„Lage ist besorgniserregend“

Blutkonserven sind knapp - müssen bald Operationen ausfallen?

Der Bedarf in den Kliniken ist gestiegen - doch es fehlen Spender. Die Lager des DRK reichen nur noch für einen Tag.

Von Lisa Garn Aktualisiert: 04.08.2021, 07:54
Blutspender wie hier im Ort Darlingerode werden vom DRK händeringend gesucht. Einzelne Blutgruppen sind derzeit schon nicht mehr verfügbar.
Blutspender wie hier im Ort Darlingerode werden vom DRK händeringend gesucht. Einzelne Blutgruppen sind derzeit schon nicht mehr verfügbar. (Foto: dpa)

Halle (Saale)/MZ - Mehr Operationen in den Kliniken und weniger Spender: Die Blutreserven des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) in Sachsen-Anhalt reichen nur noch für einen Tag - statt fünf. „Die Lage ist besorgniserregend. Die Depots sind fast leer, aber der Bedarf ist deutlich gestiegen“, sagt Markus Baulke vom DRK-Blutspendedienst. Einige Blutgruppen könnten im Land schon nicht mehr geliefert werden. Im Ernstfall drohten Absagen von Operationen.

Gründe für den erhöhten Bedarf an Blut ist die Zunahme an Behandlungen in den Krankenhäusern. Mit dem Regelbetrieb finden nun auch Operationen statt, die im Winter wegen der Corona-Pandemie verschoben wurden. Zudem fehlen nun Spender: „Es gibt jedes Jahr ein Sommerloch. Aber dieses ist besonders groß“, sagt Baulke. „Die Menschen lechzen verständlicherweise nach einem normalen Leben. Sie sind jetzt überall - in Restaurants, bei Freunden, auf Reisen -, nur nicht beim Blutspenden.“

Das Deutsche Rote Kreuz ist Deutschlands größter Blutspendedienst. Es deckt etwa 70 Prozent des Bedarfs im Land ab. Baulke ist für die Gebiete Sachsen-Anhalt, Thüringen, Niedersachsen und Bremen zuständig. Dort lagern in den Depots, aus denen die Kliniken versorgt werden, aktuell etwa 7.000 Blutspenden. Das Minimum liegt bei 10.000, das Maximum bei 15.000. „Wir liegen also unter der Untergrenze. Dieses Defizit schleppen wir seit sechs Wochen mit uns herum.“ Ein zusätzliches Problem: Wegen der geringen Haltbarkeit von Blut können im Vorfeld keine großen Vorräte angelegt werden. Blutplättchen sind fünf Tage haltbar, rote Blutkörperchen 49 Tage, nur Plasma kann eingefroren werden.

Während der Lockdowns habe es in Sachsen-Anhalt eine hohe Spendenbereitschaft gegeben - obwohl viele Termine ausfielen, sagt der DRK-Sprecher. „Mit den Lockerungen kam im Juni der Einbruch.“ In jenem Monat gab es laut DRK in Sachsen-Anhalt 8.000 Spenden, gebraucht wurden 8.800. Das sind zehn Prozent weniger. Im Juli waren es 8.300 Spender, nötig waren 8.700. Der Bedarf wird von den Kliniken täglich durchgegeben.

Die Blutgruppe 0 steht derzeit gar nicht zur Verfügung, erklärt Baulke. Auch der Notvorrat gehe zu Ende. In die Flutgebiete Nordrhein-Westfalens habe das DRK aus den vier Regionen gar keine Blutkonserven schicken können, „weil wir nichts hatten“. Innerhalb von Stunden seien derzeit die Präparate in den Kliniken verbraucht.

„Wenn sich die Entwicklung so fortsetzt, kann das dramatische Folgen haben“, so der DRK-Sprecher. „Verschiebbare Operationen und Therapien werden abgesagt. Der letzte Schritt wäre eine Schließung von Notaufnahmen.“ Die jetzige Lage sei ein Ausnahmezustand, den es zuletzt 2018 gab, als die extreme Hitze viele Menschen vom Blutspenden abhielt. Zuvor hatte der Streik der Deutschen Post 2015 für ein hohes Defizit gesorgt, weil potenzielle Spender nicht per Brief angeschrieben werden konnten.

Das DRK wirbt nun massiv um Blutspenden, über Social Media oder durch Einladungen per Post. Außerdem gebe es Sonderaktionen. Sechs DRK-Teams sind derzeit in Sachsen-Anhalt unterwegs. „Doch so schnell wird das Defizit nicht abgebaut“, prognostiziert Baulke.

Auch der Blutspendedienst Haema, der größte privatwirtschaftlich organisierte Dienst, sucht händeringend Spender. „Die Bestände an Blutprodukten haben sich spürbar verringert“, sagt Haema-Sprecherin Britta Diebel in Leipzig. Genaue Zahlen will sie nicht nennen. Insgesamt würde derzeit nur knapp drei Prozent der Bevölkerung Deutschlands spenden. Zwei Drittel der Menschen seien aber „irgendwann in ihrem Leben auf Blutspenden oder daraus hergestellte Medikamente angewiesen“. Diebel appellierte: „Auf der Urlaubscheckliste sollte neben Kofferpacken auch Blut- und Plasmaspenden stehen.“