Google Street-View

Google Street-View: Warum Sachsen-Anhalt und Deutschland ein weißer Fleck sind

Halle (Saale) - Zehn Jahre nach Start ist Googles Street-View-Funktion weltweit erfolgreich. Weltweit? Nein, Deutschland ist ein weißer Fleck

Von Steffen Könau 09.10.2017, 10:00

Der Hof der Moritzburg in Halle immerhin ist begehbar. Auch die Wasserburg von Roßlau, Brücke und ein Stück vom Markt in Wittenberg. Doch nach einmal rundherum drehen ist Schluss. Straßen virtuell abzulaufen, sich Sehenswürdigkeiten vor einer Reise am Computer anzuschauen oder berühmte Plätze am Handy zu besuchen, seit dem Start von Googles Street-View-Programm selbst in Indien, Bolivien, Ghana und Kirgistan möglich, - in Sachsen-Anhalt, Teil eines hochentwickelten Landes mitten in Europa, ist es ein Ding der Unmöglichkeit.

Google Street-View: Deutschland ist ein weißer Fleck

Und nicht nur in Sachsen-Anhalt. Ganz Deutschland ist auf Googles Street-View-Karte (oben) ein überwiegend weißer Fleck. Wo es blau schillert, sind es meist Bilder von Hobbyfotografen, die freiwillig und unentgeltlich Fotos und Panoramaaufnahmen zum Landkartenprogramm des kalifornischen Internetriesen hinzugefügt haben. Google selbst hat Deutschland von seiner Liste der Länder gestrichen, in denen speziell aufgerüstete Pkw mit 360-Grad-Kameras sämtliche Straßen abfahren, um die gesamte reale Welt mit Hilfe von jeweils neun Kameras und drei Lasermessgeräten ins Internet zu übersetzen.

Mit Google Street-View lassen sich fremde Orte erkunden

Street View funktioniert ganz einfach. Nach Aufrufen der Google-Maps-Karte findet der Nutzer in der unteren rechten Ecke ein kleines gelbes Männchen, das sich mit Hilfe der Maus bewegen lässt. Platziert der Anwender es jetzt an seinen gewünschten Zielort, weil er sich diesen anschauen möchte, verwandelt sich die Straßenkarte in ein interaktives Bild. Über die Computertastatur und die Maus oder eine App für das Smartphone lassen sich nun Orte erkunden, als wäre man direkt dort: Der Besucher kann vorwärts laufen, sich umsehen, sich herumdrehen, die Richtung ändern oder näher an Häuser herantreten. Teilweise gestattet es Google inzwischen sogar, Geschäfte zu betreten und sich in Gebäuden zu bewegen.
Nicht jedoch hierzulande. So ist es für Touristen oder einfach Neugierige derzeit kein Problem, den abgelegenen Masroor-Rock-Temple in Pakistan am Computer zu besuchen, den Khumjung-Nationalpark in Nepal abzuwandern oder die Lage nahezu jeder Ferienwohnung in Valencia zu erkunden.

Halle, Magdeburg: Nur mit Amateuraufnahmen versehen

Halle, Magdeburg, Dessau und Wittenberg, aber auch Chemnitz, Rostock, Bayreuth und Augsburg dagegen, finden bei Street View nur als Landschaften und Straßenkarten statt, gelegentlich verziert mit mehr oder weniger gelungenen Amateuraufnahmen. Die eigentliche Funktion des dreidimensionalen Kartendienstes, Nutzern einen virtuellen Spaziergang durch einen Ort zu gestatten, gibt es für Deutschland - von Ausnahmen aus den 20 größten Städten abgesehen - nicht.

Politik möchte keine Google-Aufnahmen in Deutschland

An Google liegt das nicht. Vielmehr war es die deutsche Politik, die auf die Barrikaden ging, als Google zwischen 2008 und 2009 begann, Deutschland zu fotografieren. Datenschützer hatten zuvor vor „massenhaften Verletzungen der Privatsphäre“ gewarnt, obwohl Google versichert hatte, dass zufällig aufgenommene Menschen aus den Bildern gelöscht werden. Thilo Weichert, Leiter des Unabhängigen Landeszentrums für Datenschutz Schleswig-Holstein, ordnete die Absichten Googles dennoch kategorisch ein: Es handele sich um „die digitale Erfassung von Wohnungen und Grundstücken im Eigentum oder genutzt von natürlichen Personen, also um personenbezogene Daten, zum Zweck der Übermittlung im Internet.“ Damit sei der Dienst nicht zulässig.
Die Bundespolitik drohte daraufhin mit einem Gesetz gegen Street View und zwang den Konzern, Widerspruchsformulare ins Netz zu stellen, mit deren Hilfe die 19 Millionen deutsche Hausbesitzer ihre Fassaden verpixeln lassen konnten.
Wie wichtig denen diese Frage war, zeigen die Zahlen: Gerademal 244 000 Einsprüche gingen bei Google ein, die meisten aus Hamburg, Berlin, München und dem Ruhrgebiet. Keine relevante Größenordnung, doch für das US-Unternehmen genug, alle Pläne zum weiteren Ausbau der Street-View-Funktion in Deutschland auf Eis zu legen. Zur Begründung hieß es, dass die Möglichkeit, Aufnahmen auf Antrag vorab verpixeln lassen zu können, einen zu großen Aufwand bedeute und überdies zu Fehlern führe. Solange Bürgerinnen und Bürger die Möglichkeit hätten, der Veröffentlichung von Abbildungen ihrer Wohnhäuser zu widersprechen, werde Google keine neuen Aufnahmen in Deutschland machen.

Google Street-View-Autos machen in Deutschland Aufnahmen, die nicht veröffentlicht werden

Dabei ist es bis heute geblieben. Wenn trotzdem jetzt wieder gelegentlich eines der unübersehbaren Street-View-Autos auf deutschen Straßen zu sehen ist, dann nur, weil Google Aufnahmen machen lässt, die nicht zur Veröffentlichung bestimmt sind. Mit den Touren, die noch bis November durchgeführt werden, werde nur Datenmaterial im normalen Kartenprogramm Google Maps aktualisiert, heißt es bei Google. So sollen Informationen über Straßennamen und -schilder, Streckenführungen und Geschäfte ergänzt werden. Es gäbe hingegen weiter keine Pläne, dieses Material bei Street View zu veröffentlichen.

Abrufzahlen für Google Street-View aus Deutschland am höchsten

Obwohl Deutschland eines der Länder ist, aus denen heraus die Abrufzahlen für Street-View-Bilder nach Angaben von Google am höchsten sind, bleibt das Land damit gleichzeitig abgehängt beim digitalen Fortschritt. Während andere Länder inzwischen sogar von Kamerateams erschlossen werden, die zu Fuß interessante Wanderwege und Berggipfel fotografieren, bleibt das selbst ernannte High-Tech-Land Deutschland auf dem Niveau von Weißrussland, Bosnien-Herzegowina, dem Kosovo und der Ukraine. Spätestens wenn Street View mit der zunehmenden Verbreitung von 3D-Brillen und selbstfahrenden Autos einen weiteren Bedeutungsschub erfährt, wird sich der Rückstand bemerkbar machen. (mz)