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SeiteneinsteigerWie der Inder Subbaraya per Headhunter-Programm Lehrer in Sachsen-Anhalt wurde

Wegen des Lehrermangels sucht Sachsen-Anhalt Pädagogen international per Kopfgeldjäger-Programm: Nur so wurde die ungewöhnliche Karriere des Inders Anantha Prasad Subbaraya als Mathelehrer möglich.

Von Jan Schumann Aktualisiert: 20.10.2022, 09:16
Startete von null auf 100 in den Lehrerberuf: Anantha Prasad Subbaraya aus Indien unterricht nun Mathe in Sachsen-Anhalt.
Startete von null auf 100 in den Lehrerberuf: Anantha Prasad Subbaraya aus Indien unterricht nun Mathe in Sachsen-Anhalt. (Foto: Andreas Stedtler)

Gommern/Halle/MZ - Seine ersten Tage als Gymnasiallehrer begannen noch vor dem Morgengrauen. 4.30 Uhr klingelte der Wecker für den 24-jährigen Anantha Prasad Subbaraya, er setzte sich in den Zug nach Gommern (Jerichower Land). Bis zum Nachmittag unterrichtete er Mathe an der Europaschule. Und am Abend, zurück in Magdeburg, büffelte er Deutsch-Lektionen - denn Sachsen-Anhalts Behörden verlangten einen Sprachnachweis.

Wenn der Inder heute auf den Berufsstart zurückblickt, sagt er: „Diese sechs Monate waren schon stressig.“ Es ist die Untertreibung des Jahres.

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Neuer Mathelehrer aus Indien: Aus der Hightech-Metropole in die Pfalz

Subbaraya hat einen wilden Ritt hinter sich: durch Deutschland, Sachsen-Anhalt und den Behörden-Dschungel der Republik. Mittlerweile arbeitet der Inder als Gymnasiallehrer, erfüllte sich so einen Kindheitstraum. Und alles nur deshalb, weil Sachsen-Anhalt so dringend neue Lehrer braucht.

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Subbarayas Geschichte beginnt in den Neunzigerjahren in Südindien, wo er in der Elf-Millionen-Metropole Bengaluru aufwächst. Hier baut der Staat Militärflugzeuge, entwickelt Raketen und Satelliten für die Raumfahrt - es ist ein Hightech-Zentrum des Subkontinents.

Der jugendliche Subbaraya hat schon früh einen Wunsch: „Ich wollte immer Lehrer werden“, sagt er der MZ. „Meine Schwester und ich hatten eine Kreidetafel zu Hause, so haben wir für den Unterricht geübt.“ Dass er seine Heimat einmal verlassen könnte, steht ebenfalls früh fest. „Ich wollte nach Europa. Meine Schwester zog es in die USA.“ In Indien absolviert der Hindu zunächst ein Bachelorstudium in Physik, Mathematik und Chemie - 2017 zieht es ihn dann nach Deutschland: an die Technische Universität Kaiserslautern.

Er gab den Berufswunsch nicht auf

Für den 20-Jährigen aus der Raumfahrtmetropole ist die Pfalz eine Erfahrung der etwas anderen Art. Kaiserslautern hat kaum 100.000 Einwohner und keine Straßenbahn. Komplizierter für den jungen Naturwissenschaftler ist aber: Ein Lehramtsstudium in deutscher Sprache traut er sich noch nicht zu – deshalb schreibt er sich in einen englischsprachigen Mathematik-Masterkurs ein. „Ich habe den Lehrerwunsch aber nie aufgegeben und in dieser Zeit viel Nachhilfe-Unterricht gegeben“, erinnert sich Subbaraya.

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Mit Ziffern, Formeln und Gesetzen der Physik kommt der Inder hervorragend zurecht, problemlos liefert er eine Abschlussarbeit mit mehr als 100 Seiten Länge ab. Und: Weil Englisch in seiner südindischen Heimat Amtssprache ist, spricht er es fließend. In Kaiserslautern reift in ihm der Gedanke, jetzt doch noch das Lehramtsstudium nachzuholen. „Aber dann habe ich eine Stellenanzeige im Internet gesehen.“

Lehrermangel in Sachsen-Anhalt: Personalagentur sucht Lehrer für das Land

Es ist eine Anzeige der internationalen Personalvermittlungsagentur „Hays“, die nach Sachsen-Anhalt führt. In Englisch heißt es da: „Beginnen Sie eine erfüllende, stabile und langanhaltende Lehrerkarriere!“

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Das Spezielle an dem Inserat: Sachsen-Anhalt sucht für seine Schulen nicht nur Seiteneinsteiger - also Fachexperten wie Subbaraya, die auch ohne Lehramtsstudium unterrichten wollen. Als erstes Bundesland geht Sachsen-Anhalt mit Personalagenturen wie „Hays“ auch gezielt international auf Fachkräftejagd - denn Bildungsexperten bis hin zu Ministerin Eva Feußner (CDU) sehen wegen des akuten Lehrermangels keine Alternative mehr.

