Nach den Krawallen in Leipzig

Nach den Krawallen in Leipzig: Was ist los in Connewitz?

Leipzig - Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Streetballplatz. Er ist nicht gleich auszumachen hinter der Kreuzung. Eine kleine Anlage auf einer Grünfläche, umgrenzt von hohen Zäunen, von den nächsten Wohnhäusern abgeschirmt durch eine Lärmschutzwand. Dennoch gab es jahrelang Streit um den Platz in Connewitz im Süden von Leipzig. Anwohner fürchteten Krach. Die Stadt baute schließlich eine Tür ein, ein Wachdienst sollten den Platz abends sperren. Die Tür wurde einmal geklaut, ein zweites Mal, ein drittes Mal. Dann gab die Stadt auf. Jetzt ist dort keine Tür ...

Von Alexander Schierholz 31.01.2016, 16:45

Da ist zum Beispiel die Sache mit dem Streetballplatz. Er ist nicht gleich auszumachen hinter der Kreuzung. Eine kleine Anlage auf einer Grünfläche, umgrenzt von hohen Zäunen, von den nächsten Wohnhäusern abgeschirmt durch eine Lärmschutzwand. Dennoch gab es jahrelang Streit um den Platz in Connewitz im Süden von Leipzig. Anwohner fürchteten Krach. Die Stadt baute schließlich eine Tür ein, ein Wachdienst sollten den Platz abends sperren. Die Tür wurde einmal geklaut, ein zweites Mal, ein drittes Mal. Dann gab die Stadt auf. Jetzt ist dort keine Tür mehr.

Nach den gewalttätigen Ausschreitungen am 11. Januar in Leipzig-Connewitz hat die Staatsanwaltschaft Leipzig über 200 Ermittlungsverfahren eingeleitet. Betroffen davon sind nach Behördenangaben zum einen die rund 220 von der Polizei in Gewahrsam genommenen Angreifer aus der Neonazi- und Hooligan-Szene, die Geschäfte und Autos zerstört hatten.

Darunter befinden sich nach MZ-Informationen auch mehr als 30 Hooligans aus dem HFC-Umfeld. Dazu kommt laut Justiz „eine Vielzahl“ von Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruchs, Sachbeschädigung oder Körperverletzung gegen Täter aus dem linken Spektrum. Sie sollen während des Polizeieinsatzes Beamte angegriffen und Einsatzfahrzeuge beschädigt haben.

Unterdessen haben Leipziger Antifa-Gruppen Zeugen dazu aufgerufen, nicht mit der Polizei zu sprechen. Hintergrund ist die Angst vor einem „Maulwurf“ in Reihen der Polizei, der angeblich Informationen an die Neonazi-Szene weitergibt. So könne die Identität von Zeugen aufgedeckt werden, so die Befürchtung. Nach einer Polizeikontrolle von mutmaßlich Linken waren vor kurzem Polizei-Interna an die rechte Szene gelangt. Zeugen sollten besser „antifaschistische Strukturen“ oder Anwälte informieren, heißt es in dem Antifa-Aufruf: „Wir müssen uns selber helfen.“ Die Staatsanwaltschaft warnt davor: „Wir sind auf Zeugen angewiesen, um aufklären zu können.“

So machen sie das manchmal in Connewitz, in diesem linken Biotop. Sie eignen sich einfach das an, von dem sie glauben, dass es ihnen zusteht. Und sei es ein Streetballplatz.

Neulich war Connewitz mal wieder in den Schlagzeilen. Montag, 11. Januar, abends: Während in der Innenstadt das fremdenfeindliche Legida-Bündnis, begleitet von Gegendemonstrationen, sein Einjähriges feiert, verwüsten in Connewitz mehr als 200 Neonazis und Fußball-Hooligans die Wolfgang-Heinze-Straße, eine der Hauptschlagadern des Viertels. Sie zertrümmern die Schaufenster etlicher Läden, werfen Steine und Bölller, zünden Autos an.

Der 11. Januar ist eine Zäsur. Ein Neonazi-Angriff in der linksalternativen Hochburg, das hat es seit 20 Jahren nicht mehr gegeben. Seit diesem Tag gibt es ein Davor und ein Danach in Connewitz.

Wer Jürgen Ackermann besuchen will, muss einen alten Fabrikhof durchqueren, vorbei an einer Töpferei und einer Kneipe, eine eiserne Treppe hinauf, einen schmalen Flur entlang. Seit mehr als 20 Jahren ist das „Werk 2“ mitten in Connewitz ein Kulturzentrum; Ackermann, 54, ist Vorsitzender des Betreibervereins. Er sitzt an einem großen Tisch in einem Besprechungsraum. An den Wänden hängen alte Konzertplakate. Auf dem Tisch stehen die Reste des Weihnachtsgebäcks.

