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  7. Hochzeit und Auswanderung: Ukrainerin zwei Jahre nach Flucht aus Kiew verheiratet

Ukraine-Krieg Folgt auf Flucht die Auswanderung? Ukrainerin findet mit Georgier das große Glück 

Zwei Jahre Krieg in ihrer Heimat: Die Ukrainer Viktoriia Horobchuk floh mit zwei Kindern nach Sachsen-Anhalt. Ankommen konnte sie nie richtig, auch weil ihr Sohn sehr krank ist. Jetzt hat die 37-Jährige geheiratet und zieht aus Halle weg.

Von Lisa Garn Aktualisiert: 21.03.2024, 15:20
Vor zwei Jahren floh Viktoriia Horobchuk mit ihren Kindern Yanek (im Bild) und Danilo aus der Ukraine von Kiew nach Halle. Im Sommer zieht sie zu ihrem Mann.
Vor zwei Jahren floh Viktoriia Horobchuk mit ihren Kindern Yanek (im Bild) und Danilo aus der Ukraine von Kiew nach Halle. Im Sommer zieht sie zu ihrem Mann. Foto: Schellhorn

Halle (Saale) - Viktoriia Horobchuk ist etwas gestresst. Sie kommt gerade von einem Termin in der Chirurgie: Ihr Knöchel hat sich entzündet, lange hatte sie die Schmerzen nicht ernst genommen. Im März musste sie operiert werden.

Aber: „Es ist alles gut“, sagt sie. Die 37-jährige Ukrainerin wirkt strahlender als noch vor einem Jahr, als sie das Leben nach der Flucht aus Kiew viel Kraft und Zuversicht kostete.

Horobchuk sagt es nicht sofort, aber dann hebt sie ihre Hand mit dem Ehering. Sie hat im Juni 2023 geheiratet. „Und ich bin sehr glücklich. Es war nicht klar, dass ich jemanden finden werde, der mich und meine Situation so annimmt.“ Sie fühle sich sicher, aufgehoben und stärker.

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Ukraine Krieg: Nach Flucht aus Kiew Krisen weggedrückt

Horobchuk hat zwei Kinder. Sie musste in den vergangenen beiden Jahren die Starke sein, hat auch die mentalen Krisen oft weggeschoben. „Das Leben muss weitergehen.“ Seit Beginn des russischen Angriffskrieges war sie in einer Art Daueralarmzustand.

Als sie am 24. Februar 2022 in Kiew Explosionen und Sirenen hörte, packte Horobchuk schnell ein paar Sachen ein und floh mit Yanek, der heute drei Jahre alt ist, und Danilo, 17 Jahre, in den Norden. Nach Tagen in einem Kellerversteck rannten sie um ihr Leben, sahen auf ihrem Weg Leichen und zerstörte Orte. Über Polen kamen sie nach Sachsen-Anhalt.

Die MZ begleitet sie seitdem auf ihrem Weg, das Treffen wird vermutlich das letzte sein. Horobchuk will im Sommer umziehen, zu ihrem Mann nach Hannover.

Mit vier Kindern versteckten sich Viktoriia Horobchuk und ihre Schwester in einem Keller in einem Dorf bei Tschernihiw im Norden der Ukraine.
Mit vier Kindern versteckten sich Viktoriia Horobchuk und ihre Schwester in einem Keller in einem Dorf bei Tschernihiw im Norden der Ukraine.
Foto: Privat

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Von Kiew nach Halle: Verlust der Heimat in der Ukraine nach Krieg

„Es war schwer, hier anzukommen. Ich hatte nur meine Kinder, alles war fremd.“ Sie hatten ihre Heimat und viele Gewissheiten verloren, mussten neu anfangen. Dann wurde bei Horobchuks kleinem Sohn Autismus diagnostiziert, eine neurologische Entwicklungsstörung. „Seitdem ist mein Fokus auf ihn gerichtet. Seine Gesundheit ist das Wichtigste.“

