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Patente im Osten Einfach nur genial! Diese DDR-Erfindungen werden noch immer verwendet

Weil viele Produkte fehlten, musste die DDR eigene Lösungen finden. Aus Mangel entstand ein erstaunlicher Erfindergeist. Manche dieser Ideen gingen um die Welt, andere waren ihrer Zeit so weit voraus, dass sie im eigenen Land verboten wurden.

Von Jonas Lohrmann 13.01.2026, 12:53
Bis heute werden in Jena Sensoren für den Einsatz im All gefertigt und weltweit genutzt.
Bis heute werden in Jena Sensoren für den Einsatz im All gefertigt und weltweit genutzt. Foto: Jan-Peter Kasper/dpa

Halle (Saale)/Magdeburg/DUR. – Leere Regale, Materialmangel und Lieferengpässe gehörten zum Alltag der DDR. Doch genau diese Knappheit brachte eine besondere Form von Erfindergeist hervor.

Weil viele Produkte aus dem Westen nicht verfügbar waren, mussten Wissenschaftler, Ingenieure und Tüftler eigene Lösungen entwickeln. Manche dieser Ideen gingen um die Welt. Andere waren so modern, dass sie sogar im eigenen Land verboten wurden.

Malimo: DDR-Erfindung revolutionierte weltweite Textilindustrie

Eine der bedeutendsten DDR-Erfindungen stammt aus der Textilindustrie. In den 1950er-Jahren entwickelte der Ingenieur Heinrich Mauersberger ein neues Verfahren zur Herstellung von Stoffen: Malimo.

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Anders als herkömmliche Textilien wurde dieses Material nicht gewebt oder gestrickt, sondern aus losen Fasern zusammengenäht. Das war schneller, billiger und deutlich flexibler – also perfekt für eine Mangelwirtschaft.

Im Jahr 1989 feierte der VEB Malitex Hohenstein-Ernstthal das 40-jährige Malimo-Jubiläum und sein 25-jähriges Bestehen. Der Betrieb ist Geschichte, das Verfahren wird weltweit weiter genutzt.
Im Jahr 1989 feierte der VEB Malitex Hohenstein-Ernstthal das 40-jährige Malimo-Jubiläum und sein 25-jähriges Bestehen. Der Betrieb ist Geschichte, das Verfahren wird weltweit weiter genutzt.
Foto: Imago/Wolfgang Schmidt

Was als Notlösung begann, wurde zur Weltinnovation. Im Erzgebirge entstand mit dem VEB Malitex eines der größten und modernsten Textilunternehmen der DDR. Die Maschinen wurden in mehr als 40 Länder verkauft. Ein US-Unternehmen lizenzierte sogar das DDR-Verfahren.

Erfinder Mauersberger wurde durch seine Erfindung jedoch nicht reich. Bis heute ist nicht bekannt, wohin die Devisen damals geflossen sind.

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Das Malimo-Prinzip bildet bis heute die Grundlage moderner Vliesstoffe. Ob OP-Kittel, Filtermaterial, Autositze oder Schutzkleidung: Überall steckt die Idee aus einer DDR-Fabrik der 1950er-Jahre drin. Und während Mauersbergers Stoffe um die Welt gingen, arbeitete die DDR längst an neuen Materialien.

Dederon statt Nylon: Wie die DDR ihre eigene Hightech-Kunstfaser entwickelte

Weil Nylon im Westen produziert wurde und kaum zu beschaffen war, entwickelte die DDR ihre eigene Kunstfaser: Dederon. Das Material war leicht, reißfest und pflegeleicht – ideal für Kleidung, aber auch für Seile, Netze und technische Anwendungen.

Eine Verkäuferin präsentiert einen Brautschleier aus Dederon-Batist.
Eine Verkäuferin präsentiert einen Brautschleier aus Dederon-Batist.
Foto: Imago/Sächsische Zeitung/Gunter Hübner

Dederon war damit ein früher Vorläufer moderner Hightech-Fasern, die heute in Funktionskleidung, Fallschirmen oder Industriegeweben stecken. Die DDR hatte sich ein Stück textile Unabhängigkeit erschaffen und gleichzeitig eine Zukunftstechnologie vorweggenommen.

Medizinische Pionierleistung aus Ostberlin: Die erste künstliche Bandscheibe der Welt

Auch die Medizin profitierte vom ostdeutschen Tüftlergeist. In Berlin entwickelten die Ärztin Karin Büttner-Janz und der Ingenieur Kurt Schellnack in den 1980er-Jahren eine medizinische Sensation: die erste moderne künstliche Bandscheibe, die sogenannte Charité-Disc.

Karin Büttner-Janz war nicht nur Ärztin, sondern auch eine herausragende Sportlerin, die als Turnerin mehrere Olympiamedaillen für die DDR gewann.
Karin Büttner-Janz war nicht nur Ärztin, sondern auch eine herausragende Sportlerin, die als Turnerin mehrere Olympiamedaillen für die DDR gewann.
Foto: picture alliance/dpa/Iopp-Pool

Bis dahin bedeuteten schwere Bandscheibenschäden oft eine Versteifung der Wirbelsäule. Dadurch wurden Schmerzen reduziert, aber die Beweglichkeit ging verloren.

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Die DDR-Lösung verfolgte einen anderen Ansatz: Bewegung erhalten statt blockieren. Das Implantat ahmte die natürliche Bandscheibe nach und ermöglichte Patienten ein fast normales Leben. Was damals ein Wagnis war, ist heute weltweit Standard in der Wirbelsäulenchirurgie.

Automatische Sendersuche aus der DDR: Wie der Programat seiner Zeit voraus war

Doch die vielleicht erstaunlichste Geschichte ostdeutscher Ingenieurskunst spielte sich nicht in einem Labor oder Krankenhaus ab, sondern in einem Radio­werk in Limbach-Oberfrohna.

