Grippewelle

Grippewelle 2018: Ärztekammer kritisiert Impfpolitik der Krankenkassen

Halle (Saale) - Die Ärztekammer Sachsen-Anhalt übt massive Kritik an den gesetzlichen Krankenkassen und deren Impfpolitik. Hintergrund ist die aktuelle Grippewelle, die eine der schlimmsten der vergangenen Jahre ist.

Von Jessica Hanack 02.03.2018, 01:00

Die Ärztekammer Sachsen-Anhalt übt massive Kritik an den gesetzlichen Krankenkassen und deren Impfpolitik. Hintergrund ist die aktuelle Grippewelle, die eine der schlimmsten der vergangenen Jahre ist.

Das Problem: Der vorwiegend verwendete günstigere Dreifach-Impfstoff gegen die Grippe hilft in dieser Saison nur den wenigsten Betroffenen. Denn drei Viertel der Erkrankungen werden laut Robert-Koch-Institut (RKI) durch einen Influenza-B-Erreger verursacht. Und gegen diesen Virentyp schützt nur der Vierfach-Impfstoff.

Bezahlt wird er aber bisher nur von wenigen Krankenkassen. „Wir haben ein Problem, dass man lösen könnte. Aber das wird von den Krankenkassen blockiert“, sagt Gunther Gosch, Vorstandsmitglied der Ärztekammer.

„Bis heute übernehmen nicht alle Krankenkassen die wichtige Vierfach-Impfung“

Kritik kommt auch von Patienten-Vertretern. „Bis heute übernehmen nicht alle Krankenkassen die wichtige Vierfach-Impfung“, sagt Eugen Brysch, Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz. „Gezahlt wird häufig nur der halb so teure Dreifachwirkstoff.“ Der darin fehlende Virenstamm habe bereits zahlreiche, teils scherwiegende Erkrankungen verursacht.

In Sachsen-Anhalt wurden allein in der Vorwoche mehr als 2.900 neue Grippe-Fälle registriert. Sieben Erkrankte sind bisher gestorben. Bundesweit gibt es fast 120.000 Fälle und 213 Tote.

Eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission, die bereits im November 2017 zur Verwendung der Vierfach-Impfung geraten hatte, wurde bisher weitestgehend ignoriert. Und eine flächendeckende Einführung in dieser Grippesaison ist nun kaum mehr möglich. Denn der Ball liegt jetzt beim Gemeinsamem Bundesausschuss (G-BA) von Krankenkassen, Ärzten und Krankenhäusern.

Barmer zahlt seit Januar die Kosten für den Vierfach-Impfstoff

Das Gremium entscheidet, ob der Vierfach-Impfstoff für alle Patienten kostenlos zugänglich wird - hat dies aber bisher nicht getan. „Es ist unverständlich, dass der G-BA wartet“, sagt Gosch. „Daher sind noch Zehntausende weitere Grippefälle zu erwarten.“ Doch selbst wenn der G-BA sofort im Sinne der Patienten entscheiden sollte, könnte es noch bis zu zwei Monate dauern. So lange kann das Bundesgesundheitsministerium die Entscheidung des Gremiums beanstanden.

Doch auch die Krankenkassen in Sachsen-Anhalt reagieren zögerlich. Zwar zahlt die Barmer seit Januar die Kosten für den Vierfach-Impfstoff - aber nur für Risiko-Patienten wie chronisch Kranke, Senioren und Schwangere. Auch die AOK zahlt die Impfung nur im medizinisch begründeten Einzelfall. „Die Krankenkassen sehen das monetär. Sie sind nicht bereit, zusätzliches Geld für einen umfassenderen Wirkstoff auszugeben“, kritisiert Ärztekammer-Vorstand Gosch.

Die Kassen erklären, ihnen seien durch mehrjährige Verträge die Hände gebunden. Darin sichern die Kassen den Herstellern zu, dass Versicherte deren Präparate - also bisher den Dreifach-Impfstoff - erhalten. Dafür wird ein Rabatt gewährt.

Die Verträge laufen bis 2019. Sollte der G-BA seine Richtlinie überarbeiten, würde sich die Situation ändern, sagt Barmer-Sprecher Thomas Nawrath. „Die Verträge verlieren dann ihre Gültigkeit.“ Er erwartet, dass der Vierfach-Impfstoff ab Herbst zur Pflichtleistung wird. (mz)