Lützner Straße

Lützner Straße in Leipzig: Feinstaub-Werte der EU werden seit Jahren überschritten

Leipzig - Eine der dreckigste Straßen Mitteldeutschlands liegt in Leipzig. Seit Jahren werden in der Lützner Straße Schadstoff-Grenzwerte der EU überschritten.

Von Alexander Schierholz 10.10.2016, 06:00

Petra von Kant würde wohl bittere Tränen weinen, wenn sie wüsste, welches Drama sich tagtäglich direkt vor ihrer Tür abspielt.

Leipzig, Lützner Straße im Westen der Stadt: Willkommen in einer der dreckigsten Straßen Mitteldeutschlands. Haus Nummer 36 beherbergt im Erdgeschoss eine Galerie.

Die aktuelle Ausstellung trägt den Titel: Die bitteren Tränen der Petra von Kant, benannt nach einem Theaterstück und einem Spielfilm. Ob die Leipziger Petra von Kant wirklich weint, ist nicht klar.

Die Galerie ist gerade geschlossen. Vor dem Haus am Fahrbahnrand: ein kleiner grauer Container, vollgestopft mit Elektronik, geschützt mit einem Gitter - eine Messstation für Luftschadstoffe, eine von mehreren in Leipzig. Registriert wird unter anderem die Belastung durch Feinstaub, vor allem Ruß. Nirgends in der Region ist sie so hoch wie hier.

Nach Vorgaben der EU darf der Feinstaub-Grenzwert von 50 Mikrogramm pro Kubikmeter an 35 Tagen im Jahr überschritten werden. Sind es dauerhaft mehr, drohen Geldstrafen in sechsstelliger Höhe.

Die Lützner Straße liegt seit fünf Jahren deutlich über der 35-Tages-Schwelle, mit einer Ausnahme: Im vergangenen Jahr wurde der Grenzwert nur an 26 Tagen nicht eingehalten. Die Messwerte brachten Leipzig schon 2013 den Ruf ein, eine der schmutzigsten Städte Deutschland zu sein.

Warum ist es gerade hier so dreckig? Die Suche nach dem Feinstaub beginnt dort, wo die Lützner Straße anfängt, im Stadtteil Lindenau, bevor sie nach sieben Kilometern am westlichen Stadtrand endet.

In Lindenau: die typische Vorstadt-Mischung. Sanierte und bröckelnde Gründerzeit- und Jugendstil-Fassaden wechseln sich ab. Es dominieren Imbisse, Spielhöllen und Ramschläden. Durch eine Toreinfahrt geht es zu einem Hinterhoftheater: Lindenau, einst Industrie-Stadtteil, wird immer mehr Szeneviertel.

Unablässig rauscht der Verkehr vorbei. Die Lützner Straße ist hier Teil der B87. Wer ohne Umwege aus dem Stadtzentrum zur A9 gen Süden will, fährt hier entlang.

Ist das eine Erklärung? Die Autoabgase? Die Leipziger Stadtverwaltung sagt, der innerstädtische Verkehr trage nur zu einem Viertel zur Feinstaub-Belastung bei. Der große Rest: Emissionen von Heizungen und der Industrie, auch von weiter her, etwa aus polnischen und tschechischen Kraftwerken.

Eingeschränkter Luftaustausch in Lützner Straße

Hinzu komme ein besonderes Merkmal der Lützner Straße, sagt Leipzigs Umweltamtsleiterin Angelika Freifrau von Fritsch: ihr „schluchtartiger Charakter“. Zwischen der Bebauung rechts und links der Fahrbahnen sei der Luftaustausch eingeschränkt, vor allem im Winter. Dann wird mehr geheizt. Und kalte Luft steigt nicht nach oben.

Bloß: Straßenschluchten gibt es auch anderswo in Leipzig, praktisch an allen großen Ausfallstraßen. Allerdings stehen dort keine Messstationen. Stattdessen wird die Schadstoff-Belastung anhand von Modellrechnungen ermittelt.

Feinstaub? Grenzwert-Überschreitungen? Matthias Maier braucht man damit nicht zu kommen. „Fahren die Leute denn weniger Auto?“, fragt er, und gibt sich die Antwort gleich selbst: „Tun sie nicht!“ Der gelernte Maßschneider, graues Haar, schwarzes modisches Hemd, steht in seinem Geschäft, das er 1985 vom Vater übernommen hat.