Yanek spricht nicht, er reagiert nur auf vertraute Menschen und ist sehr in seiner Welt versunken. „Aber er versteht jetzt, wenn ich etwas von ihm möchte“, sagt die Kiewerin und gibt ihm einen Kuss auf die Wange. Der Dreijährige isst keine feste Nahrung, bekommt keinen Zucker, keine Laktose, kein Gluten. „Ich koche frisch und püriere dann, mache auch Joghurt selbst, gebe Chiasamen ins Essen. Er soll nur gute Nährstoffe zu sich nehmen.“

Private Fotos von Viktoriia Horobchuk von der Flucht von Kiew nach Halle.
Private Fotos von Viktoriia Horobchuk von der Flucht von Kiew nach Halle.
Foto: Privat

Manchmal ist er nachts stundenlang wach und spielt, Horobchuk ist oft erschöpft. Vor ein paar Monaten hatte Yanek gar nicht mehr gegessen, war noch dazu an einer Grippe erkrankt. „Ich habe ihn in die Notaufnahme gebracht und dachte auch, dass er Zahnschmerzen hat. Nach mehreren Untersuchungen kam heraus, dass er an einer angeborenen Zahnschmelzfehlbildung leidet.“

Hochzeit in Kiew mit Unternehmer mit Transportfirma in Hannover

Dabei werden die nachwachsenden Zähne sehr schmerzempfindlich und bröckelig, weil zu wenig Kalzium und Phospat im Zahnschmelz gebildet werden. „Wir müssen sehr viel Zähne putzen, darauf hat er nie Lust“, sagt Horobchuk.

Nach einem halben Jahr haben wir geheiratet. Weil wir uns sicher sind.

Viktoriia Horobchuk, Ukrainerin

Sie hat sich über Online-Portale mit anderen Müttern von Autisten vernetzt. Oft kreisen ihre Gedanken ausschließlich darum, wie sie ihrem Sohn helfen kann. Und irgendwann im vergangenen Jahr fand sie über soziale Netzwerke auch ihren jetzigen Mann. Gesucht habe sie nicht, sagt sie. Der Kontakt sei einfach so zustande gekommen.

Näher will sie darauf nicht eingehen, auch seinen Namen nicht sagen oder ein Bild zeigen. Er sei ein Jahr älter, Georgier und habe in Hannover ein Unternehmen in der Transportbranche. Er hat auch einen großen Sohn aus einer früheren Beziehung, der aber weiter weg lebe. „Nach einem halben Jahr haben wir geheiratet. Weil wir uns sicher sind.“ Getraut wurden sie auf einem Standesamt in Kiew, Horobchuks Familie war dabei.

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Die Ukrainerin Viktoriia Horobchuk mit ihren Kindern auf der Flucht von Kiew nach Halle.
Die Ukrainerin Viktoriia Horobchuk mit ihren Kindern auf der Flucht von Kiew nach Halle.
Foto: Privat

Emotionale und finanzielle Sicherheit nach Ukraine Krieg und Flucht nach Halle

Ihr Mann kümmere sich liebevoll auch um Yanek. „Mein Sohn hängt sehr an ihm. Er steht nachts auf, wenn Yanek wach ist. Damit ich mich ausruhen kann.“ Er sei für Yanek wie ein Vater. „Ich hätte nie gedacht, dass das so gut geht, dass er auch Yanek so annimmt.“

Ihr gebe er Sicherheit, emotional und finanziell. „Ich habe schon immer gesagt: Ich heirate einen Georgier. Sie sind verantwortungsvoll, pflegeleicht. Es gibt keine Verbote, er lässt mir meinen Raum und will, dass es mir gut geht. Und er ist ein richtiger Mann, ein Chef im guten Sinne. Pantoffelmänner kann ich nicht brauchen.“

