MZ-Leserforum

Marco Tullner beim MZ-Leserforum: Weinende Junglehrer, empörte Bewerber, überlastete Mitarbeiter

Halle (Saale) - Bildungminister Sachsen-Anhalts stellt sich dem Zorn der Lehrer

Von Jan Schumann 10.11.2017, 19:56

Ein Lehrer nutzt die Gunst der Stunde - für eine dramatische Geste. Auf die Bühne überreicht Torsten Barth dem Bildungsminister seinen Antrag auf Versetzung - und belegt so seine Ernsthaftigkeit.

Er wolle nämlich lieber in Brandenburg arbeiten, sagt der empörte Pädagoge. Denn hier in Sachsen-Anhalt bekomme er ja „keine gleichwertige Bezahlung“, klagt der Polytechnik-Lehrer mit DDR-Abschluss aus Halle. Und gibt Bildungsminister Marco Tullner (CDU) den Antrag eben gleich hoch aufs Podium.

Barth rechnet folgendermaßen: In Brandenburg bekommt er mit seinem Abschluss 800 Euro mehr im Monat. Obwohl es hochkontrovers, teils hitzig zugeht: Tullner nimmt die Kritik stoisch und souverän entgegen. „Wir schauen uns das an“, verspricht er Barth.

Und wirbt um Verständnis. „Das Problem ist ja bekannt. Ich kann bloß leider nicht auf den Knopf drücken und sagen: Wir machen das jetzt.“

Akuter Lehrermangel in Sachsen-Anhalt: Bildungsminister Tullner steht mächtig unter Druck

Der akute Lehrermangel in Sachsen-Anhalt - er ist das beherrschende Thema des MZ-Leserforums mit dem Minister. „Was nun, Herr Minister?“ - unter diesem Motto hat die Mitteldeutsche Zeitung zur Debatte geladen - vor fast 300 Lesern im vollen großen Saal der Wissenschafts-Akademie Leopoldina in Halle stellt sich Tullner den Fragen und der Kritik.

Seit Monaten läuft die heiße Debatte über fehlendes Personal an den Bildungseinrichtungen im Land. Der Hallenser Tullner steht also mächtig unter Druck, was nicht heißt, dass er die Debatte in der Leopoldina nur defensiv anginge.

Gleich zu Beginn stellt Tullner klar: „Im Gegensatz zu meinem Vorgänger habe ich mehr Leute eingestellt.“ Und legt sich fest: „Die Trendwende ist da.“ Mehr als tausend neue Lehrer kamen seit März 2016 an die Schulen.

Bei weitem nicht genug, klagen aber die Pädagogen dem Minister im Festsaal. Eine Volksinitiative fordert im Landtag aktuell tausend Lehrer extra zu den Planungen der Landesregierung.

Viele im Saal teilen die Forderung, nehmen Tullner in die Pflicht. So kritisiert der studierte Lehrer Silvio Krüger, dass er zwar von 2015 bis 2016 Sprachunterricht gegeben habe, danach aber gehen musste.

Volksinitiative fordert im Landtag tausend Lehrer extra

Dabei war der Personalmangel damals schon virulent und kontrovers diskutiert – dennoch hatte Krüger nur einen befristeten Vertrag bekommen. „Warum lässt man solche Löcher erst aufreißen?“, fragt er Tullner. Schließlich habe er an seiner Schule nicht nur Deutsch, sondern auch Technik unterrichtet

„Ich habe gute Zeugnisse für meine Arbeit ausgestellt bekommen. Trotzdem schickt man solche Leute nach Hause.“ Tullner sagt zu, auch diesen Fall zu prüfen.

Es ist nicht der einzige Pädagoge, der trotz grassierenden Lehrermangels abgewiesen wurde. So erklärt ein Diplomlehrer, er könne zwar Mathe, Informatik und weitere Naturwissenschaften unterrichten – „ich habe früher Lehrer ausgebildet“ – habe aber auf seine Bewerbung nur eine Drei-Zeilen-Absage bekommen. „Ich könnte fünf Fächer unterrichten.“ Doch in dem Brief habe nur gestanden, „es ergibt sich keine Beschäftigung“.

