Mitflugzentrale Flyt.club

Mitflugzentrale Flyt.club: Trampen am Flughafen

Leipzig - Mitfahren ist für viele junge Menschen bereits Routine. Internetseiten wie Mitfahrzentrale oder Bla-Bla-Car bieten ein breites Angebot. Auch eine fremde Wohnung auf Reisen nutzen, wird durch Internet-Portale wie Airbnb leicht gemacht. Drei junge Gründer aus Leipzig wollen den Trend nun auch auf die Fliegerei ausweiten. Peter Nürnberger (27), Kim Becker (27) und Marcus Loffhagen (28) haben die Mitflugzentrale Flyt.club ...

Von Steffen Höhne

Mitfahren ist für viele junge Menschen bereits Routine. Internetseiten wie Mitfahrzentrale oder Bla-Bla-Car bieten ein breites Angebot. Auch eine fremde Wohnung auf Reisen nutzen, wird durch Internet-Portale wie Airbnb leicht gemacht. Drei junge Gründer aus Leipzig wollen den Trend nun auch auf die Fliegerei ausweiten. Peter Nürnberger (27), Kim Becker (27) und Marcus Loffhagen (28) haben die Mitflugzentrale Flyt.club gegründet.

„Unsere Plattform bringt Privatpiloten und Fußgänger zusammen“, umreißt Becker in einem Satz das Geschäftskonzept. Das klingt zunächst simpel und eingängig. Doch setzen sich fremde Menschen zusammen in den Flieger und verreisen? Die Leipziger Startup-Unternehmer und auch andere junge Konkurrenz-Firmen sind davon überzeugt.

Die Idee für Flyt.club stammt von den beiden Webentwicklern Becker und Nürnberger. Diese lernten sich beim Studium in Trier kennen und machten die Mitfliegerei zum Thema ihrer Bachelor-Arbeit. „Wir haben gesehen, dass viele Privatpiloten auf verschiedenen Plattformen Mitflieger suchen, um Kosten zu teilen“, erklärt Nürnberger. Fliegen sei ein recht teures Hobby. Daraus reifte das Geschäftskonzept eines Marktplatzes.

Bereits 1.500 Inserate

Um das Unternehmen zu starten, suchten sie eine passende Stadt und wählten am Ende Leipzig. Warum? „Weil wir das Gefühl hatten, dass sich Leipzig schnell entwickelt und die Mietpreise vergleichsweise moderat sind“, sagt Becker. In der Messestadt stieß noch Marcus Loffhagen dazu, der Betriebswirtschaft studiert hat. Programmiert, gemanagt und gelebt wird seither in der Wohngemeinschaft im Leipziger Stadtteil Plagwitz. Im Juli 2015 wurde die Seite testweise gestartet, Ende 2015 hob das Trio dann ab. Seither haben sich rund 600 Piloten mit verschiedenen Daten zu Flugstunden, Lizenzen und Fluggerät beim Portal angemeldet und mehr als 1.500 Inserate abgegeben.

Pilot René bietet beispielsweise für 132 Euro einen Rundflug vom Flugplatz Merseburg zum Brocken an. Capt. Roy hat für 125 Euro am einen Trip von Berlin-Schönhagen nach Bonn und zurück inseriert und Markus einen Wochenendtrip von Augsburg nach Wien. Gerade viele Privatpiloten nutzen Rundflüge, um ihre vorgeschriebenen Flugstunden zu erfüllen.

Reisen mit Kleinflugzeugen

In der Regel wird mit Kleinflugzeugen wie Cessna oder Piper geflogen. Gründer Loffhagen weist darauf hin, dass die Privatpiloten keine kommerziellen Flüge anbieten. Der Pilot dürfe nur die Selbstkosten etwa für Kraftstoff oder Landegebühren mit den Fluggästen teilen. Flyt.club sei der Vermittler der Flüge und kassiere dafür eine Gebühr von zehn Prozent von den Mitreisenden. Die Rechnung wickelt das Unternehmen ab. „Wir verstehen uns als Vermarkter von Erlebnisreisen“, sagt Loffhagen.

