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  7. Versorgungskrise in Sachsen-Anhalt: Warum wichtige Medikamente fehlen

Schlechte Versorgung mit ArzneiAlarmierender Medikamentenmangel in Sachsen-Anhalt: Was Sie wissen müssen

In Sachsen-Anhalt herrscht ein akuter Mangel an wichtigen Medikamenten. Von Antibiotika bis zu Blutdrucksenkern, die Knappheit beeinträchtigt die Behandlung und stellt Ärzte und Apotheker vor große Herausforderungen.

Von Lisa Garn Aktualisiert: 08.12.2023, 10:41
Besonders betroffen vom Medikamentenmangel sind laut Verband Antibiotika, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Aber ebenso Blutdrucksenker, Erkältungsmittel, Psychopharmaka, Augentropfen und Augensalben.
Besonders betroffen vom Medikamentenmangel sind laut Verband Antibiotika, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Aber ebenso Blutdrucksenker, Erkältungsmittel, Psychopharmaka, Augentropfen und Augensalben. (Foto: IMAGO/Westend61)

Halle/MZ. - In diesem Winter sollten Lieferengpässe bei Medikamenten behoben sein. Doch jetzt zeigt sich: Die Versorgung bleibt problematisch. „Die Lage ist sehr angespannt“, sagt Norbert Hoffmann vom Landesapothekerverband in Sachsen-Anhalt auf MZ-Anfrage. „Die Nichtverfügbarkeit von Medikamenten wird auch in den kommenden Monaten auf einem hohen Niveau verharren.“

Kommentar zum Medikamentenmangel in Sachsen-Anhalt: Das Gesetz greift zu kurz

Engpässe bei Kindermedikamenten

Besonders betroffen sind laut Verband Antibiotika, sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Aber ebenso Blutdrucksenker, Erkältungsmittel, Psychopharmaka, Augentropfen und Augensalben. Die Knappheit belastet zudem Arztpraxen und Behandlungsverläufe.

„Im Vergleich zum vergangenen Jahr gibt es deutlich mehr Engpässe. Wir kämpfen täglich damit, müssen ständig Therapien umstellen“, so Thomas Dörrer, Vize-Präsident der Landesärztekammer und Hausarzt in Teutschenthal (Saalekreis).

Antibiotika und Fiebermittel fehlen massiv

„Besonders dramatisch ist es bei Antidiabetika, Fiebermitteln und Antibiotika. Es fehlen Antibiotika der ersten Wahl. Greift man auf Breitbandantibiotika zurück, werden Patienten übertherapiert, es ist teurer und kann zu Resistenzen führen.“

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Auch bei Arznei für Kinder bestehen Engpässe. „Aber sie sind nicht so extrem wie im vergangenen Jahr“, so Roland Achtzehn, Vorsitzender des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. „Unsere Palette ist weniger breit, es geht hauptsächlich um Infektmittel. Die sind weitgehend da.“ Antibiotika fehlten aber zum Teil, Ärzte müssten sich mit Apotheken zu Alternativpräparaten abstimmen.

Apotheker im Dilemma

Dass sich die Lage tatsächlich nicht gebessert hat, zeigt ein Blick auf die Liste des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm). Aktuell sind über 500 Präparate von Lieferproblemen betroffen, im vergangenen Herbst waren es rund 300.

Bei den Einträgen handelt es sich auch um Medikamente in bestimmten Dosierungen oder Wirkstoffkonzentrationen, die dann ausgetauscht werden können. Genau das stellt Apotheker aber vor Probleme. „Das Suchen nach Alternativen ist sehr aufwendig und verlangt viel Zeit. Das wird nicht ausreichend honoriert“, so Hoffmann.

Neues Gesetz wirkt nicht wie erhofft

Dabei sollte das im Sommer beschlossene „Lieferengpassbekämpfungsgesetz“ Abhilfe schaffen. So wurden unter anderem Preisregeln vor allem bei Kinderarzneien gelockert, Austauschmöglichkeiten für Apotheker vereinfacht.

Doch Apotheker kritisieren, dass bei Alternativarzneimitteln ein hoher bürokratischer Aufwand geschaffen worden sei. Zudem soll mit dem Gesetz die Produktion von Wirkstoffen in der EU gefördert werden. Doch insgesamt zeigt sich bisher kaum eine Wirkung, sagt Dörrer. „Weil die globalen Konzerne dort verkaufen, wo es am meisten Geld gibt. Hier aber ging es immer darum, Geld zu sparen.“

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Marktkonzentration auf wenige Hersteller, Produktionsausfälle oder Transportprobleme führten zu Engpässen. In der Kritik stehen auch Rabattverträge, die Kassen meist nur mit einem Hersteller abschließen und dafür Preisnachlass erhalten.

„Es muss doch vielmehr darauf geachtet werden, dass Arzneimittel ausreichend vorhanden sind“, fordert Hoffmann. „Alles in allem muss dringend mehr Geld in das System fließen.“

Warum Ärzte und Apotheker skeptisch sind

Skeptisch sind Ärzte und Apotheker auch, ob die seit Freitag geltende Dringlichkeitsliste des Bfarm für Kinderarzneien etwas bringt. Demnach dürfen Apotheker alle gelisteten Mittel ohne Rücksprache mit dem Arzt gegen wirkstoffgleiche Medikamente austauschen, auch in anderer Darreichungsform.

„Aber was nützt eine Liste, wenn kein Arzneimittel zu bekommen ist?“, fragt Hoffmann. „Wir brauchen diesen Handlungsspielraum auch für Arzneimittel, die nicht auf dieser Liste stehen.“