Hochgeschwindigkeits-Strecke

Hochgeschwindigkeits-Strecke: Die Bahn protzt mit ICE-Strecke

Schkopau - Vor einem Jahr ist die Hochgeschwindigkeitstrasse zwischen Erfurt und Halle in Betrieb gegangen. Passagierzahlen in Zügen sind deutlich gestiegen.

Von Dirk Skrzypczak

Zisch und weg. Wer einen ICE auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Halle/Leipzig und Erfurt live sehen will, der braucht Glück. Bis zu sechs Züge sind mit Tempo 230 stündlich unterwegs. Zu hören sind sie kaum, wenn sie vorbeirauschen. Vor genau einem Jahr war die Trasse in Betrieb gegangen. Laut Bahn sind seitdem rund 17.300 Züge gefahren, die bis Oktober 4,25 Millionen Passagiere beförderten. „Wir sind sehr zufrieden und haben auf den entsprechenden Strecken hohe Zuwächse zu verzeichnen“, heißt es aus der Pressestelle der Deutschen Bahn in Leipzig. Zwischen Erfurt und Leipzig beträgt das Plus bei den Fahrgästen 33 Prozent, in Richtung Berlin über Halle sogar 40 Prozent.

Begonnen hatte alles vor 26 Jahren mit einem einfachen Strich auf der Landkarte. Nach dem Mauerfall wurden die Verkehrsprojekte „Deutsche Einheit“ festgelegt, ein Brückenschlag auf Straße und Schiene zwischen Ost und West. Die ICE-Neubaustrecke zwischen Nürnberg und Berlin ist mit einem Investitionsvolumen von über zehn Milliarden Euro das teuerste gewesen. Bahnsprecher Frank Kniestedt war von Beginn an dabei. „Mit ein paar Leuten haben wir 1992 in Leipzig mit den Planungen begonnen“, sagt er. Und mit der Euphorie des Mauerfalls im Rücken erschien der damals gesteckte Zeitplan realistisch.

Schon im Jahr 2000 sollte die Strecke fertig sein

Schon im Jahr 2000 sollte die Strecke fertig sein. 15 weitere Jahre sollten folgen, was der neuen Bahntrasse auch viel Spott einbrachte. Die sei vergleichbar mit dem Debakel beim Hauptstadt-Pannenflughafen BER in Berlin, hieß es noch zuletzt. Für Kniestedt ist das nicht gerecht. „Wir hatten schon 1996 Baurecht. Es zeigte sich, wie gut die Planungen gewesen sind, weil viele mögliche Unwägbarkeiten bedacht worden sind.“ 1996 wurde auch der feierliche Spatenstich gesetzt - zwischen Halle und Leipzig ganz in der Nähe des Flughafens.

Doch dann kam das „Verkehrsprojekt Nummer acht“ ins Stocken. Zunächst fehlte dem Bund das Geld. Und mit dem Regierungswechsel der Ära Kohl hin zu Gerhard Schröter (SPD) stand die ICE-Strecke komplett zur Debatte. Die neue Bundesregierung verhängte einen Baustopp. Und so schleppte sich das Projekt hin. Immerhin war 2001 das erste Teilstück fertig, die 23 Kilometer zwischen Gröbers und Leipzig. 2006 folgte schließlich die Zäsur und das klare Bekenntnis der Regierung zur gesamten Trasse. Ab da wurde dann zielgerichtet gebaut.

1,5 Milliarden Euro flossen im Raum Halle/Saalekreis in die neue Infrastruktur

„Ich denke gern an die Zeit zurück. Wir haben mit Bürgermeistern und Verbänden hitzige Debatten geführt. Aber unsere Strategie, von Beginn an auf Transparenz zu setzen, war erfolgreich“, erzählt Kniestedt. 1,5 Milliarden Euro flossen im Raum Halle/Saalekreis in die neue Infrastruktur. Bei Schkopau ist mit der 8,5 Kilometer langen Saale-Elster-Tal-Brücke die längste Eisenbahnbrücke Deutschlands entstanden.

Schön ist sie nicht, gibt auch der Bahnkonzern zu, aber praktisch. Gelästert wird auch über die 50 Meter hohe Brücke über das Unstruttal bei Nebra an der Grenze zwischen dem Saale- und dem Burgenlandkreis. Vom „Monster“ ist in Internetforen die Rede. Kniestedt findet das übertrieben. „Wenn man direkt unter der Brücke steht, dann sieht man erst, wie schlank die Pfeiler eigentlich sind.“ Aber es gibt auch positive Meinungen. Georg Freiherr von Münchhausen beispielsweise, der in Vitzenburg den Schlossberg besitzt, findet die Kombination aus Natur und Moderne gar nicht hässlich.

Abseits der Debatten zur Ästhetik von Bauwerken

Abseits der Debatten zur Ästhetik von Bauwerken feiert sich die Bahn mit Erfolgsmeldungen zur neuen Strecke selbst. Die Sprinterlinie von Berlin über Halle und Erfurt nach Frankfurt/Main gehöre zu den pünktlichsten Fernverkehrsverbindungen im Bahnnetz. Und bis auf einen ICE-Nothalt bei Bad Lauchstädt im Juni sind auch keine weiteren gravierenden Zwischenfälle bekannt. Damals hatte ein Zugbegleiter merkwürdige Geräusche gehört. Außerdem hatte er das Gefühl, dass sich der Zug aufschaukelt. 210 Passagiere mussten über provisorische Brücken auf freier Strecke in einen anderen ICE umsteigen. Die Untersuchungen der Bahn hatten allerdings keinen Hinweis auf technische Probleme ergeben. Der Fall bleibt ein Rätsel.

Es ist übrigens sehr wahrscheinlich, dass demnächst doch häufiger auch Züge auf der Strecke zu sehen sind. So sind laut Bahn derzeit bereits Lokomotiven für Zulassungsfahrten im Güterverkehr unterwegs. 2017, wenn auch Nürnberg angeschlossen ist, rechne man mit einem Anstieg des Nutzverkehrs. (mz)