Um derlei Fälle künftig zu vermeiden, will das Ministerium die Ausschreibungs-Regularien lockern. Tullner gesteht in Halle ein, dass Sachsen-Anhalt vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich auf erhebliche Probleme zurolle.

Dort fehle der Nachwuchs. Und dennoch: Es würden ja auch aktuell weiter Stellen ausgeschrieben - für die spürbare Trendwende brauche es auch Geduld.

Er wirbt um Verständnis: „Ich kann ja in anderthalb Stunden nicht alle Probleme auf einmal lösen.“ Bildlich gesprochen: „Das ist wie auf einem Schiff, das jetzt umsteuert.“

Es ist eine ausgesprochen lebhafte, eine im besten Sinne engagierte Debatte. Man merkt den Lehrern an, welcher Leidensdruck und welches Mitteilungsbedürfnis sich über die Jahre angestaut haben.

Auch wenn der Moderator Hagen Eichler, Leiter des Magdeburger Büros der MZ, immer wieder um kurze Fragen und kurze Antworten bittet, damit möglichst viele zu Wort kommen - fast jeder Debattenteilnehmer redet sich erstmal den Frust von der Seele und erzählt vom Alltag und den Arbeitsbedingungen.

Es bildet sich schnell eine lange Schlange am Saalmikrofon - und sie wird fast zwei Stunden lang nicht kürzer. Einige haben sich Notizen gemacht, anderen merkt man an, dass sie vorher eine kleine Rede einstudiert haben.

Debattenteilnehmer reden sich den Frust von der Seele

Die Lehrer nehmen Tullner auch hart ran, aber meistens bleibt es fair. Nur einmal wirft ihm eine Lehrerin vor, er habe viel geredet, aber nichts gesagt.

Tullner sagt, im laufenden Jahr könnten noch rund 250 Lehrer eingestellt werden. Und finden sich genügend Nachwuchskräfte? „Ich gehe davon aus, dass wir da eine Punktlandung hinlegen.“

Doch auch Junglehrer, die den Sprung in den Landesdienst geschafft haben, melden sich mit Sorgen zu Wort. Mit deutlichen Worten: „Sie missbrauchen die neuen Referendare als Versuchskaninchen“, wirft Elisa Leonhardt dem Minister vor.

Sie kritisiert Tullners Sparmaßnahmen, mit denen Referendare in der Ausbildung nun viel häufiger als zuvor allein vor der Klasse stehen müssen. Zurückgefahren seien die Stunden, die sie mit Begleitung ihrer Mentoren in den Klassenzimmern abhalten.

Stattdessen seien die Nachwuchskräfte heute stärker als zuvor auf sich allein gestellt - von Anfang an. Dafür, moniert die Referendarin, seien die Junglehrer schlicht noch nicht bereit. „Die theoretische Ausbildung an der Uni hat mit der Praxis nichts zu tun.“

Praxisschock für junge Lehrer nach fünf Jahren Universitätsausbildung

Zum einen bedeute das angezogene Pensum enormen psychischen Stress für die jungen Lehrer, zum anderen würden auch die Schüler nicht profitieren.

An diesem Punkt hält Tullner dagegen: „Ich verstehe nicht, wie man nach fünf Jahren Universitätsausbildung so einen Praxisschock haben kann.“ Offenbar sei dies ein Problem der Hochschulausbildung. „Wir müssen an die Systematik unserer Lehrerausbildung ran“, fordert der Minister. „Es bringt ja nichts, wenn wir fünf Jahre Trockenschwimmen üben und dann plötzlich Wasser einlassen.“

Und die angezogenen Zügel bei den Referendaren? Eine gestandene Lehrerin aus Halle drängt: „Herr Minister, so geht das nicht. Wir können die jungen Lehrer nicht alleine lassen und sie einfach in den Beruf hineinwerfen.“

Tullner verspricht, „wir werden das nach einem Jahr evaluieren. Wenn die Leute wirklich ausgebrannt sind, machen wir das rückgängig.“ Er fügt aber vehement hinzu: „Ich halte die Maßnahmen für verantwortbar.“

Das gelte auch für die restlichen „effizienz- steigernden Maßnahmen“ des Ministeriums, die die Gewerkschaften jedoch nur als Rechentrick sehen: etwa die von Tullner aufgestockten Klassengrößen und die gekürzten Lehrerstunden pro Schüler.

