Nach zwölf Jahren Gefängnis frei

Nach zwölf Jahren Gefängnis frei: Haseloff begnadigt verurteilten Mörder

Burg - Selbst auf der Heimfahrt konnte er es noch nicht fassen. „Ich habe immer wieder gedacht: Das kann jetzt nicht sein“, sagt Helmut Marquardt. Es konnte: Auf den Tag genau zwölf Jahre nach seiner Verhaftung wegen Mordes an seinem Schwager ist der fast 78-Jährige frei. Er wurde begnadigt von Reiner Haseloff (CDU). Der Ministerpräsident habe die weitere Vollstreckung der Haftstrafe auf dem Gnadenweg zur Bewährung ausgesetzt, bestätigte die Staatskanzlei am ...

Von Katrin Löwe
In Naumburg sammelte der Freundeskreis im Jahr 2012 rund 300 Unterschriften für den Verurteilten.

Selbst auf der Heimfahrt konnte er es noch nicht fassen. „Ich habe immer wieder gedacht: Das kann jetzt nicht sein“, sagt Helmut Marquardt. Es konnte: Auf den Tag genau zwölf Jahre nach seiner Verhaftung wegen Mordes an seinem Schwager ist der fast 78-Jährige frei. Er wurde begnadigt von Reiner Haseloff (CDU). Der Ministerpräsident habe die weitere Vollstreckung der Haftstrafe auf dem Gnadenweg zur Bewährung ausgesetzt, bestätigte die Staatskanzlei am Donnerstag.

Für Helmut Marquardt kam das nach jahrelangem Kampf am Mittwoch völlig überraschend. Er wollte wie jeden Tag um 13.30 Uhr aus dem Gefängnis mit seiner Lebenspartnerin telefonieren. Plötzlich, erzählt er, habe der Leiter der Justizvollzugsanstalt Burg hinter ihm gestanden und das Gespräch selber führen wollen. Ihr Mann komme nach Hause, sie möge ihn abholen, habe er gesagt. „Für mich war das die Erlösung“, sagt Marquardt.

Verurteilung zum Mord

2004 wurde der heute 77-Jährige am Landgericht Halle wegen Mordes an seinem Schwager verurteilt. Herbert S. war im März 2002 in seinem Haus im Saalekreis gefunden worden - gefesselt mit Kabelbindern, malträtiert mit vier wuchtigen Schlägen auf den Kopf und zwei Messerstichen in den Hals. Obwohl Marquardt die Tat stets bestritt, während des Prozesses sogar drei Monate wegen fehlenden dringenden Tatverdachts auf freiem Fuß war, verurteilte ihn das Gericht nach einem 47 Verhandlungstage langen Indizienprozess wegen Mordes zu lebenslanger Haft.

Eines der damals belastendsten Indizien war eine DNA-Spur von ihm auf der Hand des Toten. Marquardt erklärte sie später damit, dass er seinen Schwager gefunden und angefasst habe, um zu prüfen, ob er lebt. Er habe aus Schock nicht die Polizei gerufen. Im Gerichtsprozess aber sagte er das alles nicht - auf ausdrücklichen Rat seines damaligen Anwalts.

Wiederaufnahme des Verfahrens scheiterte

Zweimal hat der Rentner seitdem mit Hilfe anderer Anwälte versucht, auf rechtlichem Weg eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu erreichen. Zweimal scheiterte er damit vor sämtlichen Instanzen bis hin zum Bundesverfassungsgericht. Gegen ein rechtskräftiges Urteil vorzugehen, ist in Deutschland an strenge Bedingungen geknüpft: neue Beweise oder Aussagen und Urkunden, die sich im Nachhinein als falsch herausstellen. Dies sahen die Richter nicht als erfüllt.

Wie es dann mit Helmut Marquardt weiterging, lesen Sie auf Seite 2.

Seit vier Jahren hat darüber hinaus ein Freundeskreis „Gerechtigkeit für Helmut Marquardt“ für die Freilassung des Mannes gekämpft. Hat demonstriert, immer wieder Briefe an Juristen und Politiker geschrieben, auf Zweifel an dem Urteil aufmerksam gemacht, Gnadengesuche gestellt, auf Haftunterbrechung wegen des schlechten Gesundheitszustandes von Marquardt gedrängt. Die Gruppe - bestehend unter anderem aus ehrenamtlichen Seelsorgehelfern und einem langjährigen Gemeindekirchenratsvorsitzenden - kam quasi durch die Hintertür zurück, wenn man sie vorn gerade hinauskomplimentiert hatte. „Weil ich wirklich an seine Unschuld glaube“, sagt Rüdiger Grunow aus Jena. Dass Marquardt nun frei ist, „das ist für mich wie ein Feiertag.“

Zur Ruhe kommen

Helmut Marquardt hat den ersten Abend in Freiheit genutzt, um zu telefonieren - bis in die Nacht hinein. „Das bin ich den vielen schuldig gewesen, die sich so für mich eingesetzt haben“, sagt er dankbar. Genaue Pläne hat der 77-Jährige nicht. „Ich will erst einmal nur mein schönes Zuhause genießen.“ Zunächst stehe auch noch viel Bürokratie an, unter anderem die Beantragung eines neuen Personalausweises. Ansonsten wolle er zur Ruhe kommen, sich schonen. Vier Herzinfarkte habe er im Gefängnis gehabt, sagt Marquardt, zuletzt kam Diabetes dazu.

Die schwer angegriffene Gesundheit des 77-Jährigen ist vermutlich einer der Gründe, warum sich das Justizministerium, aber vor allem der Ministerpräsident nach einigen Ablehnungen zuvor nun doch für eine Begnadigung ausgesprochen hat. Bestätigt wurde das am Donnerstag nicht - Gnadenentscheidungen würden grundsätzlich nicht begründet, hieß es.

Noch immer verurteilter Mörder

Eine Tatsache aber bleibt: Trotz Begnadigung gilt Marquardt weiter als verurteilter Mörder. Ob er nach der Freilassung die Kraft aufbringen wird, weiter um eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu kämpfen, lässt er selbst noch offen. Momentan breche so viel über ihn herein, dass er das erst einmal verdränge. „Ich habe ein reines Gewissen, das war die ganze Zeit mein Halt“, sagt Marquardt - neben der Unterstützung von Partnerin, Tochter, Enkelin und Freunden. In den nächsten Tagen will er sich mit seiner Anwältin beraten. (mz)