mitten im elend

Von Messie-Wohnung bis Mord-Schauplatz: Unterwegs mit Tatortreiniger Lucas Schmeil

Vergilbte Fensterrahmen, Unmengen an Müll, übel riechende Fäkalien: Für den 27-Jährigen Lucas Schmeil aus Leipzig ist das kein Sonderfall - denn er ist Tatortreiniger. Nicht selten kommt es vor, dass inbesondere einsame Menschen nach ihrem Tod ein Chaos hinterlassen. Genau dann wird Tatortreiniger Lucas Schmeil gerufen.

Von Antonie Städter 09.10.2021, 11:00
Unterwegs mit Tatortreiniger Lucas Schmeil: Der 27-Jährige lässt sich von dem verstörenden Anblick mancher Wohnungen nicht aus der Ruhe bringen. Video: Andreas Stedtler

Leipzig - Als die Tür geöffnet wird, kommen gleich im Flur riesige Spinnweben zum Vorschein, in denen es sich allerlei Getier gemütlich gemacht hat. Es riecht eindrücklich nach altem Zigarettenqualm, die Zimmerwände sind beschmiert und auf dem verdreckten Boden stapeln sich Unmengen an Tüten mit Kleidung, Likörflaschen, anderen Dingen. Hier ein benutzter Teller, dort Dosen, Zigarettenstummel, Farbeimer. Und überall: Unrat, Staub und Chaos. Die verwahrloste Wohnung in einem unauffälligen Leipziger Mehrfamilienhaus wirkt auf den ersten Blick, als sei sie seit Jahren nicht betreten worden. Doch Lucas Schmeil weiß: „Der Mieter, der wegen gesundheitlicher Probleme ins Krankenhaus gekommen ist, hat noch vor ein paar Tagen hier gelebt.“


Der 27-Jährige lässt sich von dem verstörenden Anblick nicht aus der Ruhe bringen. Wohnungen wie diese hat er schon häufiger gesehen. Das bringt sein Job mit sich. Denn Lucas Schmeil arbeitet als Tatortreiniger - und packt gewissermaßen dort an, wo sich andere voller Ekel und Entsetzen abwenden. Er säubert und desinfiziert nicht nur Orte, an denen Menschen gestorben sind, sondern kümmert sich etwa auch darum, dass Wohnungen von sogenannten Messies (siehe „Zwanghaftes Horten“) wie diese von Müll, Gerüchen und Ungeziefer befreit und in einen hygienisch unbedenklichen Zustand gebracht werden. „In diesem Fall hat sich eine Angehörige gemeldet. Sie und der Betroffene waren mit der Räumung überfordert. Aber auch Hausverwaltungen oder Eigentümer beauftragen uns oft“, erzählt Schmeil, der voriges Jahr in Leipzig seine Firma CLS Clean gegründet hat.

Tatortreiniger Lucas Schmeil gründete im letzten Jahr sein Unternehmen "CLS Clean" in Leipzig.
Tatortreiniger Lucas Schmeil gründete im letzten Jahr sein Unternehmen "CLS Clean" in Leipzig.
Foto: Andreas Stedtler

Umgang mit tragischen Schicksalen


Auf die Frage, wieso er sich für diesen Schritt entschieden hat, antwortet der junge Mann wie viele Menschen, die sich selbstständig gemacht haben: „Ich hatte den Wunsch, etwas Eigenständiges zu machen.“ Mit dem Unterschied, dass es sich bei seiner Tätigkeit um alles andere als einen Allerweltsjob handelt. Doch Lucas Schmeil ist der Umgang mit tragischen Schicksalen, mit dem Tod und allem, was er mit sich bringt, nicht fremd: Im Hauptberuf ist er Brandmeister und Rettungsassistent bei der Leipziger Feuerwehr.

„Durch meine Arbeit bin ich auf das Thema Tatortreinigung gekommen, habe mich eingelesen und zu Themen wie Desinfektion und Hygiene weitergebildet“, berichtet er. Und fügt hinzu: „Feuerwehrmann und Tatortreiniger sind zwar sehr unterschiedliche Jobs, aber die grundsätzlichen Anforderungen sind ähnlich.“ In beiden muss er psychisch und emotional stabil sein. „Man sieht sehr viel Leid.“ Doch auch die körperliche Belastbarkeit sei wichtig. Er nennt ein Beispiel: „Bei hochsommerlichen Temperaturen zwei bis drei Stunden im undurchlässigen Chemikalienschutzanzug mit Spezialreinigungsmitteln zu arbeiten, verlangt einem schon einiges ab.“


Meist sind es die einsamen Tode, weswegen der gebürtige Thüringer, der seit einigen Jahren in Leipzig lebt, gerufen wird. Wenn Menschen in ihrer Wohnung verstorben sind - und das einige Zeit unentdeckt geblieben ist. „Oft sind es Leute, die kaum Kontakt zur Außenwelt hatten und am sozialen Rand gelebt haben. Teils vergehen Tage oder Wochen und manchmal sogar Monate, in denen niemand etwas von ihrem Tod bemerkt“, erzählt Lucas Schmeil. „Das ist sehr, sehr traurig und zeigt, in welcher Anonymität heute vielfach gelebt wird.“ Seine Aufgabe ist es dann, die Spuren des Todes zu beseitigen.
„Ich kann damit umgehen“, sagt der Mittzwanziger, auch mit den Gerüchen komme er klar.

