Nackte Nudeln

Nackte Nudeln der Umwelt zu liebe: Pierre Mischke verkauft in Leipzig alles ohne Plastik-Verpackung

Leipzig - Pierre Mischke verkauft in Leipzig alles ohne Plastik-Verpackung: Teigwaren wie aus dem Kaugummi-Automaten, Zahnbürsten aus Holz und Kondome aus fair gehandeltem Kautschuk in Papier.

Von Magdalena Kammler

Der Apfel ist noch gar nicht bezahlt, aber das interessiert Theo nicht. Der Fünfjährige hat kurz in die Obstkisten geschaut, seinen Arm ausgestreckt und sich heute mal für die Sorte Elstar entschieden. Ladeninhaber Pierre Mischke kennt den kleinen Apfelfachmann und weiß, was jetzt zu tun ist. Er nimmt das Obst und wäscht es. Theo wartet ungeduldig. Dann der erste Biss, kurzes Innehalten und - für gut befunden. Theo und seine Mutter sind Stammkunden im Unverpackt-Laden der Leipziger Südvorstadt. Es ist kein gewöhnliches Geschäft. Denn alles, was in den Regalen hier liegt, kommt ohne jegliche Verpackung aus. Das Prinzip: „Lose. Regional. Nachhaltig“.

Jedes Jahr fallen 212 Kilogramm Verpackungsmüll pro Person in Deutschland an. Zwei Drittel davon machen jene von Nahrungsmitteln und Getränken aus. Gleichzeitig steigt die Verwertungsquote der Kunststoffprodukte. Rund 60 Prozent werden recycelt. Ob Wertstoff oder nicht: Plastik braucht bis zu 400 Jahre, bis es sich zersetzt.

„Viele Dinge werden doppelt und dreifach verpackt“

Die Idee, Lebensmittel ohne Verpackung zu verkaufen, kam Pierre Mischke vor drei Jahren - als er mal wieder Waschmittel brauchte. Er stand vor dem Regal und wunderte sich: „Statt 18 Einheiten sind nur noch 16 drin gewesen, die Verpackung war allerdings die gleiche. Das hat mich geärgert!“, erzählt der 34-Jährige. Immer mehr Hersteller machen sich dieses Prinzip zu Nutze. Die Verbraucherzentrale Hamburg kürt inzwischen ein Mal im Jahr die „Mogelpackung des Jahres“, um die Praktik anzuprangern.

Pierre Mischke begann von da an, nicht nur die Verpackungsgröße, sondern auch das Material zu hinterfragen. Aus dem Waschmittel-Mogelpackung-Erlebnis entwickelte sich ein Umweltbewusstsein, aus dem schließlich im März 2016 eine Geschäftsidee wurde. Zusammen mit seiner Freundin gründete er einen Laden in Leipzig. Inspiriert hat ihn dabei das Vorreitermodell aus Berlin.

Neben den Schummelpackungen stört sich der gelernte Koch auch an den standardisierten Portionierungen der Lebensmittel. Im Supermarkt könne weniger nach Bedarf gekauft werden. Auch die Verschwendung von Materialien brachte ihn zum Nachdenken. „Viele Dinge werden doppelt und dreifach verpackt.“ Das sei ihm besonders bei Müsli aufgefallen: „Warum wird eine stabile Verpackung aus Pappe produziert, in der sich wiederum ein Plastikbeutel befindet?“ Nudeln würden schließlich auch teilweise nur in Pappschachteln verkauft.

Seit 1983 findet jedes Jahr der Weltverbrauchertag am 15. März statt, um Tricks der Werbe-Industrie aufzudecken sowie Fallen und Köder der Hersteller anzuprangern. Die amerikanische Organisation „Consumers International“ initiierte damals den Aktionstag.

Inspiriert wurde sie dabei von John F. Kennedy, der 20 Jahre zuvor drei grundlegende Verbraucherrechte vor dem US-Kongress festlegte. In Deutschland klären vor allem die regionalen Verbraucherzentralen über die Gefahren und Probleme bei Lebensmitteln, Verpackungen, Alltagsprodukte sowie Dienstleistungen auf.  (mak)

Es ist Vormittag, und im Laden geht es bisher noch ruhig zu. Zur Mittagszeit wird es langsam voller in dem Dreiraumgeschäft. Mischke, dieser große schlanke Mann mit Vollbart in blauem T-Shirt und beigen Chucks-Turnschuhen, spricht ruhig und bedacht. Ihm ist die Sache mit den Lebensmitteln wichtig. Leichte Augenringe und ein ernster Blick zwischendurch lassen ihn manchmal älter wirken, wenn er erzählt. Früher hat Pierre Mischke nicht sonderlich auf seine Ernährung und Umwelt geachtet. Der 34-Jährige wuchs mit sieben Geschwistern in der Leipziger Innenstadt auf. Da ging es nicht um Bio oder Plastik. „Da ging es einfach darum, alle satt zu bekommen“, erzählt er.