Und dennoch nehme er sich auch mal zurück, „damit ich Ruhe habe und mir Last von den Schultern zu nehmen. Er kann sehr gut mit mir umgehen, auch wenn ich mal sauer oder wütend bin.“ Er gehe dann auch weg, damit sie sich abrege und dann sprächen sie in Ruhe. „Genauso ist es gut.“

Sehnsucht in die Heimat Kiew: Das gute, glückliche Gefühl

Sie pendelt zwischen Hannover und Halle. Dort hat sie eher zu Ukrainern Kontakt. Inzwischen lebt ein paar Häuser weiter ihre Schwester mit Mann und Kindern. Zu Deutschen hat sie wenig Bezug, sagt sie. „Mir fehlt manchmal das Positive. Die Stimmung scheint in Deutschland gerade nicht so gut zu sein.“

Sie wolle nicht missverstanden werden: „Ich wurde hier sehr warmherzig aufgenommen, die Menschen haben sich um mich gekümmert. Nur manchen fehlt das gute, glückliche Gefühl. Es ist immer Stress und Druck.“

Sie selbst hat oft Sehnsucht nach ihrer Heimat, nach dem Leben dort. „Es war viel heiterer, die Menschen haben das Leben genossen, haben gefeiert.“ Sie hatte dort als Friseurin gearbeitet, lebte von den beiden Vätern der Söhne getrennt. „Ich vermisse meine Familie. Wir alle haben Schlimmes gesehen und erlebt.“

Angst um Familie: Bilder der Flucht aus Kiew nach Halle bis heute im Kopf

Ihre Entwurzelung wirkt bis heute nach, auch eine posttraumatische Belastungsstörung wurde festgestellt. Manchmal kehren Bilder der Flucht zurück. „Ich lebe immer noch in Angst um meine Familie. Mein Stiefvater kämpft an der Front, auch mein leiblicher Vater.“

Die Oma ist inzwischen gestorben, ihre Mutter sei nun fast allein in Kiew. „Meine Mutter war einmal hier in Halle und hat uns besucht. Das war sehr schön. In der Ukraine waren wir immer alle zusammen, mir fehlt das sehr.“

Das Land, das sie kannte, gebe es nicht mehr. „Die Friedhöfe sind voll. So viele junge Menschen sind gestorben.“ In der Ukraine geblieben zu sein, bedeute Stress und Entbehrung. „In Kiew liegen viele Trümmer. Aber es musste irgendwie weiter gehen.“

Ungewissheit über Ukraine-Krieg: Hoffen auf Unterstützung gegen Russland

Horobchuks Mutter hat eine kleine Schneiderei, zwischendurch waren Aufträge komplett weggebrochen. „Die Ukraine war mal ein Staat, in dem es den Menschen gut ging.“ Wie es weiter geht, das sei nicht klar. „Man kann nicht vorhersagen, wie der Krieg endet oder wie lange er dauert“, so Horobchuk.

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Horobchuk verliert oft nicht zu viele Worte, sie handelt auch das eigene Gefühlsleben eher kurz ab. Geht es um Putin, wird die Stimme lauter. „Ich hoffe, dass es zu keinem Weltkrieg kommt. Und ich hoffe, dass Putin und seine Genossen zur Verantwortung gezogen werden. Wenn nicht auf Erden, dann im Himmel.“

Es sei wichtig, dass ihr Land weiter unterstützt werde. Vor kurzem erst hatte Russland Geländegewinne im Osten des Landes gemeldet. Deutschland unterstützt die Ukraine, finanziell und militärisch. Es ist in Europa der mit Abstand größte Geldgeber, weltweit liegt es hinter den USA an zweiter Stelle.

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Nächster Umzug nach Ukraine-Krieg: Von Halle nach Hannover

In Halle bereitet sich die zweifache Mutter auf einen nächsten Abschied vor. Sie will mit Yanek zu ihrem Mann nach Hannover ziehen. Vieles hat sie bereits aus der Wohnung in Halle nach Niedersachsen gebracht. Danilo wird in wenigen Monaten 18 Jahre alt, er hat eine Freundin und will in der Stadt bleiben.

