Außen froh, innen leidend

Außen froh, innen leidend: Die Linke setzt auf neuen Vorsitzenden Andreas Höppner

Halle (Saale) - Die Linke setzt ganz auf ihren neuen Vorsitzenden Andreas Höppner. Über Ursachen ihres Wahldebakels will sie lieber nicht reden.

Von Hagen Eichler 21.05.2017, 17:12

Die großen Erwartungen sind Andreas Höppner offenbar selbst ein wenig unheimlich. „Ich verstehe mich nicht als Prophet oder Messias“, versichert der bisherige Vize-Landeschef der Linken den Delegierten in der Händel-Halle. Doch die wollen an ihn glauben. 118 Ja-Stimmen, viermal Nein, sechs Enthaltungen: Mit 92 Prozent Zustimmung wird der Altmärker am Sonnabend beim Parteitag in Halle zum neuen Landesvorsitzenden gewählt.

Die Linke verspricht sich viel von dem 49-jährigen aus dem Altmark-Örtchen Kloster Neuendorf. Der Gewerkschafter und frühere Betriebsrat soll schaffen, was der Partei zuletzt schwer fiel: einen direkten Draht zum Wähler aufzubauen. „Ich bin manchmal sehr direkt. Aber mit Rumeierei erreicht man keine Menschen“, hatte Höppner in seiner Bewerbungsrede gesagt. „Wenn mir Gegenwind ins Gesicht bläst, laufe ich zur Höchstform auf.“ So einen kann die Partei jetzt gut gebrauchen.

Höppner präsentiert sich als Gegenmodell zur scheidenden Vorsitzenden Birke Bull-Bischoff, die gelegentlich selbst einräumt, sie wirke „verkopft“. Ihr Nachfolger erinnert an den Kampf für die Arbeitsplätze der Backwarenfabrik Fricopan, den er 2016 als Betriebsratsvorsitzender angeführt hat. „Da haben wir gelernt, ganz nah dran zu sein. Und da, wo wir nah dran sind, wo man uns versteht, da haben wir auch gute Wahlergebnisse.“ In seinem Heimatdorf, berichtet Höppner, habe die Linke bei der Landtagswahl vorn gelegen.

Die Linke: Von Fehlern ist beim Parteitag in Halle nicht die Rede

Auf eines können sich an diesem Sonnabend alle einigen: Die Partei muss künftig anders auftreten. Sie muss verständlich sprechen, ihr „wüstes Fachchinesisch“ zurückdrängen, fordert etwa Landes-Vize Jörg Schindler. Die Linke gewinne derzeit neue Mitglieder, sagt er – und schiebt die bange Frage hinterher, ob man diese Leute guten Gewissens auf eigene Veranstaltungen mitnehmen könne, ohne sie zu verschrecken.

Auf junge Gesichter setzt die Linke mit ihrer neuen  Führungsmannschaft.  Vom Vorsitzenden und den drei Stellvertretern hat keiner die 50 erreicht. Die erstmals zur Vize-Vorsitzenden gewählte Janina Böttger ist 35 Jahre alt, die neue Landesgeschäftsführerin Henriette Krebs 31 Jahre alt.

Die Abstimmungsergebnisse der Stellvertreter:   Jörg Schindler (Kreisverband Wittenberg): 91 Prozent Ja-Stimmen, Doreen Hildebrandt (Börde): 83 Prozent, Janina Böttger (Halle): 77 Prozent, Landesgeschäftsführerin Henriette Krebs  76 Prozent Ja-Stimmen.  Gegenkandidaten gab es nicht.

Von neuen Veranstaltungsformen ist nun die Rede, von Parteitagen mit echten Diskussionen in Workshops, auch von Filmvorführungen und Kinderbetreuung.

Worüber die Linke öffentlich lieber nicht diskutiert: Gab es auch bei den Inhalten falsche Weichenstellungen? Zur Landtagswahl 2016 trat die Partei mit dem Ziel an, den Ministerpräsidenten zu stellen. Am Wahlabend stürzte sie um sieben Punkte auf 16,3 Prozent ab, nicht einmal Oppositionsführerin ist sie seither. Von Fehlern ist beim Parteitag allerdings nicht die Rede. Man sei doch stets für die Abgehängten eingetreten, sagt die Landtagsabgeordnete Bianca Görke ratlos und fragt: „Warum haben die Menschen, die wir so gut vertreten haben, andere Protestformen gewählt?“

Unter diesem Liebesentzug leidet die Partei noch immer. Antworten gibt es nicht, nur das Bedauern darüber, dass man mit den eigenen guten Vorschlägen leider, leider gegen die Hetze der AfD nicht durchgedrungen sei. Die Konkurrenz, das Aufhetzen einer Gruppe gegen die andere, stecke nun einmal im Kapitalismus, sagt Görke. Alles richtig gemacht also?

Partei-Vize Schindler warnt: Zuwanderung „nicht nur eine Bereicherung“

Dass auch die Linke Diskussionsbedarf zu eigenen Positionen hat, zeigt ein Antrag des Jugendverbandes Solid zur Abschaffung von Staatsgrenzen. „Wer in Deutschland leben will, soll das auch dürfen“, fordert der Parteinachwuchs. Das stößt dann doch auf Bedenken. Die meisten Sätze des Antrages könne sie unterschreiben, antwortet die frühere Landtagsabgeordnete Sabine Dirlich. Eine so weitreichende Forderung müsse man aber noch etwas gründlicher diskutieren.

Partei-Vize Schindler ist der Einzige, der warnt. Zuwanderung sei „nicht nur eine Bereicherung“, sagt er und berichtet von einer bulgarischen Familie, die mit vier Kindern in einem Auto haust. „Wir wollen, dass die Kinder in die Schule gehen! Und wir wollen, dass sie aus dem Scheiß-Auto rauskommen!“ Der Einwanderungs-Antrag wird zur Beratung in den Parteivorstand verwiesen.

Begeisterung zwischen Rednern und Delegierten springt kaum über. „Die Landtagswahl steckt uns allen noch in den Knochen“, räumt ein Landtagsmitglied am Rande ein. Offene Debatten seien aber nicht erwünscht – schließlich geht es jetzt bereits um die Bundestagswahl. Drei der erfahrensten Abgeordneten wollen im September in den Bundestag wechseln, darunter die bisherige Parteivorsitzende. Gelingt das, muss sich die Fraktion ein weiteres Mal neu zusammenfinden.

Als ihr Wunsch-Nachfolger gewählt ist, strahlt Bull-Bischoff mit ihm gemeinsam in die Kameras. „Ich fühle mich gut“, sagt sie. „Der Weg ist frei, mich auf die Suche nach einer Rolle aufzumachen.“ Ihrer Partei geht es nicht anders. (mz)