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Start-up-Mangel in Sachsen-Anhalt Bügelschrank, Essen-App und Gewächshaus - diese Ideen haben Schüler aus Halle, Querfurt und Jessen

In Sachsen-Anhalt entstehen nur wenige Firmen. Förderprogramme sollen das ändern. Eines der neuesten setzt bereits bei Schülern an: „echt.Machen“. Ein Jahr lang dachten sich Jugendliche Unternehmensideen aus. Herausgekommen sind viele Apps, aber auch ein Gewächshaus und ein Bügelschrank.

12.06.2024, 20:00
Wollen einen Haushalt ohne Bügeleisen: Kim Schulze-Redlich, Alina Weber und Alexia Lemonas (von links) vom Gymnasium Jessen.
Wollen einen Haushalt ohne Bügeleisen: Kim Schulze-Redlich, Alina Weber und Alexia Lemonas (von links) vom Gymnasium Jessen. (Foto: Julius Lukas)

Halle/MZ. - Von Julius LukasEs muss nicht immer der Job als Angestellter oder gar Beamter sein, sagte Stefanie Pötzsch beim Abschlussevent von „echt.Machen“ am Mittwoch in Halle. Ein durchaus auffälliger Satz war das, ist doch Pötzsch selbst als Staatssekretärin in Sachsen-Anhalts Wirtschaftsministerium eine politische Beamtin. Doch der Satz sollte die Jugendlichen, die vor ihr saßen, ermutigen. Schließlich geht es bei „echt.Machen“ darum, selbst ein Unternehmen auf die Beine zu stellen. „Das bedeutet Risiko, es lohnt sich aber auch“, meinte Pötzsch.

Hinzu kommt noch: Sachsen-Anhalt könnte ein paar mehr Neugründungen, sogenannte Start-ups, gebrauchen. 0,8 neue Firmen pro 100.000 Einwohner entstanden laut Start-up-Verband 2023 hierzulande. Nur in Thüringen waren es noch weniger. Spitzenreiter ist Berlin mit 12,5 Neugründungen pro 100.000 Einwohner. Es gibt also noch einiges aufzuholen.

Ein Baustein, um zu Berlin aufzuschließen, soll „echt.Machen“ sein. Mehrere Teams aus verschiedenen Schulen in Sachsen-Anhalt wurden bei diesem neu gestarteten Projekt ein Schuljahr lang begleitet. Das Ziel: Eine Unternehmensidee so weit wie möglich entwickeln. Unterstützung gab es von der Gründerberatung Univations, die dafür vom Land gefördert wurde. Was dabei rauskam? Die MZ hat sich vier Ideen genauer angeschaut.

Faltenfrei ohne Bügeln

An Selbstbewusstsein fehlt es den drei Gründerinnen von Steam Smart Clothes nicht: „Wir haben eine Kooperation mit Ikea“, sagt Alexia Lemonas ohne mit der Wimper zu zucken. Die Zusammenarbeit mit dem weltgrößten Möbelkonzern gibt es natürlich nicht wirklich. „Im Businessplan steht sie aber schon“, so die 17-Jährige, die ebenso wie ihre Mitgründerinnen Alina Weber und Kim Schulze-Redlich auf das Gymnasium Jessen (Kreis Wittenberg) geht. Als Partner würde Ikea tatsächlich passen. Denn: Die Produktidee der drei Schülerinnen ist die perfekte Kleiderschrankergänzung, erlöst sie doch von einem der nervigsten Haushaltsprobleme überhaupt: Bügeln.

Smart Grow hat der Querfurter Gymnasiast Arne Schwarz sein Projekt genannt.
Smart Grow hat der Querfurter Gymnasiast Arne Schwarz sein Projekt genannt.
(Foto: Julius Lukas)

Hemden und Hosen faltenfrei zu bekommen, ist die unbeliebteste Tätigkeit in den eigenen vier Wänden – noch vor Toilette und Fenster putzen. „Weil wir es auch leid sind, haben wir uns was überlegt“, sagt Alina Weber. Ihre Idee ist ein Korpus, der in Schränke integriert werden kann und mit Dampfdüsen ausgestattet ist. „Fünf Teile, egal ob Hemd oder Hose, passen rein“, erklärt Weber. Innerhalb von fünf Minuten wird die Kleidung – Dampf sei Dank – von sämtlichem Knitter befreit. „Das klappt wirklich“, versichert Alexia Lemonas. Einen Prototyp gibt es bereits. „Der war aber zu groß, um ihn aus Jessen hierher zu bringen.“

Obwohl das „einfach.Machen“-Projekt mit dem Abschlussevent in Halle vorbei ist, können sich die drei Volldampf-Gründerinnen vorstellen, weiterzumachen. „Wir brauchen nur einen Partner, mit dem wir den Prototypen zu Ende entwickeln können“, sagt Alina Weber. Insofern: Ikea, bitte melden!