„Vor dem Montag“, sagt Jürgen Ackermann, „hätte ich gesagt, man kann hier auch nachts um zwei sicher allein nach Hause gehen.“ Jetzt aber ist nach dem Montag, und „die Selbstgewissheit, hier sicher zu sein, die hat ein Stück gelitten“. Manche, wie Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD), warnen schon vor einem „Aufschaukeln“ der Gewalt: Linke gegen Rechte gegen Linke und so weiter. Ackermann ist da vorsichtig: „Ich möchte kein Öl ins Feuer gießen“, sagt er, „aber man muss in den nächsten Wochen schon genau hinschauen.“

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Ist man nicht mehr sicher in Connewitz? Die Antwort hängt wohl auch von einem selbst ab. Ilona Fleischmann jedenfalls will weitermachen, jetzt erst recht, nachdem sie ihr an jenem Montagabend das Schaufenster eingeworfen haben. Sie sitzt in ihrer sympathisch vollgestopften Buchhandlung zwischen Katzenbüchern und Krimis auf einem Korbsessel und deutet auf den braunen Teppichboden zu ihren Füßen. „Sehen Sie den Brandfleck da?“ Was auch immer durch ihre Scheibe flog, ein Brandsatz, ein Böller, es verglühte genau dort ohne größeren Schaden anzurichten.

Ilona Fleischmann ist eine patente kleine Frau von 65 Jahren, die von sich sagt: „Ich bin ein grundoptimistischer Mensch.“ Ihren Humor hat sie längst wiedergefunden: „Zum Glück passiert so etwas ja nicht jedes Wochenende“, meint sie trocken. Um genau zu sein, ist ihr das noch nie passiert, dass ihr jemand das Fenster einwirft, in 36 Jahren als Buchhändlerin nicht.

Angst? Ach was, sagt sie, „ich bin gerne hier, ich gehe hier nicht weg!“ Ihre Kunden, Stammkunden die meisten, haben sie darin bestärkt, erzählt sie. Die Jungs vom Kino nebenan haben die zerstörte Scheibe durch Bretter ersetzt, mittlerweile ist eine neue drin. Die Kosten werden wohl durch Spenden beglichen werden können.

Connewitz ist mehr als ein Stadtviertel. Connewitz ist ein Mythos. Er speist sich aus den wilden Wendetagen vor mehr als einem Vierteljahrhundert. „Connewitz war schon immer alternativer als andere Viertel“, sagt Jürgen Ackermann. In den 1980er Jahren liegen Pläne für einen großflächigen Abriss in der Schublade. Schon damals werden leergezogene Wohnungen besetzt, nach der Wende ganze Häuser. Auf den Montagsdemos schlägt Anfang 1990 das Pendel immer mehr in Richtung Wiedervereinigung aus, werden zunehmend auch nationalistische Töne angeschlagen. „Viele, denen das nicht gefallen hat, haben sich damals in Connewitz gesammelt“, erinnert sich Ackermann.

Dort wächst ein Biotop der Alternativen, der Unangepassten, der Künstler. Kulturprojekte blühen aus Ruinen, viele gibt es heute noch, das „Werk 2“ etwa oder den Club „Conne Island“. Die letzten besetzten Häuser werden Mitte der 1990er Jahre legalisiert. Doch der Ruf bleibt: Wer irgendwie links oder alternativ ist oder sich dafür hält, den zieht es nach Connewitz.

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Das wiederum ruft Neonazis auf den Plan, auf der Suche nach Krawall und der Vorherrschaft im Viertel. Die frühen 1990er Jahre sind auch die Zeit der Überfälle, der Straßenschlachten - und einer machtlosen Staatsmacht. „Die Polizei war überfordert“, erinnert sich Ackermann. Am Ende hätten die Linken ihren Kiez selbst gegen Rechtsextremisten verteidigt, mit Erfolg. „So etwas schweißt zusammen. So entsteht ein Mythos.“

Auch heute meinen manche noch, Connewitz verteidigen zu müssen. Gegen Rechtsextremisten. Gegen den Staat. Gegen das Establishment. Gegen was auch immer. Vergangenes Jahr, zwei Wochen vor Weihnachten: Neonazis kündigen einen Aufmarsch durch Connewitz an, das sie „in Schutt und Asche legen“ wollen. Die linksautonome Szene antwortet mit dem Aufruf, „Nazis durch die Straßen (zu) jagen“. Eine Rechten-Demo in ihrem linken Viertel begreifen sie als gezielte Provokation. Am Ende lassen die Behörden die Neonazis durch die benachbarte Südvorstadt marschieren - und gewaltbereite Linksextremisten liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Die Bilanz: 69 verletzte Beamte, 50 beschädigte Einsatzfahrzeuge.

