Altlasten in Sachsen-Anhalt

Altlasten in der Altmark: Giftschlamm im (Queck)Silbersee

Brüchau - In der Altmark schlummert eine der großen Umweltsünden Deutschlands. In einer Grube lagert radioaktiver Müll, das Grundwasser ist belastet. Nach Jahrzehnten hoffen Anwohner auf Hilfe.

Von Jan Schumann 02.06.2017, 10:16

Im Frühling ist der Altmark-Ort Brüchau beschaulich, in den Vorgärten trocknen aufgespannte Bettlaken. Nicht einmal 200 Menschen wohnen hier. Doch folgt man der Dorfstraße weiter, sieht man plötzlich gespannten Stacheldraht. Und Überwachungskameras. Und Betreten-Verboten-Schilder. Ein abgeschirmter See im Sicherheitsmodus, kaum größer als ein Fußballfeld. In Brüchau nennen sie ihn den Silbersee.

Dieser See, der eher eine vollgelaufene Grube ist, zählt zu den großen Umweltsünden der Republik. Auf seinem Grund liegt ein vergifteter Schatz: Bereits zu DDR-Zeiten war dies eine Deponie für Abfälle der Erdgas-Industrie.

Heute erzählen Bewohner, dass im Sommer ein silbriger Dunst über dem Wasser lag, dazu ein Geruch wie an Tankstellen alter Tage. Doch es ist nicht nur das DDR-Erbe, das die Menschen beunruhigt - sie fühlen sie sich von Behörden alleingelassen.

„Es grassiert weiter große Sorge im Ort“, sagt Karsten Ruth. Er ist Bürgermeister von Kalbe, zuständig für Brüchau. „Und ich sehe auch, dass es mittlerweile so etwas wie einen Vertrauensverlust in die Behörden gibt“. Was er meint, zeigt ein Blick in die lange Geschichte des Silbersees.

Erdgasfelder in der Altmark: Die größten auf europäischem Festland

Dass hier überhaupt so ein See entstehen konnte, ist eine Besonderheit der Altmark: Sie gilt als eines der größten Erdgasfelder auf europäischem Festland, der DDR-Staat förderte, was die Erde hergab. „Dass dabei giftiger Abfall entsteht, liegt in der Natur der Sache“, sagt Bernd Ebeling, Ingenieur und Experte für Wasserwirtschaft.

Beim Bohren im Erdreich, beim Transport durch die Rohre: Immer gibt es giftige, radioaktive Ablagerungen. Es war dieser Schlamm, der in Brüchau entsorgt wurde. Manchmal flogen die verdreckten Rohre und Bohrköpfe gleich hinterher. Es gab auch Menschen im Ort, die sich aus zerschnittenen Rohren Gartenzäune bauten. Rohstoffe waren knapp.

Unter den Augen der Bewohner brachten Autokolonnen das Gift seit den Siebzigern nach Brüchau, bis ins Jahr 2012. „Das roch hier geradezu chemisch“, sagt Christfried Lenz, Sprecher der Bürgerinitiative „Saubere Umwelt und Energie Altmark“. Doch erst in den letzten Jahren wurde fassbar, welche Sprengkraft die Zeitbombe hat.

Zahlen, Gutachten, interne Dokumente - all das trugen Lenz und der Ingenieur Ebeling zusammen. Und die Grünen-Abgeordnete Dorothea Frederking stellte Fragen an die Ministerien. Die Ergebnisse: ernüchternd.