Für Nüsse, Früchte und Getreide stehen Gläser bereit

Das kleine Geschäft unweit der belebten Karl-Liebknecht-Straße bietet auch Drogerie- und Alltagsprodukte. Sie wirken wie aus einer Zeit, in der das Wort Plastik mehr von Kunstkritikern als von der Kosmetikindustrie genutzt wurde. Zahnbürsten und Wattestäbchen sind aus Bambusholz, ebenso wie das Toilettenpapier „Smooth Panda“, das anders als das graue, kratzige Pendant aus Altpapier geschmeidig weich ist. Flüssigseifen wie Shampoo und Duschgel werden als Hartseife für sechs bis elf Euro das Stück verkauft. Zahnpasta gibt es in Form von Tabletten, für den umweltbewussten Schrubber-Effekt sorgt Kieselerde. Kostenpunkt: vier Cent pro Putzpille.

Strohhalme sind aus Edelstahl, weniger für den Kindergeburtstag geeignet, dafür plastikfrei. Und selbst beim Sex kann die Umwelt geschont werden: Kondome aus kontrolliertem Kautschukanbau aus Malaysia, verpackt in bunten Papiertütchen. Für sieben Euro gibt es sechs Exemplare. Auch das Haustier wird hier bei Pierre Mischke glücklich: „Pfotenwohl - Pflege für strapazierte Hundepfötchen“ liegt in kleinen Metalldöschen aus. Butter und Käse werden im Unverpackt-Laden für den Transport in Papier gewickelt. Für Nüsse, Früchte und Getreide stehen Gläser bereit, Obst und Gemüse liegen lose in verschiedenen Körben. Der Ziegenkäselieferant füllt für das Geschäft seine Waren nicht mehr in Plastikbehältern ab, sondern in Einweggläsern, mit klassischem Gummizug und Metallspange. „Bei Großhändlern wäre das nicht möglich“, sagt Mischke. Für Honig- und Aufstrichgläser wird Pfand verlangt, 15 Cent.

Wieviel Plastikmüll weniger anfällt, wenn nahezu unverpackt eingekauft wird, weiß Pierre Mischke aus seinem Arbeitsalltag: bei Trockenfrüchten, Nüssen und Müsli bis zu 90 Prozent, da die Ware in 25-Kilo-Portionen geliefert wird. Bei Flüssigreiniger ist es immerhin bis zur Hälfte. Früher brachten der Jungunternehmer und seine Freundin jede Woche bis zu drei Mal den gelben Sack zur Tonne. Mittlerweile wird der Wertstoff-Container nur noch drei Mal im Jahr gefüllt. So ganz ohne Plastik geht es eben nicht.

Der Verbrauch hat sich dennoch drastisch reduziert. Diana Beuster besucht seit Monaten regelmäßig den neuen Laden in ihrem Kiez. Die Lateinlehrerin braucht heute mal ein bisschen mehr Butter: 400 Gramm. Sie möchte ein Brot backen. Mischke holt die Rolle aus dem Kühlregal und schneidet ein Stück ab. „Sind auch 428 Gramm okay für dich?“ - „Na klar!“ Man duzt sich in der Kochstraße Nummer sechs.

Bio-Qualität und Plastikverzicht

Und man zahlt gerne mehr für Bio-Qualität und Plastikverzicht. Manchmal kommen auch Schul- und Kindergartengruppen in das Geschäft, sagt Mischke. „Die Kinder sind immer ganz fasziniert von den ulkigen Zahnbürsten und den Füllsystemen.“ Müsli aus dem Kaugummi-Automaten quasi. Aus 15 verschiedenen Rohren kann sich jeder seine Dosis an Vitaminen und Nährstoffen mixen. Wer nicht auf Müsli steht, aber auf den Spaß nicht verzichten möchte, kann das gleiche Spiel bei den Nudeln ausprobieren. Neben den herkömmlichen Eiernudeln gibt es die Spirelli-Variante aus braunem Dinkel oder roten Linsen. Allein das ist eine Kuriosität für sich: Nudeln aus Linsen.

Theo hat mittlerweile den Laden mit seiner Mutter verlassen. Er wünscht sich zum Mittagessen Eierkuchen. Die gibt es nun mit Eiern von der Initiative „Bruder Hahn“ aus Mischkes Laden. Zwar ist das ein teurer Eierkuchen - ein Ei kostet bis zu 79 Cent - dafür werden für sein Mittagessen keine Hähnchen-Küken geschreddert. Die Männchen bleiben am Leben, auch wenn sie wirtschaftlich keinen Nutzen bringen. Zum Glück weiß Theo nicht, was das genau bedeutet mit dem Schreddern. Beim nächsten Besuch wird er bestimmt wieder zur Apfelkiste rennen während Mama - unverpackt - einkauft.  (mz)