Queis

Queis: Familienbande im Gewerbepark

Queis/MZ. - Wer wissen will, wie alles anfing mit der Hans-Dietrich-Genscher-Straße in Queis (Saalkreis), der muss vom Gewerbegebiet, das sie erschließt, 2,4 Kilometer weiter fahren - in den kleinen Ortsteil Klepzig. Der Friedhof am Dorfrand ist von einer Ziegelmauer begrenzt, ganz hinten links liegt das Grab: Weiße Kieselsteine, schwarzer Marmor. Hier haben Marie und Franz Genscher ihre letzte Ruhe gefunden. Die Großeltern des ehemaligen Bundesaußenministers und halleschen Ehrenbürgers Hans-Dietrich Genscher stammten aus Klepzig, auch sein Vater ist in dem Dorf ...

Von Alexander Schierholz

Wer wissen will, wie alles anfing mit der Hans-Dietrich-Genscher-Straße in Queis (Saalkreis), der muss vom Gewerbegebiet, das sie erschließt, 2,4 Kilometer weiter fahren - in den kleinen Ortsteil Klepzig. Der Friedhof am Dorfrand ist von einer Ziegelmauer begrenzt, ganz hinten links liegt das Grab: Weiße Kieselsteine, schwarzer Marmor. Hier haben Marie und Franz Genscher ihre letzte Ruhe gefunden. Die Großeltern des ehemaligen Bundesaußenministers und halleschen Ehrenbürgers Hans-Dietrich Genscher stammten aus Klepzig, auch sein Vater ist in dem Dorf geboren.

"Diese familiären Wurzeln haben letztlich dazu geführt, die Straße nach dem ehemaligen Minister zu benennen", erzählt eine Mitarbeiterin im Rathaus der Stadt Landsberg, zu der Queis und Klepzig seit Jahresbeginn gehören. Immerhin handele es sich um die Haupterschließungsstraße im Gewerbegebiet, "und Genscher war ja auch zur Eröffnung da". Die fand übrigens ziemlich genau vor zehn Jahren statt - am 19. Juli 1996, weshalb es jetzt eigentlich ein kleines Jubiläum zu feiern gäbe.

Aber feierlich sieht es in der Hans-Dietrich-Genscher-Straße nicht aus. Die Straße mit dem Namen eines der bekanntesten deutschen Politiker ist exakt einen Kilometer lang, nachts wird sie von futuristisch anmutenden blauen Laternen erleuchtet. Angesiedelt haben sich unter anderem ein Holzhandel, ein Fahrzeug- und Maschinenbauer, ein Kaminstudio und ein Großhandel für Dachklempnerbedarf. In dessen Gebäude befindet sich eine Kneipe mit dem schönen Namen "Zum Fallrohr". Die Spinnweben an der Eingangstür und die Gräser, die aus Pflasterfugen sprießen, deuten darauf hin, dass dort schon lange niemand mehr auf Gäste wartet. Irgendwie hätte man Genscher eine würdigere Straße gewünscht.

Andererseits passt das Gewerbegebiet aber doch, denn wer von hier aus ein paar Kilometer nach Westen fährt, kommt - nach Halle-Reideburg. "Dort ist der Genscher doch geboren", sagt ein Busfahrer, der sein Gefährt zur Pause auf einem staubigen Parkplatz am Rand der nach dem Ex-Außenminister benannten Straße geparkt hat. Über den Namen hat er sich noch nie Gedanken gemacht, "was soll denn damit sein?" Nein, von den Klepziger Wurzeln hat er nicht gehört, aber irgendwie ist das ja alles logisch: Hier Familie Genscher, da Familie Genscher - und die Straße mittendrin.

"Ich finde das total in Ordnung", sagt im Brustton der Überzeugung Jürgen Neddermeyer. Auch viele seiner Kunden sähen das so. "Ich habe noch nicht eine negative Bemerkung gehört. Der Name Genscher hat einen guten Klang." Klar, räumt der Geschäftsführer vom Holzhandel "Pfahlerholz" ein, der Straßenname sei schon ungewöhnlich. "Normalerweise ehrt man ja nur Verstorbene so. Aber man darf doch nicht vergessen, dass Genscher es war, der 1989 den Botschaftsflüchtlingen in Prag die Ausreise verkündet hat." Genscher habe viel getan für die deutsche Wiedervereinigung, deshalb sei die Straßenbenennung völlig gerechtfertigt, findet der Holz-Fachmann.

Den feierlichen Akt hat Neddermeyer vor zehn Jahren sogar auf Video festgehalten. Die damalige persönliche Begegnung mit Hans-Dietrich Genscher hat den gebürtigen Zeitzer schwer beeindruckt. Genscher sei schließlich ein Politiker mit Format - von denen es heute nur noch wenige gebe.