - Verkäuferinnen, Pflegekräfte, Schwestern - werden von Frauen ausgeübt, deren Jobs oft schlecht bezahlt sind. Was sagt das über unsere Gesellschaft?

Eva von Angern: Das sagt über unsere Gesellschaft aus, dass unmittelbare Leistungen am Menschen weniger gesellschaftliche Anerkennung finden, als etwa - beispielhaft - die Arbeit in der Autoindustrie oder in einer Bank. Dass es mehr wert ist, Autos zu produzieren, als beispielsweise einen Menschen zu pflegen. Letzteres aber wird für das Zusammenleben immer wichtiger. Vor diesem Hintergrund ist es ein ziemliches Armutszeugnis für unsere Gesellschaft.

Ausgestellt von den Frauen.

Es verwundert nicht, dass gerade die sogenannten Frauenberufe betroffen sind. Ein maßgeblicher Teil der systemrelevanten Berufe hat einen Frauenanteil von über 70 Prozent. Nach wie vor gibt es das Märchen, dass für diese eigentlich gar keine Ausbildung benötigt wird.

Es heißt, Frauen können qua Geschlecht besser Kinder betreuen und besser pflegen. Sie würden mehr reden und seien deswegen für Beratungstätigkeit geeignet. Das ist natürlich absurd, entspricht überhaupt nicht den Tatsachen und spricht diesen Berufen die Professionalität ab.

Vor allem Frauen leisten derzeit viele unbezahlte Überstunden

Um nur ein Gegenbeispiel zu nennen: Seitdem sich die Einkommenssituation im Bereich der Kinderbetreuung verbessert hat, ergreifen mehr Männer den Erzieher-Beruf. Was gut, richtig und wichtig ist. Aber auch zeigt: Es besteht sehr wohl ein Zusammenhang zwischen Einkommen und der Entscheidung von Männern, sich für sogenannte Frauenberufe zu erwärmen.

Viele Verkäuferinnen sollen jetzt einen Bonus erhalten, der bis zu einem Betrag von 1.500 Euro steuerfrei ist. Reicht das als Wertschätzung aus?

So ein Bonus ist nicht kleinzureden. Das ist etwas sehr Hilfreiches und soll dafür sorgen, dass die Beschäftigten - überwiegend sind es ja Frauen - durchhalten. Ein steuerfreier Bonus ist eine direkte Anerkennung und reiht sich somit ein in das tägliche Klatschen und Singen auf den Balkonen – dies als ein Ausdruck von Solidarität, von Anerkennung und Respekt.

Doch der Applaus wiegt keine unbezahlten Überstunden auf. Der kollektiven Dankbarkeit müssen konkrete Maßnahmen folgen, um die Arbeitsbedingungen nachhaltig zu verbessern. Tatsächlichen Respekt würden diese Frauen erfahren, wenn sie ein dauerhaft höheres Einkommen erhielten, was später dafür sorgt, dass sie nicht in der Altersarmut landen. Das gilt im besonderen Maße für Alleinerziehende.

Momentan sagen die Zahlen aber - auch in Sachsen-Anhalt -, dass überwiegend Frauen in den Mindestlohnbranchen arbeiten, dass überwiegend Frauen nur in Teilzeit arbeiten. Und das sind die Eintrittskarten für Altersarmut. Das wollen wir ausdrücklich nicht.

Ist aber beispielsweise die Teilzeitarbeit von den Frauen mitunter selbst gewählt?

Jein. Es gibt tatsächlich Teilzeit, die bewusst gewählt ist, um die Pflege der Kinder oder die Pflege von Familienmitgliedern zu realisieren. Es gibt aber gerade in Sachsen-Anhalt auch einen sehr, sehr großen Anteil von Frauen, der unfreiwillige in Teilzeit arbeitet. Man muss genau hinschauen: Wird diese Entscheidung freiwillig getroffen - oder ist diese dem Druck der äußeren Umstände geschuldet.

Was heißt das genau?

Wenn die Frau per se in einer Familie das schlechtere Einkommen hat, dann wird es regelmäßig dazu führen, dass eher die Frau in Teilzeit geht und sich eben um Kinder und Familienangehörige kümmert. Wenn wir aber davon ausgehen können, dass Mann und Frau über ein vergleichbares Einkommen verfügen, sind sie frei in der Entscheidung, wer das tatsächlich praktizieren wird. Und es kann immer Zeiten geben, wo man so eine Entscheidung treffen muss.

Viel Teilzeitarbeit bei Frauen - gewollt oder erzwungen?

Daran wollen wir ja auch nichts ändern. Wir werben aber auch für ein Umdenken in den Unternehmen, damit den Vätern, die sich bereits jetzt stärker einbringen wollen und Elternzeit - insbesondere auch über die beiden sog. Vätermonate hinaus - nehmen wollen, auch die Möglichkeit hierzu eingeräumt wird.

Nun gibt es seit dem 1. Januar 2019 die sogenannte Brückenteilzeit. Frauen können zur Vollzeit zurückkehren. Ist das nicht ein Fortschritt?

Es ist ein wichtiges Moment, dass die überwiegend betroffenen Frauen einen Rechtsanspruch haben, in die Vollzeit zurückzukehren. Allerdings zeigen die Erfahrungen, dass das häufig nicht geschieht. Und da sind wir wieder bei den äußeren Umständen, die zu einer Teilzeit führen. Im Übrigen sind es die gleichen Umstände, die dazu führen, dass Karrierechancen minimiert werden. Das ist nicht zu unterschätzen.

Sicher, ein Großteil der Frauen - aber auch der Männer - hat gar nicht den Wunsch, die Karriereleiter bis ganz nach oben heraufzusteigen zu steigen. Doch auch hier muss ganz klar unterschieden werden: Besteht aus subjektiven Erwägungen gar kein Wunsch oder gibt es objektiv gar nicht die Chance. Hinzukommt dass Teilzeit per se den Aufstieg auf der Karriereleiter bremst, das ist ein Problem in unserer Gesellschaft. Da sind wir wieder bei dem Punkt, welchen Respekt welche Art von Arbeit genießt. Da sehe ich dringenden Bedarf einer Aufwertung.

Dafür ist doch die Zeit gerade günstig.

Ja, der Nachweis, wie wichtig diese Arbeit ist, wird gerade jetzt in dieser Pandemie-Phase erbracht. Wir brauchen die Verkäuferin, die uns Brötchen und Brot verkauft. Wir hätten auch ein erhebliches Problem, wenn gerade jetzt die Pflegekräfte ausfielen. Da wird deutlich, worauf es ankommt.

Sollten Frauen ihre momentan starke Stellung ausnutzen, um mehr für sich zu kämpfen?

Sagen wir mal so: Ich kann verstehen, dass die Kassiererin jetzt gerade andere Dinge im Kopf hat. Sie muss aufpassen, dass sie gesund bleibt, und sie muss aufpassen, dass sie auch familiär alles unter einen Hut bekommt. Aber dafür gibt es ja so einen Verband wie den Landesfrauenrat oder auch die Gewerkschaften. Und natürlich nutzen wir dieses Zeitfenster, um zu sagen: Schaut hin, wer hier gerade die Last trägt und das ist kein Kampf Frauen gegen Männer. Im Gegenteil. Darum geht es gar nicht. Es ist eher vor allem ein Kampf für Solidarität, Respekt und Gemeinschaft. (mz)