Weil es zu wenig Pflegeeltern gibt

Kinderheim für Baby in Krumpa: Direkt aus der Klinik ins Heim

Krumpa - Weil dem Kreis Pflegeeltern fehlen, kommen selbst Kleinkinder immer häufiger in Kinderwohngemeinschaften.

Von Robert Briest 26.03.2019, 14:00

Eine Mutter bringt im Merseburger Klinikum ihr Kind zur Welt. Zwei Tage später klingelt bei Maren Köhler das Telefon. Ihre Kolleginnen sollen das Neugeborene übernehmen. Gleich.

Solche Fälle sind für die Einrichtungsleiterin der Kinderwohngemeinschaft, Tagesgruppe und Jugend-WG „Am Schlosspark“ GmbH Mücheln zwar keine tägliche Routine, doch sie kommen vor. Denn seit zwei Jahren betreibt die GmbH auch eine Kinderwohngemeinschaft für Klein- und Kleinstkinder in einer alten Sparkassenfiliale in Krumpa.

Heim für Babys in Krumpa: Plätze im Heim dauerhaft belegt

Die meisten Bewohner sind zwar zwischen drei und sieben Jahre alt, doch es gibt auch einen Platz der für Inobhutnahmen bereitgehalten wird. Köhler erklärt: „Das sind Fälle, in denen das Jugendamt das Kind von jetzt auf gleich aus der Familien nimmt, um Gefahr abzuwenden.“ Die Kinder könnten dann zwei Jahre alt sein oder eben auch zwei Tage.

„Der Platz ist eigentlich dauerhaft belegt“, berichtet die studierte Kinder- und Jugendpsychiaterin. „Wir müssen eigentlich ständig Anfragen für so Kleine ablehnen.“ Auch die Plätze für die Kinder ab drei Jahren seien meist voll.

Nicht nur in ihrer Einrichtung, sondern in der gesamten Jugendpflege sei es so, dass es mehr Nachfrage als Plätze gebe. Das hängt auch damit zusammen, dass dem Jugendamt, das die Kinder vermittelt, die Pflegeeltern fehlen, an die es gerade die kleinen Kinder gern geben würde. 2018 nahm der Kreis insgesamt 79 Kinder in Obhut. 70 davon kamen in Heime, neun in Pflegefamilien. Bei den zehn unter Dreijährigen kamen vier von zehn Kindern ins Heim.

Wenn Eltern nicht für ihre Babys sorgen können: Aus der Wiege ab ins Heim

Und so klingelt eben bisweilen in Krumpa das Telefon, wenn die Mitarbeiter einen Säugling holen sollen: „Dann stellen wir den Dienstplan auf den Kopf“, erklärt Köhler. Eine Mitarbeiterin holt das Kind ab. „Flaschen, Windeln haben wir alles da.“

Auch ein weißes Babybett steht in dem kleinen Zimmer für die Inobhutnahmen parat, daneben noch ein weiteres größenverstellbares, auf dem ein kleiner Teddy sitzt. Der Wohnraum ist einer von fünf, der von dem offenen Gemeinschaftsbereich mit Küche, Esstisch und Puppenhaus abgeht.

„Das war früher mal der Filialraum der Sparkasse“, erklärt die Leiterin. 15 Mitarbeiter kümmern sich hier in Acht-Stunden-Schichten um die Kinder und die Mutter-Kind-Wohngemeinschaft im Obergeschoss.

Am Vormittag sind die Räume leer, die Kinder in der Kita. Köhler erzählt, dass die jungen Bewohner, wenn sie ankämen, oft den Eindruck hätten, sie seien Schuld daran, dass sie in Obhut sind. „Wir versuchen ihnen dann zu erklären, dass sie das nicht sind.“ Das Konzept der Krumpaer Einrichtung sei traumapädagogisch ausgerichtet, sagt Köhler: „Wir beschäftigen uns besonders mit Kindern, die in ihrem Leben schon viele schwierige Situationen erlebt haben.“ Teilweise hätten selbst die Kleinkinder ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten.

Babys in Kinderheim in Krumpa: Komplexe Problemlagen bei den Eltern

Wenn es um Aussagen zu den Familien der Kinder geht, ist Köhler sehr vorsichtig. Sie will nicht pauschalisieren. Die Eltern hätten aber oft ähnliche Geschichten erlebt, wie ihre Kinder. Oft gäbe es „komplexe Problemlagen“ in den Familien. 

„Häufig sind die Eltern wegen Sucht- oder psychischen Erkrankungen nicht oder nicht ausreichend in der Lage sich um die Kinder zu kümmern“, erklärt die Kinderpsychiaterin. Die Familien bestünden meist nur aus alleinerziehenden Müttern und den Kindern. „In der Jugendhilfe haben wir eine recht väterlose Gesellschaft“, erklärt die Kinderpsychiaterin.

Das oberste Ziel sei, dass die Kinder irgendwann wieder zu ihren Eltern kommen. „Deshalb ist ein Großteil unserer Arbeit Elternarbeit.“ Ob dieser Schritt am Ende gelingt, hänge auch davon ab, inwieweit die Eltern bereit sind, bei sich etwas zu verändern, erörtert Köhler. Manche hätten ihre Kinder regelmäßig am Wochenende zu Besuch. Bei anderen bestünde ein Kontaktverbot.

Kinder unter einem Jahr binnen drei Monaten vermitteln

Die Fälle seien sehr unterschiedlich. So brauche es für jedes Kind einen individuellen Plan. Und der endet nicht unbedingt wieder in der eigenen Familie.

„Bei den ganz Kleinen geht es meist in Richtung Pflegefamilie“, sagt Köhler. „Wir haben festgelegt, dass die Kinder unter einem Jahr binnen drei Monaten in Pflegefamilien vermittelt werden müssen oder zurück zu ihrer Familie kommen sollen.“

So sollen Schäden für das Kind möglichst gering gehalten werden, denn so betont die Leiterin: „Alle Kinder zwischen null und drei Jahren gehören aus pädagogischer Sicht eigentlich in Pflegefamilien. Die Heimerziehung hat Nebenwirkungen. Es ist nicht gut im Schichtdienst aufzuwachsen, mit ständig wechselnden Bezugspersonen.“

Köhler räumt allerdings ein, dass das Ziel der schnellen Vermittlung schwierig einzuhalten sei. Bei den älteren Kindern werden die Heime in Krumpa und Mücheln bisweilen sogar zur dauerhaften Lösung: „Für manche sind wir wirklich das Zuhause. Manche kommen mit vier und verlassen uns erst, wenn sie volljährig sind.“ (mz)