Dort entstand Ende der 1960er-Jahre der Programat, ein Radiogerät, das seiner Zeit weit voraus war. Entwickelt von Designer Clauss Dietel, konnte dieses Gerät erstmals automatisch nach einer bestimmten Programmart suchen.

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Mit einem Knopfdruck ließen sich gezielt Nachrichten, Klassik, Jazz oder Unterhaltung finden, das Radio stellte selbstständig den passenden Sender ein.

Auf der Leipziger Herbstmesse 1968 sorgte diese Technik für großes Aufsehen, sogar eine Regierungsdelegation aus Berlin reiste an. Doch die Begeisterung hielt nicht lange.

Als der Programat auf Knopfdruck westdeutsche Sender wie Bayern 3 fand, griff die Parteiführung ein. Das Gerät wurde verboten. Die Technik war brillant, aber politisch unerwünscht. Heute steckt dieses Prinzip in jedem Autoradio, DAB-Empfänger, Fernseher und Smartphone.

Astro 1 aus Jena: DDR-Sensoren steuern bis heute hunderte Satelliten

Auch im Weltall hinterließ die DDR ihre Spuren. Als Sigmund Jähn im Jahr 1978 als erster Deutscher ins All flog, hatte er eine hochentwickelte Spezialkamera im Gepäck: die MKF-6, entwickelt vom VEB Carl Zeiss Jena. Sie nahm die Erdoberfläche gleichzeitig in sechs verschiedenen Spektralbereichen auf – eine Fähigkeit, die weit über normale Fotografie hinausging.

Valeri Bykowski (links) aus der Sowjetunion und der DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn posieren im August 1978 in ihren Raumanzügen vor einem Globus.
Valeri Bykowski (links) aus der Sowjetunion und der DDR-Kosmonaut Sigmund Jähn posieren im August 1978 in ihren Raumanzügen vor einem Globus.
Foto: picture-alliance / dpa | Frm

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Die Aufnahmen ermöglichten präzise Analysen von Vegetation, Wasser, Böden und geologischen Strukturen und galten als technologisch so fortschrittlich, dass die Sowjetunion wenige Jahre später weitere Raumfahrttechnik aus der DDR bestellte.

DDR-Raumfahrttechnik auf Weltniveau: Wie Carl Zeiss Jena mit Astro 1 Geschichte schrieb

Im Jahr 1984 erhielt Carl Zeiss Jena den Auftrag, eine völlig neue Art von Weltraumkamera zu entwickeln: ein optisches Navigationssystem, das Raumfahrzeuge allein anhand von Sternen präzise im All orientieren konnte.

Die Ingenieure setzten dabei auf eine damals revolutionäre Technologie: CCD-Sensoren, mit denen Bilder erstmals digital und in Echtzeit erfasst wurden. Damit entstand eine der weltweit ersten vollständig digitalen Raumfahrtkameras.

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Das System, später Astro genannt, bestand aus mehreren Elektronikeinheiten im Inneren des Raumschiffs und einer hochpräzisen Kamera außen an der Hülle, um ein freies Sichtfeld auf den Sternenhimmel zu haben.

Vier Jahre dauerte die Entwicklung. 1989 wurde Astro 1 zur sowjetischen Raumstation Mir gebracht, dem Prestigeprojekt der Ostblock-Raumfahrt.

Die Technik funktionierte so zuverlässig, dass sie den Untergang der DDR überlebte. Bis heute werden die Astro-Sensoren in Jena gefertigt und weltweit eingesetzt. Mehr als 530 Satelliten im All nutzen die Technologie, um ihre Position zu bestimmen.

Superfest-Glas aus der DDR: Vorläufer moderner Sicherheits- und Spezialgläser

Scherben konnte sich die DDR nicht leisten. Weil Glas ein knappes und teures Gut war, entwickelten Forscher Ende der 1970er-Jahre ein chemisch gehärtetes "Superfest"-Glas. Durch den Austausch von Natrium- gegen Kalium-Ionen wurde das Material extrem widerstandsfähig – bis zu zehnmal haltbarer als normales Trinkglas.

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Im Jahr 1980 wurde das Verfahren patentiert, im sächsischen Schwepnitz entstand eine Großanlage, die in gut zehn Jahren rund 120 Millionen Gläser produzierte. Im Westen galt das Produkt als zu marktgefährdend und fand kaum Abnehmer.

Nach der Wiedervereinigung wurde die Produktion eingestellt, doch das Verfahren gilt bis heute als Vorläufer moderner bruchsicherer Gläser, an die aktuelle Start-ups wieder anknüpfen.

Ampelmännchen und grüner Pfeil: DDR-Erfindungen, die bis heute den Alltag prägen

Selbst im Alltag hinterließ die DDR bleibende Spuren. Das Ampelmännchen, entworfen vom Verkehrspsychologen Karl Peglau, sollte Fußgängern mit klaren, gut sichtbaren Symbolen das sichere Überqueren der Straße erleichtern. Seine einprägsame Form war so gelungen, dass sie die Wiedervereinigung überlebte und heute Kultstatus besitzt.

Karl Peglau ist der Erfinder der grünen und roten Ampelmännchen.
Karl Peglau ist der Erfinder der grünen und roten Ampelmännchen.
Foto: Stephanie Pilick/dpa

Der grüne Rechtsabbiegepfeil wiederum war eine pragmatische DDR-Idee, um den Verkehr flüssiger zu machen. Der Blechpfeil erlaubt das Abbiegen trotz roter Ampel, wenn die Straße frei ist – eine Regelung, die später in ganz Deutschland übernommen wurde.