Generationen verbinden

Etwas weiter in der Entwicklung ihrer Idee sind Simon und Julius Theil, die das Burgstadtgymnasium Querfurt (Saalekreis) besuchen. LinkGen heißt das Projekt der Cousins, dessen Ursprung die gemeinsame Oma war. „Die ist nämlich allein“, sagt Simon Theil. „Sie hat ein großes Haus und da fallen viele Arbeiten, etwa Rasenmähen, an.“ Noch würden sie, die Enkel, das erledigen. „Aber wenn wir zum Beispiel zum Studieren weggehen, ist halt keiner mehr da – im ländlichen Raum geht das vielen älteren Leuten so.“

Firmen digitaler zu machen, war auch eine Projektidee bei echt.Machen.
Firmen digitaler zu machen, war auch eine Projektidee bei echt.Machen.
(Foto: Julius Lukas)

Diesen Notstand will LinkGen angehen. Es handelt sich um eine Onlineplattform, auf der Nutzer eintragen können, welche Arbeiten bei ihnen erledigt werden müssen. Es geht dabei vor allem um Alltägliches: von einkaufen bis Hecke schneiden. „Schüler oder andere junge Leute, denen solche Arbeiten nicht schwerfallen, könnten das dann gegen eine Bezahlung erledigen“, sagt Theil. So würden sie sich etwas dazuverdienen und die alten Leute könnten länger in ihrem Haus bleiben. „Und uns ist auch der Austausch zwischen den Generationen wichtig, der dadurch entstehen würde.“

Technisch ist die Onlineplattform schon fertig. „Wir müssen sie jetzt noch bekannter machen“, sagt Theil. Geld soll über Provisionen verdient werden. „Wir nehmen neun Prozent vom Auftragswert – das machen auch große Plattformen wie Ebay in etwa so.“

Rezepte für Reste

Mehr als 15 Teams haben sich bei „echt.Machen“ verschiedenen Projekten gewidmet. Im Mittelpunkt vieler steht dabei eine App. Das Mobilfunkprogramm soll bei einer Idee zum Beispiel eine Art digitales Hausaufgabenheft sein. Ein anderes Projekt will via App Angehörige mit dementen Familienmitgliedern entlasten. Bei CookSnap hingegen geht es um Essen. Und um genauer zu sein: um Essensreste.

„Oft weiß man ja nicht, was man mit übrig gebliebenen Lebensmitteln machen soll“, erklärt Fabian Herrmann, der wie seine Mitgründer Lars Haniseuski und Albert Schunke auf die Sportschule in Halle geht. „Mit unserer App kann man alles, was an Resten da ist, abfotografieren und es werden Rezepte vorgeschlagen, die damit möglich sind.“ Da die Reste aber nicht immer ausreichen, sollen alle App-Nutzer eine Art Lebensmittelnetzwerk bilden. Fehlende Zutaten, die jemand aus der Nachbarschaft anbietet, werden in die Rezepterstellung einbezogen. „Die Zutat holt man sich dann vor dem Kochen ab“, erklärt Lars Haniseuski. „So wollen wir Lebensmittelverschwendung verhindern.“

Gemüse aus dem Kasten

Anstatt die Zutaten in der Nachbarschaft abzuholen, werden sie bei der Idee von Arne Schwarz einfach selbst gezüchtet. Smart Grow heißt das Gewächshaus des Schülers aus Querfurt, der auf das Burgstadtgymnasium geht. „Viele Menschen wollen selbst Lebensmittel anbauen“, sagt Schwarz. „In Städten ist das bisher allerdings oft nicht möglich.“ Das Mini-Gewächshaus Smart Grow soll das ändern. Der Clou: Von Belichtung über Belüftung bis zur Bewässerung ist alles auf die jeweilige Pflanze abgestimmt. „Sensoren messen zum Beispiel die Feuchtigkeit der Erde“, erklärt Schwarz. Die Versorgung werde dann automatisch an die Werte angepasst. Im Prototyp, den es bereits gibt, wurden bereits Chilis gezüchtet. „Mit Erfolg“, wie Schwarz berichtet.

Der Zwölftklässler hat sein Abitur hinter sich, ist mit der Schule fertig. Mit seinem Gewächshaus direkt in die Unternehmensgründung starten, wolle er jedoch nicht. „Ich habe das Projekt an die Schülerfirma unseres Gymnasiums gegeben“, sagt der 18-Jährige. Er jobbe jetzt erst einmal in einer Gartenbaufirma und gehe anschließend für ein halbes Jahr nach Australien: „Und dann schaue ich mal, was mich interessiert“.