Enkeltrick

Enkeltrick: Warum Deutschland ein „Eldorado“ für diese Betrüger ist

Halle (Saale) - Es ist immer das Gleiche. Ein Dienstag im vergangenen Sommer. In Braunschweig klingelt ein Telefon. Eine 80-jährige Dame nimmt ab. Am anderen Ende: „Na, rate mal, wer dran ist?“ Sie stutzt, ist überrascht, ihr Neffe vielleicht? „Bist Du’s?“ Sie hat angebissen. Nun spielt der Anrufer sein dreckiges Spiel. Er spielt den Neffen, er umgarnt die alte Dame, er lullt sie ein. Dann macht er Druck. Er braucht Geld, 30 000 Euro für einen dringenden Kauf. Er bittet, die Frau willigt ein. Sie geht zur Bank, holt ihre ersparten 20 000 Euro, übergibt sie, wie mit dem angeblichen Neffen verabredet, einer Frau. Dann ist die Frau weg, das Geld auch. Der Spuk ist vorbei. Die alte Dame merkt, was sie getan hat. Besser, was ihr passiert ...

Von Bernhard Honnigfort 19.01.2018, 10:51
Der wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs angeklagte Marcin K. im Gerichtssaal im Strafjustizgebäude in Hamburg (Aufnahme vom 25. Januar 2017).
Der wegen gewerbs- und bandenmäßigen Betrugs angeklagte Marcin K. im Gerichtssaal im Strafjustizgebäude in Hamburg (Aufnahme vom 25. Januar 2017). dpa POOL

Es ist immer das Gleiche. Ein Dienstag im vergangenen Sommer. In Braunschweig klingelt ein Telefon. Eine 80-jährige Dame nimmt ab. Am anderen Ende: „Na, rate mal, wer dran ist?“ Sie stutzt, ist überrascht, ihr Neffe vielleicht? „Bist Du’s?“ Sie hat angebissen. Nun spielt der Anrufer sein dreckiges Spiel. Er spielt den Neffen, er umgarnt die alte Dame, er lullt sie ein. Dann macht er Druck. Er braucht Geld, 30 000 Euro für einen dringenden Kauf. Er bittet, die Frau willigt ein. Sie geht zur Bank, holt ihre ersparten 20 000 Euro, übergibt sie, wie mit dem angeblichen Neffen verabredet, einer Frau. Dann ist die Frau weg, das Geld auch. Der Spuk ist vorbei. Die alte Dame merkt, was sie getan hat. Besser, was ihr passiert ist.

Enkeltrick: Eine Verbrechensform mit großer Zukunft

Es nennt sich Enkeltrick. An jenem Sommertag bekamen noch mindestens sieben andere ältere Damen in Braunschweig einen solchen Anruf. Und keiner weiß, wie viele noch in Deutschland. Eine Verbrechensform mit großer Zukunft, sagen Kriminalisten. Deutschland wird älter, und nicht wenige alte Leute haben eine Menge Geld auf der hohen Kante. Ein lohnendes Ziel, sagen Kriminalisten. Ein Feld, auf dem sich das Verbrechen organisiert hat. Tausende solcher Anrufe in Deutschland jeden Tag. Meist klappt es nicht, aber oft genug doch. Es gibt keine genauen Zahlen. Nur Schätzungen, die in die Millionen gehen.

Lolli ist eine Legende in Gangsterkreisen. Lolli, so nennen ihn sein Roma-Clan und seine Freunde. Hellgraues Sweatshirt, dunkle Haare, akkurater Bart, angenehme Stimme. Er heißt Marcin K., alias Jeff Orlowski alias Marek Novak, ist polnischer Staatsbürger, in Deutschland groß geworden, 30 Jahre alt, verheiratet, drei Kinder, drei, elf, zwölf Jahre alt. Seine Frau sitzt im Zuschauerraum des Hamburger Landgerichts, Saal 337, er auf der Anklagebank. Ab und zu dreht er sich um und lächelt ihr zu, sie lächelt zurück.

Haustürgeschäfte: Die Täter klingeln bei den Opfern und verwickeln sie an der Tür in ein Gespräch. Dabei versuchen sie häufig, minderwertige Waren zu überhöhten Preisen an den Mann zu bringen. Oft haben sie es auch auf die Geldbeutel der Opfer abgesehen. Dann lenkt einer der meist zu zweit auftretenden Täter das Opfer ab, während der andere in das Portemonnaie greift oder andere Wertsachen stiehlt. Oft versuchen die Täter auch, das Haus zu betreten, etwa um am Tisch über das vermeintliche Geschäft zu verhandeln. 

Bauernfängerei: Die Opfer erhalten Briefe oder Anrufe, in denen ihnen hohe Gewinne versprochen werden. Wenden die Opfer ein, dass sie an keinerlei Gewinnspielen teilgenommen haben, wird ihnen oft gesagt, dass es sich um automatische Ziehungen handele. Damit sie ihre angeblichen Preise erhalten, sollen sie ihre Bankdaten angeben oder einen Geldbetrag überweisen, der angeblich für den Versand oder die Bearbeitung benötigt wird. Gewinne erhalten die Opfer aber in der Regel nie.