Plötzlich wird Subbaraya klar, dass er sich den Traum vom Lehrerberuf sofort erfüllen könnte. „Die Agentur riet mir: Bewerben Sie sich einfach.“ Zwar müsse er vermutlich noch ein Deutsch-Zertifikat ablegen - aber seine Chancen stünden womöglich nicht schlecht. Denn Mathe- und auch Englischlehrer würden ganz sicher gesucht im Landesdienst.

Ausländerfeindlichkeit im Osten: Soll er wirklich nach Ostdeutschland gehen?

Aber: Soll es jetzt wirklich aus der Pfalz nach Sachsen-Anhalt gehen? „Ich habe mir gründlich überlegt, ob ich das machen soll“, räumt der Inder heute ein. Bekannte warnen ihn vor Ausländerfeindlichkeit in Ostdeutschland. „Meine Eltern haben sich Sorgen gemacht“, sagt der Mathematiker. Doch die Neugier ist stärker, es zieht ihn nach Osten.

Wäre es ohne die internationale Personalagentur überhaupt so weit gekommen? Möglich. Aber Subbaraya sagt: „Hays“ habe ihn sowohl bei der Bewerbung für Sachsen-Anhalts Landesdienst als auch bei Behördengängen für Arbeitserlaubnis und Co. unterstützt. „Das hat sehr geholfen“, sagt er im Rückblick. „Wenn ich praktische Fragen hatte, waren sie immer erreichbar.“

Der Papierkrieg ist das eine. Der praktische Start in den Schuldienst - von null auf 100 - ist das andere. Wie jeder Seiteneinsteiger in Sachsen-Anhalt muss Subbaraya zunächst vor einer Kommission vorsprechen, die jeden Bewerber begutachtet. Hat der Kandidat eine klare Vorstellung vom Lehrerberuf? Ist er auf Berufsstress eingestellt? Kann man ihm Dutzende Schulkinder anvertrauen?

Neue Lehrer für Sachsen-Anhalt: Kommission durchleuchtet Seiteinsteiger-Lehrer

Einer, der solche Gespräche selbst leitet, sagt der MZ: „Etwa zehn Prozent fallen hier durch.“ Jürgen Mannke, früher Schulleiter in Weißenfels im Burgenlandkreis, sitzt in diesen Kommissionen. „Wir alle sind Lehrer mit jahrzehntelanger Erfahrung. Da kriegt man im Gespräch schnell einen Eindruck: Kann der Kandidat in dem Beruf arbeiten?“

Es geht in den Bewerbungsgesprächen auch um die Frage, ob die Kandidaten früher schon einmal mit Kindern gearbeitet haben - im Sportverein oder eben auch in Nachhilfekursen. An dieser Stelle kann Subbaraya offenbar punkten. „Ich wurde auch gefragt, wie ich als Lehrer mit Beschwerden von Eltern umgehen würde“, schildert er. „Die Kommission versucht, so ein Gefühl für den Lehrer-Bewerber zu bekommen.“

Am Ende schreibt die Kommission für jeden Seiteneinsteiger eine Empfehlung: welche Fächer kommen in Frage, welche Schulart? Im Fall Subbaraya notiert sie: Gymnasium, Mathematik.

Im ersten Jahr: Schulvorbereitung haarklein

Im Dezember 2021 hat es der Inder geschafft: Als Gymnasiallehrer darf er künftig bis Klasse zehn unterrichten. Auf gut 30 Stellen hatte er sich beworben, 26 Zusagen kamen zurück. Wie jeder Seiteneinsteiger hat er mittlerweile einen mehrwöchigen Pädagogik-Crashkurs absolviert, berufsbegleitend werden weitere folgen. Die wichtigsten Lektionen im Berufsstart folgen aber im Klassenraum. Zunächst hospitiert er einen Monat an der Europaschule Gommern bei Magdeburg, beobachtet Lehrer im Live-Unterricht. Dann tritt er selbst vor die Tafel.

„Der Einstieg war anstrengend“, sagt der heute 25-Jährige. „Für 45 Minuten Unterricht brauchte ich zwei, drei Stunden Vorbereitung.“ Er blättert durch die sauber notierten Unterlagen. „Ich hatte richtige Skripte für jede Stunde. Von ,Guten Morgen’ bis ,Tschüss’ stand da jedes Wort drin.“ Und abends drückt er in den ersten sechs Monaten auch noch selbst die Schulbank: das letzte Deutsch-Zertifikat.

Heute sieht der junge Inder seinen Start in den Beruf als geglückt an, sagt Subbaraya. Genug hat er jedenfalls noch nicht: Er bemüht sich, bald auch Englisch unterrichten zu können. „Denn auch dort werden Lehrer gesucht.“