Projekt mit Auwald-Kran

Projekt mit Auwald-Kran: Leipzigs grüne Klimaanlage

Leipzig/MZ - Es ruckelt ganz leicht, dann setzt sich die grüne Metallgondel in Bewegung. Sanft zieht sie der Kran an einem Seil höher und höher, schiebt sie gleichzeitig Richtung Auslegerspitze. Und dann liegt er ausgebreitet da wie ein grüner Teppich: der Leipziger Auwald. Oder besser gesagt dessen ...

Von Cornelia Fuhrmann 21.07.2014, 20:46

Es ruckelt ganz leicht, dann setzt sich die grüne Metallgondel in Bewegung. Sanft zieht sie der Kran an einem Seil höher und höher, schiebt sie gleichzeitig Richtung Auslegerspitze. Und dann liegt er ausgebreitet da wie ein grüner Teppich: der Leipziger Auwald. Oder besser gesagt dessen Baumkronen.

Genau die stehen im Fokus des Auwaldkran-Projektes von Wissenschaftlern des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversität (Idiv) Halle-Jena-Leipzig. Ein Jahr war die Forschung jedoch nicht möglich. Bei der Flut im Juni 2013 war das Gleisbett vom Wasser unterspült worden. „Wir standen vor einem schräggestellten Kran und haben überlegt, wie es weitergehen soll“, sagt Christian Wirth, Direktor des Idiv und Professor für Biologie an der Universität Leipzig. Mithilfe von Fluthilfemitteln und einer Kranbaufirma wurde das Gleisbett neu verlegt und der Kran aufgerichtet.

Die Forschung dient verschiedenen Zwecken, beispielsweise der Ergründung von Abbauprozessen oder der Funktionsweise von Nahrungsketten in den Baumkronen. Daran habe auch ein internationales Konsortium Interesse bekundet, das die hiesigen Vorgänge mit denen in den Tropen vergleichen wolle. „Baumkronen sind so etwas wie die Korallenriffe auf dem Land. Beides sind enorm artenreiche Lebensräume“, sagt Wirth.

Man habe im Leipziger Auwald sehr viele Insektenarten wie Käfer wiedergefunden, die man für ausgestorben hielt. Eine Überraschung sei auch gewesen, dass erstmals ein Laubfrosch in 25 Metern Höhe gefunden werden konnte. Zuvor hatte man diesen nur per Ton identifiziert, sagt Wirth. „Man hat die Vorstellung, dass wir alles kennen, aber man vergisst dabei, dass die Menschen auf dem Boden herumlaufen. Man guckt nicht nach oben“, so der Biologe. Das Besondere an dem Habitat fasst Wirth so zusammen: Die Strahlungsmenge „dort oben“ sei hoch, die Oberflächen rau und der Wind stark abgebremst. Lokal könne es da sehr heiß werden, es seien Spezialisten, die sich da ansiedeln. „Es ist absolut möglich, dass wir noch neue Arten entdecken, auch bei uns“, sagt Wirth.

Immerhin könne man mit dem Kran mehr als 900 Bäume erreichen. Das ist deshalb möglich, weil der Kran - europaweit einmalig - mobil ist. Das Stahlkonstrukt kann auf einem 120 Meter langen Gleis durch den Wald fahren, der Ausleger selbst hat eine Länge von 45 Metern und kann geschwenkt werden. „Dafür machen alle an der Forschung beteiligten Mitarbeiter diese Woche noch eine Schulung, um die Genehmigung für das Führen des Krans zu erlangen“, erklärt Wirth.

Klimaanlage und Hochwasserschutz

Die Beobachtung des Waldes und dessen Gesundheit sind auch für die Stadt Leipzig wichtig. Wie Wirth sagt, ist der grüne Gürtel einerseits Flutfläche bei Hochwassern. „Die Überflutungen werden häufiger werden“, so Wirth. Andererseits ist er die Klimaanlage der Stadt. „Der Wald sorgt für ein kühleres Klima, weil er Wasser transpiriert. Bei der Verdunstung wird der Umgebung Wärme entzogen“, erklärt er. Das könne auch mit Wärmebildkameras sichtbar gemacht werden.

Doch der Wald ist bedroht. Ein Pilz aus Südosteuropa, der Eschentrieb-Sterben verursacht, ist laut Wirth bereits bis nach Sachsen vorgedrungen. Er blockiert die Leitungsbahnen der Eschen. Wegen der Blockade könne kein Wasser- und Nährstofftransport mehr stattfinden, die Bäume sterben ab. Das wäre im Auwald eine große Fläche, denn immerhin 36 Prozent des Ökosystems bestehen aus eben diesen Bäumen. „Gegen den Pilz kann man nichts tun, außer frühzeitig zu schauen, ob man resistente Eschen findet, um davon Saatgut zu sammeln“, sagt der Biologe.

Aber auch die Verbreitung von Spitz- sowie Bergahorn schadet, weil die mit ihren dichten Baumkronen zu viel Schatten werfen. „Sie konkurrieren andere aus“, sagt Wirth, beispielsweise Eschen aber auch Eichen. Damit würde der Wald Christian Wirth zufolge aber sein Puffervermögen verlieren, denn Ahorne kommen im Gegesatz zu den anderen Arten nicht gut damit zurecht, in Flutgebieten zu stehen. Eine gezielte Flutung ist damit aber eine Möglichkeit, die Ausbreitung einzudämmen.