Heute gelten mehrere Fakten als belegt. Zum einen der radioaktive Müll. Zuletzt bestätigte dies auch Kurt Schnieber, Präsident des Landesamts für Geologie und Bergwesen. Bei einer Anhörung im Landtag im Februar sagte er: Dass bei der Erdgasförderung radioaktive Rückstände entstünden, „weiß jeder, der damit zu tun hat.“ Für Frederking und andere Abgeordnete war das bis dato keineswegs so klar. „In dieser Deutlichkeit habe ich das dort das erste Mal gehört.“

Bereits in den 1990er Jahren Quecksilberspuren im Grundwasser gefunden

Brisant ist auch, dass bereits in den 1990er Jahren Quecksilber-Spuren im Grundwasser gefunden wurden, wie Schnieber bei der Anhörung bestätigte. „Quecksilber gehört nun überhaupt nicht ins Wasser“, sagt Ebeling. Abfälle wurden dennoch weiter eingeleitet.

Hochproblematisch sind diese Messungen, weil - drittens - die Giftgrube offenbar undicht ist. Das ging nach MZ-Recherchen bereits im Jahr 2000 aus einem Gutachten des Staatlichen Amts für Umweltschutz hervor. Darin heißt es: „Durch die bisher durchgeführten Untersuchungen ist nachgewiesen, dass die natürliche Abdichtung der Deponie nicht den Austrag von Schadstoffen verhindert.“ Auch das Landesamt für Altlastenfreistellung spricht mittlerweile von einem Grundwasserschaden und zu hoher Salzkonzentration.

Wie groß ist der Gift-Cocktail in der Deponie? Die Landesregierung signalisiert: Wir wissen es nicht genau. Auf eine erste Anfrage von Frederking präsentierte das Wirtschaftsministerium 2015 eine völlig veraltete Liste, die nur Abfälle bis 1990 dokumentierte. Mittlerweile hat es mitgeteilt, dass allein seit der Wiedervereinigung bis ins Jahr 2012 rund 150.000 Kubikmeter Schlamm und 28.6000 Feststoffe eingelagert wurden.

Gift-Cocktail in der Deponie in Brüchau/Altmark: "Kenntnisdefizit" im Wirtschaftsministerium

Thomas Wünsch (SPD), Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, spricht von einem „Kenntnisdefizit“. Im Landtag nannte er zwei Optionen. Nummer eins: die Deponie wird abgedeckt, so dass sie nicht mehr von Regenwasser durchgespült wird. Nummer zwei: Der See wird ausgehoben, der Inhalt entsorgt. Die eine Option kostet vier, die andere 20 Millionen Euro.

Lenz und Ebeling halten die Abdeckung für ein Placebo, wollen für eine Entsorgung kämpfen. Doch dafür, so Wünsch, seien neue Messungen und Untersuchungen nötig. So dreht sich das Behördenkarussell weiter. Wenn die Grünen-Abgeordnete Frederking bisher kritisierte, „mir fehlt es bei dem ganzen Komplex an Transparenz der Behörden“, trifft sie den Ton der Anwohner.

Auch wegen solcher Eigenheiten: Der Chef der Landesanstalt für Altlastenfreistellung arbeitete früher für Gaz de France - dem damaligen Deponie-Betreiber. Dass die Landesregierung nun behauptet, sie wisse nicht, was in der Grube ist, sei nicht gerade glaubwürdig, so Lenz. Frederking sagt, „ich hatte nicht immer den Eindruck, dass die Regierung mit dem nötigen Ernst an diese Sache rangegangen ist.“

Krebserkrankungen in Brüchau: Bewohner führen Liste über Krankheiten

Und in Brüchau kursiert derweil eine Liste. Darin notieren Bewohner Krebserkrankungen im Ort. Laut Chronik bekommt rund jeder Sechste eine Diagnose. „Die Kausalität zur Wasserqualität ist natürlich nicht beweisbar“, sagt Lenz. Der Wert sei aber ohne Zweifel ein Ausreißer. Doch der Druck der Aktivisten zeigt Wirkung.

Am Mittwoch wird Wünsch in die Altmark fahren, um mit Bewohnern, Behörden, Abgeordneten und Bürgermeister Ruth zu sprechen. „Ich sehe das als Zeichen, dass die Regierung das Problem nun ernsthafter angeht“, sagt Frederking. (mz)