Nazi-Vergangenheit

Nazi-Vergangenheit: Der letzte große Fang

QUERFURT/MZ. - Natürlich geht es im Grunde genommen um die Sache. Natürlich wäre es nur gerecht, wenn ein Täter am Ende doch noch seine Strafe bekäme. Und natürlich käme es nicht darauf an, wer der Gerechtigkeit letztlich zum Sieg verholfen hat. Joachim Jahns aus Querfurt (Saalekreis) ist kein eifersüchtiger Mensch, der anderen das Scheinwerferlicht neidet. Im Gegenteil: Vier Jahre lang hat der frühere Geschichtslehrer, der den Dingsda-Verlag betreibt, einem mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher hinterherrecherchiert, der der letzte große Fang in der Geschichte der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen werden könnte. Jetzt ist dieser Mann, ein Weißenfelser namens Erich Steidtmann, vom Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles in die Liste der zehn wichtigsten noch lebenden Nazi-Kriegsverbrecher aufgenommen worden. "Und ich bin sauer", sagt der sonst stille Jahns, "dass alle meine Beweise benutzen, ohne dass meine Arbeit erwähnt ...

Von STEFFEN KÖNAU 23.04.2010, 17:42

Natürlich geht es im Grunde genommen um die Sache. Natürlich wäre es nur gerecht, wenn ein Täter am Ende doch noch seine Strafe bekäme. Und natürlich käme es nicht darauf an, wer der Gerechtigkeit letztlich zum Sieg verholfen hat. Joachim Jahns aus Querfurt (Saalekreis) ist kein eifersüchtiger Mensch, der anderen das Scheinwerferlicht neidet. Im Gegenteil: Vier Jahre lang hat der frühere Geschichtslehrer, der den Dingsda-Verlag betreibt, einem mutmaßlichen Nazi-Kriegsverbrecher hinterherrecherchiert, der der letzte große Fang in der Geschichte der Aufarbeitung der Nazi-Verbrechen werden könnte. Jetzt ist dieser Mann, ein Weißenfelser namens Erich Steidtmann, vom Simon-Wiesenthal-Center in Los Angeles in die Liste der zehn wichtigsten noch lebenden Nazi-Kriegsverbrecher aufgenommen worden. "Und ich bin sauer", sagt der sonst stille Jahns, "dass alle meine Beweise benutzen, ohne dass meine Arbeit erwähnt wird."

Dabei gäbe es den Fall des früheren Polizeioffiziers Erich Steidtmann heute mit Sicherheit nicht, hätte nicht Jahns über Jahre in deutschen, polnischen und österreichischen Archiven gehockt, Stasi-Akten studiert und Fotos analysiert. Gezwungenermaßen am Anfang, denn der 95-jährige Steidtmann hatte versucht, eines seiner Bücher verbieten zu lassen. Seine Persönlichkeitsrechte würden durch den Band "Ein ganz gewöhnliches Leben" verletzt, seine Ehre als "deutscher Offizier" angegriffen, argumentierte der ehemalige Kompanieführer des Hamburger Reserve-Polizeibataillons 101.

Steidtmann wollte weder als "schmucker Hauptmann" noch als SS-Mann dargestellt werden, auch habe er keine "Küsse mit einer Gestapo-Tippse" getauscht, wie seine Ex-Geliebte behauptet hatte. Er sei vielmehr stolz darauf, das Warschauer Ghetto bewacht und an der "Partisanenbekämpfung" teilgenommen zu haben. Der Mann, der nach dem Verlassen der DDR als Polizist in Essen Dienst tat, belastete sich damit selbst. "Das war der Punkt, wo ich angefangen habe, nach der Wahrheit zu suchen", erinnert sich Joachim Jahns.

Er wurde nicht schnell, aber er wurde fündig, wo zuvor weder Staatsanwälte noch das Wiesenthal-Center aufmerksam geworden waren. So war Steidtmann ganz offensichtlich SS-Angehöriger gewesen. Und Fotos, die während der "Liquidierung" des Warschauer Ghettos entstanden, zeigen den Mann mit der SS-Nummer 160 812 direkt an der Seite des SS-Generals Jürgen Stroop, der später melden wird: "Der Jüdische Wohnbezirk besteht nicht mehr. Gesamtzahl der vernichteten Juden beträgt insgesamt 56 065."

Erich Steidtmann aber behauptet, er sei zu jener Zeit nicht in Warschau gewesen. Nachgewiesen werden konnte ihm das Gegenteil bislang nicht - 1974 stellte die Staatsanwaltschaft Ermittlungen ein. Ende 2007 regte das Wiesenthal-Center aufgrund der Hinweise von Joachim Jahns Ermittlungen an. Erneut wurde das Verfahren niedergeschlagen - diesmal wegen der schlechten Beweislage.

Dabei gebe es schon in den Akten aus den 60er Jahren Zeugenaussagen, die auf eine Mitverantwortung des in der SS-Stammrolle als Hauptsturmführer registrierten Hauptmannes an der Ermordung Tausender deuten, beschreibt Jahns. "Ein Mann aus seiner Kompanie sagte aus, dass er während der Liquidierung als Melder bei Steidtmann eingesetzt war." Der Beschuldigte hingegen behauptet, er sei auf Heimaturlaub gewesen. Wo er auch im Herbst 1943 gewesen sein will, als seine Kompanie Massenerschießungen durchführte. Mehr als 30 500 Menschen wurden hingerichtet, während der Kompaniechef sich daheim in Weißenfels erholte? Weil ein Feldpostbrief aus der Hand des Verdächtigen darauf hinweist, dass diese Angabe falsch sein könnte, ermittelt die Staatsanwaltschaft nun erneut.

Joachim Jahns hat den alten Mann, der krank in einer Doppelhaushälfte bei Hannover lebt, selbst gefragt. "Ich wollte wissen, ob er das wirklich ist auf dem Foto aus dem Ghetto." Statt zu bestätigen oder zu bestreiten, habe Steidtmann ihm "ganz freundlich erzählt, wie er das Kriegsende erlebte". Mit Glück sei er unverletzt geblieben und der Gefangenschaft entgangen. Schon sechs Monate nach der deutschen Niederlage ist der Mann, der die erneuten Ermittlungen gegen sich jetzt als "Witz des Jahrhunderts" bezeichnet, wieder im Amt. Erich Steidtmann hat seinen Posten als Polizist in Merseburg zurückerhalten.