Auf den Bügeln und in den Regalen: edle Sakkos, Hosen, Hemden und Krawatten. Eine alte Nähmaschine zieht die Blicke auf sich, mitten im Raum stehen zwei bequeme Sessel. Der Laden wirkt heimelig und gediegen.

Im Gegensatz zu Lindenau, draußen vor der Tür. Maier, 65, ist hier aufgewachsen, als die Schlote noch rauchten, Ruß und Asche die Luft verpesteten, viel stärker als heute. Er erzählt vom Kanal durchs Viertel, in den alle Industriebetriebe ihre Abwässer gekippt hätten, bis er zur Kloake verkommen sei.

Heute gilt Wohnen am Kanal als schick in Leipzig, auf dem Wasser schippern Ausflugsboote, Kanuten sind unterwegs. Der Schneidermeister sagt: „Wenn man eine Zeit erlebt hat, in der Leipzig bedeutend schmutziger war als heute, dann stört einen Feinstaub nicht so sehr.“

Wer in der Lützner Straße einen Laden betreibt, hat andere Sorgen. Früher Nachmittag, in ihrem Frisiersalon wartet Heike Schöne auf Kundschaft. „Der Ansturm kommt später“, sagt sie. Hohe Feinstaub-Werte? Hier? „Hab ich nicht gewusst.“

Klar, der Verkehr habe zugenommen, im Vergleich zu DDR-Zeiten, aber sonst? Schöne, 56, kurze blonde Haare, kommt dann schnell auf die fehlenden Parkplätze zu sprechen, auf das unsanierte Haus gegenüber („kein schöner Anblick“), auf den Müll, der überall herumliege.

Und der Feinstaub? Heike Schöne lacht verlegen, was soll man auch sagen? „Ich bin immer noch gesund. Von dem Feinstaub merke ich nichts.“

Feinstaub merkt man nicht. Das ist das Tückische an ihm. Es geht um Partikel, die unvorstellbar winzig sind, mit einem Durchmesser von weniger als zehn Mikrometern. Ein Mikrometer ist ein Tausendstel Millimeter. Die Teilchen sind so klein, dass sie mit der Atemluft in die Bronchien gelangen, bei einem Durchmesser von weniger als 2,5 Mikrometer sogar in die Lungenbläschen.

Feinstaub ist eine Gesundheitsgefahr. Er erhöht die Risiken für Schlaganfälle, Herzkrankheiten, Lungenkrebs und Atemwegserkrankungen wie Asthma. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben infolge der Feinstaub-Belastung weltweit jährlich mehr als drei Millionen Menschen.

Gerade erst hat eine WHO-Studie ergeben: Gut 92 Prozent der Weltbevölkerung leiden unter verschmutzter Luft, besonders in Entwicklungs- und Schwellenländern in Asien und im Pazifik.

Luft nach oben

Aber es herrscht eben auch in Europa dicke Luft. Deshalb die strengen Feinstaub-Grenzwerte. Deshalb die Umweltzonen, die in vielen deutschen Städten eingerichtet worden sind.

Auch in Leipzig. Mit Erfolg, wie Umweltamtsleiterin von Fritsch sagt: Das Fahrverbot für Stinker habe die Feinstaub-Belastung gemindert. Trotz der regelmäßig Überschreitungen in der Lützner Straße.

Eine Frage ist damit noch nicht beantwortet: Wie aussagekräftig ist es, Schadstoffe punktuell, an verschiedenen festen Stationen, zu messen? Das wollten Wissenschaftler des Leipziger Instituts für Troposphärenforschung (Tropos) wissen.

Im vergangenen Winter und Sommer schwärmten sie mit mobilen Messgeräten in Nebenstraßen und Hinterhöfe rund um die Lützner Straße aus. Das Ergebnis: Dort, nur weniger Meter entfernt von der vielbefahrenen Ausfallstraße, ist die Luftqualität bereits besser.

Die EU schreibe stationäre Messungen an so genannten Hotspots, also an einzelnen Stellen vor, sagt Tropos-Forscher Professor Alfred Wiedensohler. „Aber für große Teile der Bevölkerung sind die Ergebnisse gar nicht repräsentativ, weil sie dort gar nicht wohnen.“

Aber auch für die Lützner Straße besteht Hoffnung: In diesem Jahr - bis Mitte September - ist der Feinstaub-Grenzwert erst an 15 Tagen nicht eingehalten worden.

Da ist noch Luft nach oben. (mz)