Hin und wieder ist er an Schauplätzen von Morden oder Suiziden im Einsatz. „Aber solche Fälle, an die man beim Wort ,Tatortreiniger’ ja zuerst denkt, sind zum Glück eher selten.“ In so einer Situation müsse es häufig sehr schnell gehen, zum Beispiel bei Vorkommnissen in der Öffentlichkeit: „Dann beginnen wir gleich nach dem Bestattungsdienst und der Spurensicherung mit unserer Arbeit.“ Das, was er dort sieht und erlebt, nehme er nicht mit nach Hause, sagt der junge Mann. Das sei ihm wichtig. „Mir hilft es, wenn ich mit Fachkollegen darüber spreche. Auch bei einer Runde Laufen oder Radfahren bekomme ich den Kopf frei.“

Lucas Schmeil und Mitarbeiter Denny Herzig müssen die Messi-Wohnung von Müll und Unrat befreien.
Lucas Schmeil und Mitarbeiter Denny Herzig müssen die Messi-Wohnung von Müll und Unrat befreien.
Foto: Andreas Stedtler

Nicht jeder Auftrag geht spurlos an ihm vorbei


Einmal jedoch hat ihn ein Schicksal besonders tief bewegt, wie er erzählt. „Am herausforderndsten sind für mich persönlich immer die Fälle, bei denen man viel von den Menschen und ihren oft tragischen Geschichten mitbekommt“, sagt er. An jenem Tag hatte der Tatortreiniger den Auftrag, eine Wohnung zu beräumen, in der ein Suizid begangen worden war. „Derjenige, der sich umgebracht hat, war genauso alt wie ich“, erinnert er sich, „und ich war nun unter anderem damit beschäftigt, die Fotorahmen mit seinen persönlichen Familienbildern von der Wand zu nehmen. Das war nicht einfach.“

Viele seiner Freunde und Bekannten finden seinen außergewöhnlichen Job sehr interessant, erzählt Lucas Schmeil. „Gerade, wenn jemand zum ersten Mal hört, was ich mache, kommen viele Nachfragen.“ Doch: „Tauschen wollen würde niemand von ihnen.“

Erst der Unrat, dann die Reinigung


Die Leipziger Messie-Wohnung betritt er an diesem Tag mit seinem Mitarbeiter Denny Herzig. Die beiden kennen sich von der Feuerwehr, „wir sind ein eingespieltes Team“. Noch bevor sie die Tür öffnen, ziehen sie im Hausflur weiße Schutzanzüge, dicke Gummihandschuhe und Schuhüberzieher an, sie holen ihre FFP3-Masken aus dem Utensilienkoffer, in dem sie etwa auch Desinfektionsmittel und viele extragroße Müllbeutel mitgebracht haben. „Mit unserer Ausrüstung sorgen wir dafür, dass wir nicht direkt mit schädlichen Stoffen, Staub oder Krankheitserregern in Berührung kommen“, sagt der Tatortreiniger. Selbst einen großen Schneeschieber haben sie aus diesem Grund dabei: Mit ihm lässt sich der Unrat unkompliziert und ohne viel Kontakt beseitigen.
Wasserstoffperoxid gegen Keime


Die Arbeit in solch einer Wohnung folgt einem genauen Ablaufplan. „Zunächst wird der Müll in Säcken eingesammelt, dann werden die Möbel abgebaut. Wenn alles im Container verstaut ist, beginnen wir mit der Grundreinigung und Desinfektion“, sagt der Firmeninhaber. Und Denny Herzig ergänzt: „Solche Messie-Wohnungen müssen danach dennoch meist saniert werden.“ Bevor sie erstmals einen Einsatzort betreten, vernebeln sie die Räume in der Regel mit Wasserstoffperoxid, um ihr eigenes Infektionsrisiko zu senken. Mitunter ist die Desinfektion aber auch der Hauptauftrag: „Wir haben einmal nach einem Covid-19-Ausbruch die ganze Pflegestation eines betreuten Wohnens desinfiziert“, so Lucas Schmeil.

Die Arbeit in solch einer Wohnung folgt einem genauen Ablaufplan.
Die Arbeit in solch einer Wohnung folgt einem genauen Ablaufplan.
Foto: Andreas Stedtler


Egal, um welche Art von Einsatz es sich handelt: Ganz wichtig ist ihm die Diskretion. „Wenn uns zum Beispiel ein anderer Bewohner anspricht, werden wir keine Informationen weitergeben. Ich finde, das gehört sich einfach so“, sagt der Tatortreiniger. Ihm gehe es bei seiner Arbeit auch darum, etwas Sinnvolles für die Gesellschaft zu tun. Und diese Erkenntnis hat er dadurch längst gewonnen: „Statt in Anonymität nebeneinander zu leben, sollten wir mehr aufeinander aufpassen.“