Adventskalender Himmels-Blicke

Adventskalender Himmels-Blicke: Türchen 2: Den Wolken ein Stück näher

Bad Schmiedeberg - Der Turm der Bad Schmiedeberger Kirche hat viel erlebt: kleine Geschwister, Feuer, verkaufte Stufen.

Von Marcel Duclaud 01.12.2017, 17:12

An Türmen hatte die Kirche von Bad Schmiedeberg einst keinen Mangel: Neben dem großen, dominierenden, der jetzt noch bestiegen werden kann, existierten mal drei kleinere. Das beweist ein alter Kupferstich, entstanden vermutlich vor dem 30-jährigen Krieg. Er zeigt die verschieden hohen über das Dach des Gotteshauses verstreuten Türmchen, auch Dachreiter genannt.

Und vermutlich sollte es sogar mal einen Doppelturm geben: „Deswegen die Asymmetrie“, erklärt Pfarrer Christoph Krause, weist auf das Bauwerk und fügt hinzu: „Fertiggestellt wurde aber nur der eine Turm.“ Die Dachreiter sind vermutlich den Wirren des 30-jährigen Krieges zum Opfer gefallen. Bekannt ist, dass damals der Dachstuhl zerstört wurde und auf das Gewölbe stürzte.

Übrig geblieben ist also ein stattlicher Turm - dass der, wie andere auch, errichtet wurde wegen einer größeren Nähe zu Gott, glaubt der Theologe freilich nicht. Er argumentiert mit der biblischen Geschichte des Turmbaus zu Babel und der Warnung: Erhöht euch nicht selbst. Gott habe die Sprache verwirrt, um den Bau zum Stillstand zu bringen. Die Kirchtürme, mutmaßt Krause, entspringen eher dem Bedürfnis, „eine Marke zu setzen“. Auf das Gotteshaus hinzuweisen, ein Zeichen zu geben: „Gott ist bei uns.“

Krause selber ist, wie er berichtet, „im Schatten von Kirchtürmen aufgewachsen. Sie gehören zu meinem Leben. Turm und Dachboden des Doms von Meißen waren ein Spielplatz für uns. Und übrigens war ich als Pfarrerssohn nicht selten für das Läuten der Glocken zuständig.“

Bei seiner Pfarrstelle in Bad Schmiedeberg hat Christoph Krause wiederum viel zu tun gehabt mit dem Turm der Kirche. Das hängt natürlich mit den Instandsetzungen zusammen, die unumgänglich waren, weil der Putz sich großflächig gelöst und das Mauerwerk Schaden genommen hatte - eine Folge von Sanierungsarbeiten Anfang der 1990 Jahre: „Anliegen war, möglichst den historischen Putz nachzubilden. Das hat nicht so gut gehalten.“

Am oberen Teil des 64 Meter hohen Kirchturms liefen in den Jahren 2010/2011 Erneuerungsarbeiten, die so teuer wurden, dass alle zur Verfügung stehenden Mittel aufgebraucht waren. „Es hatte sich herausgestellt, dass das alte Mauerwerk teilweise bröckelt.“ Weil es am Geld mangelte, den Turm komplett zu sanieren, wurde die inzwischen legendäre Idee entwickelt, die Stufen „zu verkaufen“.

Die Resonanz hätte sich der Pfarrer nicht träumen lassen. Sämtliche 180 Stufen fanden Freunde, die zum Teil sehr viel Mühe aufwandten, das Geld zusammen zu bekommen: Schüler zum Beispiel. Zahlreiche Vereine haben sich beteiligt, Unternehmen, Privatpersonen: Die Stadt erwarb Stufe Nummer eins, die Feuerwehr die 112. Samt Spenden sind auf die Art stattliche 45.000 Euro zusammen gekommen, ein erklecklicher Anteil an den Gesamtkosten.

Zu berichten gibt es über den gen Himmel strebenden Turm mit seinem Umgang auf 46 Metern Höhe noch vieles. Das große Feuer vom Februar 1904 darf nicht unerwähnt bleiben. Die Türmerwohnung geriet in Brand, die Familie, die dort lebte, konnte sich retten, nur den Turm mit seinen vielen Holzelementen hat es schwer erwischt. Die Fackel sei bis Wittenberg zu sehen gewesen, die örtliche Feuerwehr konnte zwar das Übergreifen auf die Kirche verhindern, nicht aber den Turm löschen.

Hilfe kam damals sogar aus Halle, ein Löschzug per Eisenbahn. Die Schäden waren beträchtlich, die Glocken schmolzen und stürzten nach innen, die Turmhaube wurde zerstört, Löschwasser zog das Gotteshaus in Mitleidenschaft. Der Wiederaufbau gelang allerdings in kürzester Zeit, im Februar 1905 konnten Kirche und Turm eröffnet werden. Krause: „Da läge heute noch nicht einmal der Bauantrag vor.“

Kurios ist eine Geschichte aus DDR-Zeiten, die ebenfalls mit Sanierungsarbeiten verbunden ist. In den 1960er Jahren habe die Stadt dafür gezahlt. Im Zuge dessen sei der Eindruck entstanden, der Kirchturm gehöre der Stadt (wie in Kemberg). Die Wetterfahne erhielt damals die Inschrift: 20 Jahre DDR.

Wer heute den Aufstieg in Angriff nimmt, bekommt sie noch zu sehen - nicht oben, sondern als eine Art Museumsstück. Nach der Wende ist dann klargestellt worden, dass der Turm der Kirche und nicht der Stadt gehöre, so Pfarrer Krause. Anders ist es mit der Uhr.

Heute ist der Turm öffentlich zugänglich, er kann bestiegen werden während der Öffnungszeiten der Kirche. Und gerade in diesen Wochen ist er ein Hingucker - wegen des höchsten Adventskranzes weit und breit. Ab Sonntag brennt das erste Licht.