Das Angebot richte sich nicht an Geschäftsreisende, die Termine wahrnehmen müssen. Da die Kleinflugzeuge sehr von den Witterungsbedingungen abhängig seien, gebe es allerdings keine Garantie für die Flüge.

In Europa umstritten

Neben Flyt.club offerieren in Deutschland die Plattformen Wingly und die Mitflugzentrale ähnliche Angebote an. In der EU wurden Mitflüge für Privatpersonen zum Selbstkostenpreis 2014 rechtlich geregelt. In Frankreich gingen Behörden laut eines Berichts des „Handelsblatts“ aber gegen Angebote von Wingly vor. Sie prüfen, ob die Firma einen Luftverkehrsbetreiberschein benötigt.

Warum es auch kritische Stimmen gibt

In den USA, wo es sehr viele kleine Airports und Flugzeuge gibt, hat die Luftfahrtbehörde FAA 2004 das Modell der Mitflugzentrale untersagt. Der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit, Markus Wahl, sieht die neuen Angebote mit gemischten Gefühlen. Eine Konkurrenz zu den etablierten Airlines kann er nicht erkennen. „Es ist eher eine Ergänzung“, sagt er.

Problematischer sieht Wahl Sicherheitsaspekte: „Mehrere Arbeitsgruppen bei uns diskutieren dies gerade.“ Es gebe noch keine abschließende Beurteilung. Nach Angaben von Wahl hätten die Reisenden kaum die Möglichkeit, die Qualität der Piloten und der Flugzeuge einzuschätzen. „Der Pilot ist kein Berufspilot, der beispielsweise auf Gefahrensituationen extra geschult ist“, so Wahl. Zwar müssten auch Freizeitpiloten regelmäßig ihre Tauglichkeit nachweisen. „Die Prüfungen sind allerdings längst nicht so streng wie bei Berufspiloten.“ Der Sprecher der Pilotenvereinigung Cockpit weist noch auf einen offensichtlichen Unterschied zum Auto hin. „Während des Flugs kann niemand aussteigen, wenn das Vertrauen verloren geht.“

Vorab-Chat mit dem Piloten

Mit solchen Argumenten haben sich auch die drei Leipziger auseinandergesetzt und versucht, Lösungen zu finden. Über die Internetseite ist es beispielsweise möglich, direkt mit den Piloten zu chatten. „Vorab kann auch mit ihnen telefoniert werden“, sagt Nürnberger. Zudem werden Erfahrungsberichte von Mitreisenden veröffentlicht. So sollen die neuen Reisenden Vertrauen zu den Piloten aufbauen können.

Statistiken zur Sicherheit helfen nur bedingt weiter. Laut Statistischem Bundesamt kommen jährlich bei Abstürzen von Kleinflugzeugen 30 bis 40 Personen in Deutschland um. Auf deutschen Straßen sterben dagegen im Schnitt jährlich mehr als 3 300 Menschen. Auch wenn man die Statistik auf Tote pro Personenkilometer hochrechnet, ist das Kleinflugzeug deutlich sicherer als das Auto. Aber nicht sicherer als der Zug - zumindest statistisch gesehen.

17 Buchungen pro Tag notwendig

Die Leipziger Flyt.club-Macher sind sich sicher, dass sie künftig immer mehr attraktive Angebote präsentieren können. Allein in Deutschland gibt es 40 000 Privatpiloten, die regelmäßig abheben, in Europa sind es rund 300 000. Die Ausweitung des Geschäfts auf andere Staaten ist bei Flyt.club auch anvisiert. Derzeit finanzieren sich die Unternehmer noch über ein Technologie-Gründerstipendium der Sächsischen Aufbaubank. Die Suche nach Investoren ist angelaufen. „Im Schnitt verzeichnen wir derzeit eine Buchung pro Tag“, sagt Becker. „Um Gewinne zu schreiben, benötigen wir 17.“ Das hört sich noch nicht nach Reichtum an - aber machbar. (mz)