Schloss Wörlitz wiedereröffnet

Schloss Wörlitz wiedereröffnet: So schön wie noch nie

Wörlitz - Die Kulturstiftung lüftet das Geheimnis um die oberen Etagen des Schlosses. Der Ministerpräsident und andere Gäste des Festempfangs sind begeistert.

Von Ilka Hillger 31.03.2017, 10:52

Das Klappbett hat es dem Ministerpräsidenten angetan. Da muss Reiner Haseloff gleich noch mal am Mechanismus in der Wandverkleidung ziehen, und dann darf er staunen, wie praktisch und funktional doch alles im Schloss Wörlitz ist. Da habe selbst der Bauhausdirektor Walter Gropius noch etwas lernen können, als er Wörlitz besuchte.

Das ist fast 100 Jahre her und noch weiter geht es zurück, wenn man jene in den Blick nimmt, die auf dem Bette nächtigten. „Da könnte es noch DNA-Material geben“, mutmaßt der Landeschef, ganz der Wissenschaftler, und studiert das Gurtgeflecht der Liege. Aber um solch mikroskopische Spuren ging es nicht, als Haseloff gestern durch das Schloss-Obergeschoss lief.

Mit einem Festakt wurde zur Mittagstunde ein weiteres Etappenziel bei der Restaurierung des Wörlitzer Schlosses gefeiert. Für den jetzigen Landesherrn blieb auf der Liege in der Suite des Prinzen Albert deshalb auch keine Zeit für ein Probeschläfchen. Das wäre nicht gern gesehen, denn alles, was sich in den erstmals präsentierten sechs Appartements über der Bel-etage befindet, ist original.

Zu sehen bekamen diese Einrichtung aus der Entstehungszeit des Schlosses bisher nicht allzu viele Menschen. Die Herrschaften und Bediensteten des Hauses Anhalt natürlich, solange sie das Landhaus nutzten, in den letzten Jahrzehnten aber nur die Mitarbeiter im Haus und der Kulturstiftung.

„Erstmals seit seiner Erbauung ist das Schloss in dieser Form für die Öffentlichkeit zugänglich“, sagt Haseloff und macht es an der Seite von Stiftungsdirektorin Brigitte Mang mit einem Schnitt durchs rote Schleifenband offiziell.

Das Schloss Wörlitz wurde von 1769 bis 1773 unter Fürst Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau errichtet. Baumeister Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff schuf damit den Gründungsbau des deutschen Klassizismus. Am Anfang der umfassenden Sanierung der letzten Jahre stand von 2000 bis 2002 die Deckensanierung mit dem Austausch aller Balkenköpfe, die vom Hausschwamm befallen waren. In den Jahren darauf wurden das Dach neu gedeckt, das Dachgeschoss saniert und die Decke über dem Mezzanin erneuert. Es folgten Sanierungen an den Fußböden im Palmensaal und an der Dachterrasse. Die Außenwände des Schlosses wurden von 2008 bis 2010 komplett trocken gelegt und Vertikalsperren eingebaut. Nach der baulichen Instandsetzung folgten die Innenarbeiten im Belvedere und Mezzanin. Der nun abgeschlossene Bauabschnitt macht die Räume des Obergeschosses, die Chinesischen Zimmer, den Festsaal und den unterirdischen Gang zum Küchengebäude wieder zugänglich. Bis 2021 sollen dann noch die restlichen Räume des Hauptgeschosses restauriert werden.

„Das schönste Schlafzimmer Mitteleuropas“ hat er hier in der Suite des Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorf entdeckt. Spätestens dort könne man zum Liebhaber des Gartenreiches werden, wenn „mit der Natur das Auf und Ab der Vegetation“ zu erleben ist. Immer, wenn Reiner Haseloff in Wörlitz ist, fühlt er sich auch an seine Kindheit erinnert.

„Es war ein großes Rätsel für jeden, der in der Region groß wurde, was wohl in den oberen Etagen des Schlosses ist“, sagt er. Nun also ist das Geheimnis gelüftet und die Hussen, die das Mobiliar in den vergangenen Monaten schützten, sind zusammengelegt. Mit dem letzten Märztag kann besichtigt werden und das die ganze Saison hindurch. Verglichen mit dem, was im Schloss in den vergangenen 20 Jahren geschah, ist das noch Ausstehende schließlich fast ein Klacks.

Ab 2018 sollen alle Räume in der Beletage saniert werden.

Aber man hat in der zwei Jahrzehnte andauernden Sanierungsgeschichte des Landsitzes natürlich auch dort schon begonnen. Im vergangenen Jahr wurden die beiden Chinesischen Zimmer fertiggestellt, und bei der Festmatinee am Donnerstag versammelt sich die illustre Gesellschaft im großen Saal.

Dort bietet sich zwischen Musik und Reden so manche Minute, um den Blick schweifen zu lassen. Hinauf zur Decke etwa zum großen Gemälde, das erst im Winter nach seiner Restaurierung in einer kniffligen Prozedur wieder angebracht wurde. All die Stuckornamente treten prächtig hervor, der gemalte Fries wirkt nahezu plastisch.

56 Messingleuchter sind frisch poliert und die elektrischen Birnen glimmen, auch wenn es die an diesem Frühlingstag nicht braucht. „Hier gibt es eine Schlichtheit, die unheimliche Pracht ausstrahlt“, sagt Stiftungsdirektorin Brigitte Mang. Reiner Haseloff folgt ihren Worten mit der Erkenntnis: „Schloss Wörlitz ist wahrscheinlich heute so schön wie noch nie“.

Wann und wie dies geschah berichtet Annette Scholtka der Festgesellschaft. Die Baudenkmalpflegerin der Stiftung kann das nur in Schlaglichtern, denn viel zu viel ist seit den ersten Bauuntersuchungen 1997 passiert, denen die einzelnen Sanierungsschritte ab 2000 folgten. Insgesamt etwa elf Millionen Euro seien bislang in die Schlosssanierung geflossen. Die Gelder kamen von der EU, vom Bund und vom Land Sachsen-Anhalt.

Ganz tief in die Schlossgeschichte lässt sich mit der pünktlich zur Eröffnung erschienen Publikation „Schloss Wörlitz“ eintauchen. Die Neuerscheinung aus dem Mitteldeutschen Verlag versammelt Aufsätze von Mitarbeitern der Kulturstiftung und berichtet über Architektur, Interieur, Sammlungen und Bewohner auf gut 260 Seiten, Fotografien von Heinz Fräßdorf illustrieren das Buch.

„Es ist alles nach den neusten Erkenntnissen ausgedeutet“, verspricht Wolfgang Savelsberg, der das Buchprojekt leitete. Von Brigitte Mang bekommt auch der Ministerpräsident sein Exemplar. Er verspricht, es zu lesen. Dann sollte auch das letzte Geheimnis um Schloss Wörlitz gelüftet sein. Am Eröffnungswochenende liegt der Schwerpunkt der Besichtigungen auf dem ersten Obergeschoss.

Man kann es vom 31. März bis zum 2. April ohne Führungen bei einem Eintritt von fünf Euro besichtigen. Am Sonnabend und Sonntag gibt es zudem die regulären Führungen in der Beletage und hinauf zum Belvedere.

Danach ist das Schloss außer montags von 10 bis 17 Uhr, ab Mai bis 18 Uhr geöffnet. (mz)