Musikgeschichte

Musikgeschichte: Hat Weber Freischütz-Melodien abgeschrieben?

Ballenstedt/MZ. - Bei seinen Forschungen in der Musikgeschichte Ballenstedts (Landkreis Quedlinburg) ist Siegfried Hünermund möglicherweise auf eine Sensation gestoßen: Stammen Teile von Carl Maria von Webers populärer Oper "Der Freischütz" etwa aus der Feder von Carl Christian Agthe (1762-1797), dem einstigen Hofkapellmeister von Ballenstedt? Diese Vermutung beschlich den Musiklehrer, der zurzeit bei der Stadt Ballenstedt beschäftigt ist, bereits im vergangenen ...

Von Regine Lotzmann und Johannes Killyen 19.08.2003, 18:39

Bei seinen Forschungen in der Musikgeschichte Ballenstedts (Landkreis Quedlinburg) ist Siegfried Hünermund möglicherweise auf eine Sensation gestoßen: Stammen Teile von Carl Maria von Webers populärer Oper "Der Freischütz" etwa aus der Feder von Carl Christian Agthe (1762-1797), dem einstigen Hofkapellmeister von Ballenstedt? Diese Vermutung beschlich den Musiklehrer, der zurzeit bei der Stadt Ballenstedt beschäftigt ist, bereits im vergangenen Jahr.

"2002 wurden zum 240. Geburtstag von Carl Christian Agthe im Ballenstedter Schlosstheater 14 seiner Tänze aufgeführt", erzählt Hünermund. Die in der Staatsbibliothek in Berlin lagernden Manuskripte der Tänze, offenbar Originalhandschriften von Agthe, waren einst vom Musikforscher Georg Faulhaber kopiert worden. Nun hatte Hünermund die Noten noch einmal überarbeitet.

"Als die Musiker mit den Proben begannen, gab es lautes Gelächter", erinnert er sich. Denn bei den ersten beiden und den letzten beiden Tänzen kamen Melodien aus dem "Freischütz" zu Gehör. Hatte Agthe bei Weber abgekupfert?

Die von Hünermund aufgespürten Fakten, die er der MZ jetzt präsentierte - und auch die reine Logik - sprechen dafür, dass eher das Gegenteil der Fall sein dürfte. Denn Webers "Freischütz", die vielleicht "deutscheste" aller Opern, wurde erst 1821, kurz nach Eröffnung der Lindenoper in Berlin, uraufgeführt. "Es war die erste National- und Volksoper und schon damals ein Highlight", sagt Hünermund. Die Arbeiten dazu begannen 1817, als Weber (1786-1826) Kapellmeister an der deutschen Oper in Dresden war. Doch da war Agthe schon tot.

Der 1762 in Hettstedt geborene Komponist, bisweilen als "Mozart des Harzvorlandes" bezeichnet, war von 1782 bis zu seinem Tode 1797 Hofkapellmeister und Hoforganist beim Ballenstedter Fürsten Friedrich Albrecht. Und er unterrichtete die Ballenstedter Malerin Caroline Bardua (1781-1884), die ebenso wie ihre Schwester Wilhelmine (1798-1865) regen Kontakt zu Weber pflegte. Caroline porträtierte ihn sogar. "Sie verstand es, sich bei den Sitzungen geistreich mit ihren Kunden zu unterhalten", weiß Hünermund. "Manchmal kam auch die Schwester hinzu, sang, spielte Klavier oder las aus neu erschienenen Büchern vor."

Dass Weber bei einem solchen Zusammensein in Ballenstedt auch die Tänze Carl Christian Agthes hörte, sei gar nicht so abwegig, meint der Musikpädagoge, der auch noch andere Spuren nach Ballenstedt fand: bei Caroline Brandt, seit 1817 Webers Frau. Sie hatte von 1805 bis 1807 zwei Jahre ihrer Kindheit in einer Erziehungsanstalt in Ballenstedt verbracht, kam später als Schauspielerin wieder und kannte zudem die Barduas, sicher auch Agthes Musik.

Nun passierte (und passiert) es in der Musikgeschichte beileibe nicht selten, dass Komponisten sich bei Kollegen oder an anderer Stelle bedienten. Carl Maria von Weber selbst soll für den Bauernwalzer und das Brautlied vom Jungfernkranz Volksmelodien in den "Freischütz" übernommen haben.

Dennoch käme es einem mittleren Erdbeben gleich, wenn etwa die Melodie von Agathes großer Arie im zweiten Akt oder die des "Jägerchors" nicht von Weber stammen sollte, sondern von Carl Christian Agthe. Siegfried Hünermund jedenfalls will seine These "einfach mal in den Raum stellen" und hofft darauf, dass Weber-Experten bald Genaueres herausfinden. Unter anderem müssten die Manuskripte der Agthe-Tänze in der Staatsbibliothek Berlin untersucht werden. Denn immerhin wäre es möglich, dass in die Sammlung nachträglich und von anderer Hand Weber-Stücke eingefügt wurden - auch das kein unübliches Vorgehen.

Dem Musiklehrer ist dann noch etwas, zugegeben Kurioses, aufgefallen: Lässt man bei Agathe, der weiblichen Hauptperson im "Freischütz", das mittlere "A" weg, dann wird aus dem Namen eine Hommage an den Komponisten Agthe.