Es ist nicht neu, dass der Staat und seine Repräsentanten zu den Lieblingsfeindbildern gewaltbereiter Linker zählen. Ein Jahr ist es her, da fliegen Steine auf den Connewitzer Polizeiposten. Auch zum Jahreswechsel haben sich Krawallmacher im Kiez immer mal wieder Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht geliefert.

Und jetzt: zwei Mal Gewalt binnen vier Wochen. Was in der Öffentlichkeit hängenbleibt, ist das Bild von einem Viertel, in dem sich rechte und linke Chaoten regelmäßig untereinander und mit der Polizei prügeln.Wenn man dieses Bild zurecht rücken will, empfiehlt sich ein Besuch bei Juliane Nagel.

Das Wahlkreisbüro der Linken-Landtagsabgeordneten heißt „linXXnet“. Es liegt zwischen dem Sonderpostenmarkt „Haus der 1 000 Dinge“ und der Buchhandlung „el libro“. Die Schaufenster sind mit Plakaten vollgepflastert, auf einem steht „Leipzig bleibt rot“. Man muss das als Wunsch verstehen, denn Leipzig ist in Wirklichkeit ja schwarz, wie ganz Sachsen. Im ganzen schwarzen Freistaat-Meer existiert nur eine einzige rote Insel - das ist Connewitz. Als einzige Linken-Politikerin hat Nagel ihren Wahlkreis bei der Landtagswahl 2014 direkt geholt. Sonst siegte überall die CDU.

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Für Nagel, 37, ist das keine einfache Rolle. Sie ist einerseits der lebendige Beweis dafür, dass Connewitz anders tickt als der Rest von Leipzig. Und andererseits diejenige, die von manchen gerne verantwortlich gemacht wird, wenn es in Connewitz irgendwo mal wieder kracht. Nagel gilt nicht wenigen in Leipzig als Lieblingsfeindin, im rechten Spektrum sowieso, aber auch in Teilen der CDU. Sie kann damit leben, mit Anfeindungen, auch, wie jüngst wieder, mit Morddrohungen. Was sie ärgert: „Dass jetzt in Connewitz wieder alle in einen Topf geworfen werden“: Connewitz gleich links gleich Randale. Sie distanziert sich von Gewalt, die nur von einer kleinen Gruppe ausgeübt werde. „Die machen damit den breiten Protest gegen rechts kaputt.“ Gewaltbereite Autonome, sagt auch Jürgen Ackermann, hätten mit dem Alltag hier überhaupt nichts zu tun. „Das ist abwegig zu glauben, dass die hier offen auftreten und vielleicht auch noch eine Anlaufstelle haben.“ Sachsens Verfassungsschutz spricht von rund 180 gewaltbereiten Linksautonomen, allerdings in ganz Leipzig.

Wer sich ein paar Stunden in Connewitz aufhält, erlebt ein Viertel, das nicht anders wirkt als viele andere auch. In der Bornaischen Straße, in der auch Nagels Büro liegt, stößt man auf die übliche Mischung: Apotheken, Döner- und Asia-Läden, Kneipen, kleine Einzelhändler, Mode, Hörgeräte, Bücher. Am „Kreuz“, dem heimlichen Zentrum von Connewitz, einer Straßenkreuzung mit Haltestellen und einem Supermarkt, sitzen ein paar Punks mit ihren Hunden auf dem Gehweg. Ein Mann verkauft eine Straßenzeitung.

Um die Ecke vergammelt hinter einer Mauer eine alte Fabrik. Ein paar Jahre ist es her, da sollte dort ein Einkaufszentrum gebaut werden, von der Stadtverwaltung angepriesen als „Stadtteilzentrum“. In Connewitz wollten sie das nicht, sie fürchteten um den Bestand kleiner Läden. Es gab Proteste, eine Unterschriftenaktion, am Ende blies der Stadtrat das Projekt ab. Connewitz sei wie ein Dorf, sagt Ackermann. Man kennt sich, man trifft sich abends, zum Bier, bei Konzerten in Kneipen und Clubs, die es hier an allen Ecken gibt. „Die Kulturdichte ist größer als in anderen Vierteln“, schwärmt er. Auch das mache Connewitz aus.

Ein Dorf kann sich aber auch abschotten, gegen Fremde von außen. Auerbachstraße, gleich hinterm „Kreuz“: Ein paar Stadthäuser reihen sich in der schmalen Straße aneinander, weiße Klötze hinter kleinen Vorgärten, eingezäunt. Es ist der Versuch, Vorstadtglück und Szene-Kiez zu vereinen. Nicht jedem gefällt das. Auf den Fassaden künden Spuren von Farbbeuteln und Teerbomben von Protesten gegen die Zugezogenen. Was die Angreifer nicht wussten: Hier leben auch Menschen, die früher in Connewitz Häuser besetzt haben. (mz)