Tullner mit leidenschaftlicher Debatte und erhobenem Zeigefinger: Diese Maßnahmen waren richtig und notwendig.“

Als es daraufhin hitzig wird, weil eine Lehrerin die sofortige Streichung dieser Maßnahmen fordert, hält es Tullner nicht mehr auf dem Stuhl. Er springt auf, wird laut und leidenschaftlich, stochert mit ausgestrecktem Zeigefinger durch die Luft: „Diese Maßnahmen waren richtig und notwendig.“

Die Änderungen verhinderten vorerst weitere Fehlstunden an den Schulen. „Die Eltern wären doch empört, wenn noch mehr Unterricht ausfallen würde“, ruft er. „Thüringen, die haben genau solche Probleme!“ Im Nachbarbundesland regiert eine rot-rot-grüne Regierung.

Ein kleiner emotionaler Ausbruch, den das Publikum ihm aber durchgehen lässt. Zwischenzeitlich bekommt der Minister sogar Applaus. Und dann erklärt er wieder und immer weiter.

Bis 2021 sollen Hunderte Lehrer eingestellt werden

Die Landesregierung habe sich doch Ziele gesetzt, um Abhilfe zu schaffen: Bis 2021 sollen Hunderte Lehrer eingestellt werden. Aber jede Erklärung weckt an diesem Abend neuen Widerspruch und führt zu der enormen Intensität in der Debatte.

So scheiden sich auch an der Nachwuchsgewinnung die Geister an diesem Abend. Eva Gerth, Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, moniert: „Wir bilden derzeit nur die Hälfte der Lehrer aus, die wir brauchen.“

Tullner hält dagegen, erst unter ihm sei ein Plan über den langfristigen Lehrerbedarf im Land erstellt worden.

Aber es sind nicht nur Lehrer, auch einige Eltern - und Lehrerausbilder. Wie können Universitäten und Bildungsministerium in Zukunft besser auf Notlagen wie die aktuelle reagieren? „Wann holen sie die Universitäten zurück ins Bildungsministerium“, fragt Hochschuldozentin Marjorie Willey. „Lieber heute als morgen“, so Tullner. „Aber ich habe diese Aufteilung nicht entschieden.“ Aktuell liegt die Zuständigkeit im Wirtschafts- und Wissenschaftsressort.

Und wie passt es zusammen, dass das Land derzeit viele zusätzliche Millionen-Steuereinnahmen verbucht, aber erst 2019 anfangen will, 300 neue Stellen für pädagogische Mitarbeiter zu schaffen?

„Ich kann mir viele Dinge wünschen“, sagt Tullner. „Aber es gibt bis 2018 einen beschlossenen Haushalt, es gibt Gesetze.“ Nur der Finanzminister könne das nötige Geld rausrücken. Dafür habe Tullner in der Vergangenheit im Kabinett immer wieder gestritten.

„Ich bin da kein harmoniesüchtiger Mensch.“ Er könne sich auch vorstellen, aktuell nachträglich Geld in das System zu stecken, um sofort Zusatzkräfte zu holen - das gehe aber nur im Einklang mit Finanzminister André Schröder (CDU). „Ich rufe ihm jeden Dienstag das Wort Nachtragshaushalt zu“, sagt Tullner.

Am Ende ist es ein hitziger, aber fairer Schlagabtausch in der Wissenschafts-Akademie. Viele Lehrer, die Tullner mit Kritik konfrontieren, schieben in Halle den ernst gemeinten Zusatz nach: „Ich respektiere, dass Sie sich hier stellen.“ (mz)