Eine Sache des Idealismus

Eine Sache des Idealismus: Jugendämter in Sachsen-Anhalt ringen um Pflegeeltern

Magdeburg/Halle (Saale) - Die dringende Suche nach Pflegeeltern ist in vielen Städten Sachsen-Anhalts ein bekanntes Problem. Aus Sicht der Experten müssen die Rahmenbedingungen nachgebessert werden.

Die dringende Suche nach Pflegeeltern ist in vielen Städten Sachsen-Anhalts ein bekanntes Problem. dpa

Der Bedarf an Pflegefamilien scheint in Magdeburg immens zu sein. Die Stadt investiert sogar in eine Werbekampagne, um auf allen 220 Litfaßsäulen dafür zu werben. Wie viele Pflegeeltern in der Landeshauptstadt gebraucht werden, war jedoch nicht zu ermitteln.

„Wenn man sich anguckt wie viele Kinder unter drei Jahren in stationären Hilfen zur Erziehung untergebracht werden, (...) dann erkennt man wie hoch der Bedarf ist“, erklärt Carmen Thiele, Referentin des Bundesverbandes der Pflege- und Adoptivfamilien. Die Betreuung - insbesondere der kleinen Kinder - in einer Pflegefamilie hält sie für die weitaus bessere Alternative. Viele der Kinder hätten einen „schweren Rucksack“ zu tragen - etwa Vernachlässigung oder Folgeschäden von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft.

Menschen zu finden, die Pflegekinder aufnehmen wollen und können, wird aber für Jugendämter in Deutschland zunehmend schwieriger. Das hat verschiedene Gründe.

Pflegeeltern: Die Schwachstelle der Rahmenbedingungen

Kinder unter drei Jahren bräuchten Betreuung und Zuwendung. Dafür müssten die Eltern im Beruf kürzer treten, sagt Thiele. Hier zeige sich eine Schwachstelle der Rahmenbedingungen. Denn im Gegensatz zur leiblichen Elternschaft oder bei einer Adoption gibt es für Pflegeeltern kein Elterngeld - auch nicht bei einer Vollzeitpflege.

Ein sogenanntes Pflegegeld soll indes Anreize für Interessierte setzen. Es besteht in Deutschland aus einem Unterhaltsteil für Sachleistungen und einen Ausgleich für den Erziehungsaufwand. Zweiterer beläuft sich auf Empfehlung des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge auf etwa 245 Euro, die genaue Summe hängt unter anderem vom Alter des Kindes ab.

In den Überlegungen von vielen Erwerbstätigen spielt diese geringe Ausgleichszahlung durchaus eine Rolle. Denn die Höhe der Zahlungen liegt deutlich unter der des durchschnittlichen Elterngeldes. Der Staat setzt also deutlich höhere finanzielle Anreize für das eigene oder ein Adoptivkind als für eine Vollzeitpflege. „Das verdeutlicht auch, warum es schwierig ist, Erwerbstätige zu gewinnen - für diesen Betrag“, betont Thiele.

„Elterngeldanaloge Leistung für die Neuaufnahme eines Kindes“ gefordert

Sie fordert daher eine „elterngeldanaloge Leistung für die Neuaufnahme eines Kindes“. Dies sei gerade in der ersten Zeit wichtig, wo der Bindungsaufbau eine besondere Rolle spiele und das Kind eine Perspektive brauche.

Der finanzielle Anreiz sei sicher nicht der ausschlaggebende Punkt, sagt Birgit-Patricia Eilenberger vom Fachzentrum für Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalt. „Pflegeeltern machen das nicht wegen des Geldes.“ Es sei in der Regel Idealismus, der hinter der Entscheidung, ein Kind bei sich aufzunehmen, stünde. „Und dennoch muss das anständig bezahlt werden.“

Sie sieht den Grund für den Mangel an Pflegefamilien im demografischen Wandel und im aktuellen Zusammenspiel der Jugendämter mit den Pflegeeltern. „Die Pflegeeltern brauchen neben einer guten Sachberatung auch emotionalen Beistand. Das ist aber nicht in erster Linie die Aufgabe des Jugendamtes, und überlastete Jugendämter könnten dies auch gar nicht leisten“, sagt Eilenberger.

Pflegeeltern vor emotionaler Zerreißprobe

Die Last, die viele Kinder aus ihren Herkunftsfamilien mitbrächten, stelle auch die Pflegeeltern vor eine emotionale Zerreißprobe. Das Fachzentrum bietet daher unter anderem über ein Nottelefon Hilfe und Entlastung an.

Zufriedene Pflegefamilien seien die beste Werbung für dieses Familienmodell. Doch dafür bedürfe es mehr Hilfestellung seitens der Ämter, sagt Eilenberger. Man müsse sich bewusst werden, dass diese Kinder „schwere Schicksale mit in die Pflegefamilien bringen“. Besuchsregelungen mit den leiblichen Eltern brächten oft zusätzlich Unruhe. Dadurch entstehende Konflikte strapazierten die Pflegefamilien, die sich in erster Linie Ruhe für das Kind wünschten. (Wilhelm Pischke, dpa)