Verbrechen in Bad Schmiedeberg

Drama um 13-jährigen Fabian aus Bad Schmiedeberg - Tödliche Gewalt unter Kindern

Bad Schmiedeberg - Mitschüler gesteht Schläge gegen 13-jährigen Fabian. Weil er nicht strafmündig ist, wird es keine Anklage geben. Kriminologe sieht extremen Einzelfall.

Von Ralf Böhme und Marcel Duclaud 09.03.2016, 19:00

Der am Montag bei Bad Schmiedeberg (Landkreis Wittenberg) tot aufgefundene 13-jährige Fabian ist vermutlich von einem Schulkameraden umgebracht worden. Der ebenfalls erst 13-jährige Tatverdächtige hat gestern bei seiner Vernehmung gestanden, Fabian geschlagen zu haben. Er habe mindestens einen Schlag mit einem Gegenstand zugegeben, sagte ein Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft zunächst. Später war dann auch von mehreren schweren Schlägen die Rede. Auf alle Fälle soll es sich laut Obduktionsergebnis um „eine massive Gewalteinwirkung gegen den Kopf“ gehandelt haben.

Noch kein Geständnis

Damit wird es immer wahrscheinlicher, dass der 13-Jährige für den Tod Fabians verantwortlich ist. Es gibt aber kein entsprechendes Geständnis, bestätigte die Ermittlungsbehörde auf Nachfrage. Der Tatverdächtige räumte lediglich Schläge ein. Zu seiner eigenen Sicherheit wurde er in einer psychiatrischen Einrichtung untergebracht.

Für den Sprecher der Staatsanwaltschaft Dessau-Roßlau, Olaf Braun, ist der Fall einzigartig: Es gibt einen Toten und einen Tatverdächtigen, zur Anklage oder zu einem Gerichtsverfahren wird es aber nicht kommen. „Wir werden ermitteln, was passiert ist und dann den Fall einstellen“, so Braun. Der Strafjustiz seien in diesem Fall die Hände gebunden, weil der Tatverdächtige unter 14 Jahre alt, damit schuldunfähig und nicht strafmündig sei.

Täter unter 14 Jahren gelten in Deutschland seit 1923 als nicht strafmündig, kommen also auch nicht in Untersuchungshaft. „Diese Altersgrenze bedeutet aber nicht, dass sie kein Schuldbewusstsein hätten oder nicht wüssten, was sie tun“, sagte der Wiesbadener Kriminologe Rudolf Egg. Der Gesetzgeber habe mit der Altersgrenze nur festgelegt, dass für diese Kinder nicht die Strafjustiz zuständig ist, sondern Eltern, Erziehungsberechtigte und Jugendämter.

Gab es vor der Tat einen Streit?

Weitere Umstände und den Ablauf des Verbrechens in Bad Schmiedeberg wurden bislang offiziell nicht mitgeteilt. Möglicherweise gab es jedoch vor der Tat einen Streit, sickerte aus Ermittlerkreisen durch. Auch Mobbing könnte eine Rolle gespielt haben. Das werde nun eingehend geprüft, auch in den sozialen Netzwerken. Weitere Personen sind an dem Geschehen nicht beteiligt gewesen.

„Das ist ein ganz extremer Einzelfall“, sagte Axel Dessecker von der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden der MZ. Im bundesweiten Überblick, den die Einrichtung seit 1986 erforscht, sei eine solche Tat „selten und ungewöhnlich“. Eine Ferndiagnose verbiete sich, so Dessecker. Der Gedanke an einen Mobbing-Konflikt liege zwar nahe. Aber erst eine umfassende Untersuchung durch die Mordkommission könne gesicherte Erkenntnisse erbringen. Auch, ob es vielleicht Frühwarnsignale für eine drohende Gewalttat gab.

Experten gehen davon aus, dass gut 90 Prozent der Gewalttaten in dieser Altersgruppe von Jungen begangen werden. Hinsichtlich der Tötungsdelikte gibt es jedoch kaum belastbare Befunde, konstatiert das Kriminologische Institut in Hannover. Aufschluss soll ein Projekt bringen, dass die Forscher mit der Fritz-Thyssen-Stiftung umsetzen. Dafür sollen bis Ende des Jahres bundesweit sämtliche Fälle, bei denen Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren gewaltsam zu Tode kamen, ausgewertet werden: Zwischen 1997 und 2012 starben so insgesamt 518 Kinder. (mz)