Enkeltrick: Die Täter melden sich per Telefon oder auch an der Haustür bei den meist betagten Opfern und geben sich als (entfernte) Verwandte aus. Dabei täuschen sie häufig eine angebliche Notlage vor und bitten um Geld, etwa um eine Reparatur oder Ähnliches zu bezahlen. Melden sich die Betrüger per Telefon, kündigen sie meist an, einen Bekannten zu schicken, der das Geld abholen soll. Die Täter setzen hier besonders darauf, dass ihre Opfer nicht gut hören oder sehen und sie so nicht als Fremde erkennen.

Gerade hat Richter Bernd Steinmetz die Sitzung unterbrochen. Lollis Frau feilt ausgiebig ihre Fingernägel. Es ist der 60. Verhandlungstag, Ende des Monats bekommt er sein Urteil. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm bandenmäßigen Betrug in 43 Fällen vor, begangen zwischen November 2011 und Mai 2014. Ein Riesenverfahren: 18.000 Seiten Akten, 27 Umzugskartons voll. Lolli war im Juli 2016 in Ungarn von Zielfahndern geschnappt worden. Man überstellte ihn nach Deutschland, vor einem Jahr begann sein Prozess. Bis November 2017 schwieg er, dann, am 6. November, teilte Richter Steinmetz Lolli und seinen Verteidigern mit, welchen Eindruck er vom Angeklagten gewonnen hatte und welches Strafmaß dem Gericht ungefähr vorschwebt: mindestens zwölf Jahre Haft. Und zwölf auch nur, wenn der Angeklagte ein Geständnis ablegen würde. Danach verwandelte Lolli sich. Er gestand, er belastete Clanmitglieder, er gab Hinweise. Es sprudelte aus ihm heraus.

Enkeltrick wurde vor 20 Jahren in Hamburg erfunden

Nun ist Ende der Beweisaufnahme. 75 Zeugen hat das Gericht gehört. Lollis angeblich größter Coup war ein Anruf in Österreich. Juli 2015, eine 82-Jährige, er gab sich als Freund aus der Kriegszeit aus, der Geld für eine Immobilie brauchte. Sie gab einem Abholer 640.000 Euro.

Der Enkeltrick. Vor etwa 20 Jahren erfunden in Hamburg. Es war ein Zufall. Der Teppichhändler Arkadiusz L., genannt Hoss, soll während eines missverständlichen Telefonats mit einem Kunden drauf gekommen sein. Wieso Teppiche verkaufen, wenn man alten Leuten das Geld auch so aus der Tasche quatschen kann? Damit fing alles an. Hoss steht gerade in Warschau vor Gericht. 1976 war er nach Deutschland gekommen, 1996 nach Hamburg gezogen, von wo aus er ein europaweites Betrüger-Netzwerk aufbaute. Lolli ist sein Sohn.

Die Masche ist immer dieselbe, ein Netzwerk steht dahinter, Täter in verteilten Rollen: Anrufer, Logistiker, Fahrer, Abholer. Von Polen aus rufen sie an. Die Anrufer, Keiler genannt, haben CDs mit Telefonnummern aus ganz Deutschland, Österreich, Luxemburg, der Schweiz. Sie suchen nach altmodischen Vornamen, die auf ein hohes Alter schließen lassen: Irmgard, Gertrud, Monika, Ingeborg, Helga. Sie sprechen perfekt Deutsch, sie sind nett am Telefon. Sie rufen 300, 400, manchmal 500 Leute an pro Tag. Sie sind Neffen, Enkel, ehemalige Freunde, sie brauchen immer Geld. Mal ist es ein dringender Hauskauf, der nicht platzen darf. Oder ein günstiges Auto. Mal eine teure Operation.

Enkeltrick: Wortlose Übergabe am Aufzug oder an der Wohnungstür

Ist eine Geldübergabe vereinbart, kommen die Logistiker. Sie checken den Wohnort des Opfers aus, den Standort der Bank. Sie sind vorher da und beobachten, ob Polizei auftaucht. Dann kommen die Fahrer mit den Abholern, denn der Neffe, Enkel, alte Freund, wer auch immer, kann gerade nicht kommen, aber er schickt eine Freundin, Tochter, Studienkollegin. Ist sie da, geht es sehr schnell. Wortlose Übergabe am Aufzug oder an der Wohnungstür oder auf der Straße. Eine alte Frau warf einer Abholerin einmal einen fetten Geldumschlag einfach aus dem Fenster zu.

Danach fast immer das Gleiche. Beim Opfer Erschrecken über das eigene Versagen. Ein Schock, Scham. Wie konnte mir das passieren? Die Betrüger teilen sich die Beute: Die Hälfte für den Keiler, die andere für Fahrer, Logistiker, Abholer.