„Er ist dann volljährig. Ein junger Mann, der sein Leben selbst planen will. Ich kann ihn nicht zwingen, auch wenn die Trennung schwer fallen wird.“ Er war online aus der Ukraine unterrichtet worden und hat gerade seinen Schulabschluss geschafft, vergleichbar mit der Hochschulreife.

„Ich beginne einen Deutschkurs“, sagt Danilo auf Deutsch, er kommt gerade vom Duschen. „Danach möchte ich eine Ausbildung machen. Was, weiß ich nicht.“ Er muss sich noch finden, sagt Horobchuk. „Aber er ist ein schlauer junger Mann. Er macht seinen Weg.“

Vor Flucht nach Halle: Medizinische Tests in Kiew

Horobchuk spricht bisher fast kein Deutsch. Einen Sprachkurs musste sie abbrechen, weil die Eingewöhnung von Yanek in einer Integrativen Kita in Halle schwierig war. „Wir hatten eine sehr gute Begleitung in der Kita, auch eine Logopädin kommt einmal in der Woche. Aber Yanek kommt in einer fremden Umgebung mit fremden Menschen nicht zurecht, er muss sich sehr lange daran gewöhnen“, sagt Viktoriia Horobchuk. Es vergingen Monate, bis er dort Mittagsschlaf hielt.

„Jetzt geht er gerne hin. Ich gebe ihm Boxen mit seinem Essen mit und ich habe endlich etwas Zeit für mich.“ Die verbringt sie weiter damit, sich mit dem Thema Autismus zu beschäftigen. Im April fliegt sie nach Kiew, um ihren Sohn untersuchen zu lassen.

Berufliche Zukunft in Deutschland? Ausbildung zur Ernährungsberaterin

„Es geht um Tests zum Magen, neurologische Untersuchungen, Hirnströme sollen gemessen, ein Gentest gemacht werden. Ich will mehr zu den Ursachen wissen.“ In der Ukraine seien Termine bei spezialisierten Ärzten schneller möglich, sie könne viele Untersuchungen verbinden.

Diese würden in Deutschland nicht verordnet, sie bezahle sie von Erspartem selbst. „Hier werde ich ein bisschen belächelt, weil ich so viel mache und so viele Tests durchführen lasse. Aber mir ist das so wichtig, ich will alles dazu wissen, damit ich meinem Kind helfen kann.“

Derzeit absolviert sie online zudem eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin, die ihr Mann finanziere. Das ist auch ihr berufliches Ziel. Ob sie das in Deutschland angehen wird, ist noch nicht klar.

Rückkehr in die Ukraine nach Ende des Krieges keine Option

Ihr Mann spiele mit dem Gedanken, in die USA auszuwandern, „weil dort die wirtschaftlichen Bedingungen besser sind“. Es ist für die Transportbranche in Deutschland sehr schwer geworden, das merkt auch mein Mann mit seiner Firma“. Sie möchte auch noch ein Kind, sagt sie.

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Horobchuk sieht sich in einer neuen Rolle, ein Zurück in die Ukraine kommt nicht mehr in Frage. „Auch wenn der Krieg enden sollte: Ich habe jetzt einen Ehemann. Ich bin dort, wo er ist.“ Und vielleicht, sagt sie, gingen sie auch nach Georgien. „Es ist ein sehr schönes Land, in dem immer die Sonne scheint.“

Die Begegnung mit ihm habe ihr Leben sehr verändert. „Ich bin froh, dass ich dieses Glück erleben darf. Und will das festhalten.“ Was sie sich wünscht? „Dass alle gesund sind und leben. Das ist das wichtigste, nicht das Auto, nicht das Haus, nicht das Materielle.“