Experiment mit Tim Bendzko Restart 19: Sport und Kultur trotz Corona möglich

Halle (Saale) - Sollten Sänger wie Tim Bendzko trotz Corona in großen Hallen auftreten? Vor wie vielen Zuschauern darf ein Handballspiel des Bundesligisten SC DHFK Leipzig stattfinden? Das sind Fragen, die angesichts des neuen Lockdowns auf manche derzeit deplatziert wirken. Und doch ist deren Beantwortung wichtig: Denn auch wenn die neue Corona-Welle überstanden sein wird - das Virus hat dann nichts von seiner Gefährlichkeit verloren.
Wissenschaftler der Universitätsmedizin Halle haben am Donnerstag zum Abschluss des Forschungsprojekts „Restart-19“ Empfehlungen gegeben, wie große Konzerte und Sportevents in Zeiten der Pandemie ohne großes Ansteckungsrisiko buchstäblich über die Bühne gehen können. Ihre Kernbotschaft: Das ist grundsätzlich möglich, aber anders als vor der Corona-Bedrohung. Und nur, wenn die Zahl der Neuinfektionen das zulässt.
Deutlich weniger Zuschauer, nur Sitzplätze, ein klares Hygienekonzept, dauerhafte Maskenpflicht - so lauten einige der Voraussetzungen für einen Restart. Und: „Die wichtigste Erkenntnis war für uns, wie groß die Auswirkungen einer guten Belüftungstechnik sind. Diese ist für das Ansteckungsrisiko eine entscheidende Schlüsselkomponente“, unterstreicht Studienleiter Stefan Moritz.
Wenig und viel Abstand
„Restart-19“ ist ein außergewöhnliches Projekt. Der Anstoß kam von den Leipziger Profi-Handballern, die wie viele andere Sportler, Künstler und Veranstalter um das wirtschaftliche Überleben kämpfen. Sie suchten nach Wissenschaftlern, die fundierte Daten und Empfehlungen dazu liefern sollten, was in einer Sport- oder Konzerthalle noch geht.
Die Unimedizin hörte den Ruf und stellte binnen weniger Wochen ein Forschungsvorhaben mit drei Eckpfeilern auf die Beine: Am 22. August spielten 1.400 Freiwillige während eines Konzerts des Sängers Tim Bendzko in der Arena Leipzig verschiedene Szenarien durch: mal mit wenig, mal mit viel Abstand. Sensoren registrierten jeden Schritt, aus der riesigen Datenmenge entstanden Bewegungsprofile.
Hinzu kam eine Computersimulation, mit der die Forscher den Weg der Aerosole verfolgten: Sie setzten unter 4.000 virtuelle Konzertbesucher 24, die sich mit Corona infiziert hatten. Und stellten fest, dass das Lüftungssystem in der Arena Leipzig höchsten Ansprüchen genügt. Sie fanden aber auch heraus, dass Lüftungen, die ausschließlich von der Decke aus Luft absaugen, ungeeignet sind.
Rafael Mikolajczyk, Direktor der Instituts für Medizinische Epidemiologie, setzte diese Daten in Beziehung zur Leipziger Bevölkerung und entwickelte so ein detailliertes Modell, ob und wie sich das Virus nach großen Hallenevents in einer Stadt verbreiten würde. Veranstaltungen könnten „unter bestimmten Bedingungen auch in der Pandemie-Situation stattfinden“, nennt Studienleiter Moritz ein Ergebnis von „Restart-19“. Dazu zählt er diese Vorschläge:
Besucherzahlen
Konzerte oder Sportevents dürfen nicht unter Volllast laufen. Das Hygienekonzept sieht zwingend vor, dass zwischen den Stühlen genügend Abstand besteht. Liegt der Inzidenzwert unter 50, sollte maximal die Hälfte der Plätze besetzt werden. Liegt er darüber - aber noch im beherrschbaren Bereich - muss bei einer Belegung von 25 Prozent Schluss sein - wenn es ein gutes Lüftungssystem gibt.
Masken
Ohne Mund- und Nasenschutz geht aus Sicht der Forscher nichts. Und das gilt laut Moritz auch während eines Konzerts oder eines Handballspiels. Der Infektiologe sieht indes eine große Bereitschaft, die Masken ohne Unterbrechung zu tragen. 90 Prozent der Studienteilnehmer hätten in einer Befragung gesagt, dies sei nicht schlimm.
Sitzplätze
Die Veranstaltungen müssen teilweise anders organisiert werden. So sollten nur noch Sitzplätze angeboten werden, dadurch verringere sich die Zahl der Kontakte deutlich. Es müssten zudem mehr Eingänge geöffnet werden, um Gedränge zu vermeiden.
Gastronomie
Auch im gastronomischen Bereich muss an Stellschrauben gedreht werden. „Während der Veranstaltung sollte an den Sitzplätzen gegessen werden, um Gedränge und lange Kontakte an Imbissständen zu vermeiden“, heißt es.
Lüftung
„Adäquate Raumlufttechnik ist das A und O“, so Moritz. Man brauche Kriterien, wie man Veranstaltungsräume einheitlich bewertet. Aus Sicht der Forscher sollten Bund und Land mit einem Investitionsprogramm helfen, die Hallen entsprechend umzurüsten. Das sei auf jeden Fall eine Investition in die Zukunft, denn, so Moritz: „Die Pandemie ist nicht in ein paar Monaten vorbei.“ (mz)