Experte zum Enkeltrick: „Da kommt etwas auf uns zu“

Joachim Ludwig erzählt eine Geschichte. Er ist Kriminalhauptkommissar in Köln, 56 Jahre alt, Mitglied beim Bund deutscher Kriminalbeamter (BdK). Er gilt als einer der Experten bei der Bekämpfung der Enkeltrickbetrügerei in Deutschland. Er engagiert sich, ihn lässt das Thema nicht mehr in Ruhe. „Weil mich das berührt“, sagt er. „Weil da etwas auf uns zukommt.“ Seine Geschichte: Eine alte Frau telefoniert vormittags mit ihrer Enkelin. Ihrer echten Enkelin. Sie reden über dies und das und sogar über Enkeltrickbetrug. Später am Tag ein Anruf, eine Frau, die sich als ihre Enkelin ausgibt. Die alte Dame fällt darauf herein, 100 000 Euro weg. Unbegreiflich? Ludwig hat Fälle erlebt, wo alte Leute falschen Enkeln Geld gaben, obwohl sie mit ihren echten Enkeln im selben Haus zusammen lebten. „Einfacher als mit dem Enkeltrick kann man kein Geld verdienen“, sagt Ludwig. Alte Menschen reagierten nicht mehr adäquat, sagt er. Das gesunde Misstrauen nehme im Alter ab. So ein Telefonat sei Stress, eine Falle, es wirke hypnotisierend. „Es ist einfach so.“

Ludwig warnt vor Überheblichkeit und falscher Selbsteinschätzung: „Irgendwann wird es uns alle einmal erwischen“, sagt er. „Wir leben in der Illusion, uns könnte so etwas nicht passieren. Aber die Täter wissen es besser. Klappt es dieses Jahr nicht, rufen sie nächstes Jahr wieder an. Oder übernächstes. Irgendwann klappt es.“ Deutschland müsse sich mehr um seine Alten kümmern, sagt er. Alte Leute fürchteten, überfallen, ausgeraubt oder beklaut zu werden, was eher selten vorkomme. „Aber niemand fürchtet sich vor dem Enkeltrick“, sagt er. „Ein Fehler.“

Enkeltrick: Schutz ist schwierig, Prävention funktioniert nicht

Den Tätern beizukommen, sei schwierig, erzählt Ludwig. Die Tatwaffe ist ein Handy, dessen Karten ständig ausgetauscht werden. Alles geht schnell, es gibt so gut wie keine Spuren. Um Täter zu finden, um das System zu erkennen, um an Hintermänner ranzukommen, braucht die Polizei schnell Telefondaten. Deutschland sei da einfach zu langsam. Deutschland sei für solche Betrüger ein „Eldorado“ geworden. Es brauche übergeordnete Polizeistellen, die sich nur um derartige Betrugsfälle kümmerten und den Überblick behielten, fordern Ludwig und andere Kollegen vom BdK.

Schutz ist schwierig, Prävention funktioniert nicht. Die Polizei warnt mit mehr oder weniger Erfolg vor Einbrechern oder Autodieben. Aber bei Enkeltrickbetrügern nützt es nichts, weil sich alle sicher vor ihnen fühlen. In der Regel können nur aufmerksame Bankangestellte das Schlimmste verhindern, wenn plötzlich eine aufgewühlte ältere Dame am Schalter steht und schnell 50.000 oder 150.000 Euro abheben will.

Staatsanwalt fordert 14 Jahre Haft für Enkeltrick-Betrüger

Lollis Verteidigerin hat einen Antrag gestellt. Er habe Drogen genommen, er habe Angst, er sei emotional instabil, fühle sich abgelehnt. Er leide unter einer Persönlichkeitsstörung, wofür ja auch diese teuren Autos sprechen würden, die Lolli fuhr, als er noch ein freier Mann war. Richter Steinmetz lehnt den Antrag schließlich ab. „Keinerlei Hinweise auf abnormes Verhalten“. Der Antrag solle nur den Prozess verschleppen.

Vergangenen Montag hielt die Staatsanwaltschaft dann ihr Plädoyer und forderte 14 Jahre Haft. Der Angeklagte habe keinerlei Reue gezeigt, das Geld der Alten habe er „für ein Luxusleben verprasst“. Wenn er in Hamburg verurteilt worden ist und irgendwann seine Haft abgesessen hat, soll er an Österreich, die Schweiz und Luxemburg ausgeliefert werden. Man will ihm auch dort den Prozess machen.

Die polnische und deutsche Polizei hat den Lolli-Clan zerschlagen. Man merke es ein wenig, erzählt Kriminalhauptkommissar Ludwig. Ein klein bisschen ruhiger sei es geworden. „Aber keine falschen Hoffnungen. Das wird wieder mehr.“ (mz)