Zeitgeschichte

Zeitgeschichte : Strassberger überlebt Titanic-Untergang

Straßberg - Manche Menschen haben Glück im Leben, weil sie durch irgendetwas abgehalten werden und anschließend nicht von folgenden Katastrophen betroffen sind. So ergeht es noch heute manchem Flug- oder Schiffsgast. Solch Glück hatte aber auch schon der Straßberger Friedrich Eichler vor über hundert ...

Von Andreas Bürkner 07.09.2016, 08:36

Manche Menschen haben Glück im Leben, weil sie durch irgendetwas abgehalten werden und anschließend nicht von folgenden Katastrophen betroffen sind. So ergeht es noch heute manchem Flug- oder Schiffsgast. Solch Glück hatte aber auch schon der Straßberger Friedrich Eichler vor über hundert Jahren.

Weil er sich beim Untergang der Titanic nicht an Bord befand und möglicherweise ertrunken wäre, wurde er 89 Jahre alt. Das Original der Antwort der Schifffahrtsgesellschaft Ismay, Imrie und Co. im englischen Liverpool vom 1. März 1912, das seinen Buchungswunsch für die Überfahrt mit der Titanic vom 29. Januar 1912 bestätigt, bewahrt Ursula Hönig sorgfältig auf.

Die Straßbergerin fand den Brief mit der Abbildung der Titanic im Nachlass von Friedrich Eichler, den alle Fritz nur riefen. „Ich wurde 1950 als Pflegekind von ihm und dessen Frau aufgenommen. Er war mein Vater, nachdem sie mich adoptierten“, erklärt sie den Hintergrund. Doch das sei schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Das Leben des verhinderten Titanic-Passagiers begann auf dem elterlichen Bauernhof in Straßberg. „Nachdem klar war, dass der älteste Bruder den Hof erben würde, wollte er einen ordentlichen Beruf erlernen“, erinnert sich Ursula Hönig an Erzählungen, als Fritz Eichler noch lebte.

In der Schule zählten Fritz und sein Zwillingsbruder Robert Eichler übrigens zu den Klassenkameraden von Otto Könnecke, den späteren Flugpionier (die MZ berichtete). Wollte Letzterer später die Welt sogar per Flugzeug umrunden, zog es auch Fritz Eichler in die Ferne.

Deshalb nahm er zunächst eine Kellner-Lehre im „Hotel Stubenberg“ in Gernrode auf. Nach erfolgreichem Abschluss ging er auf Wanderschaft, zunächst in der Region, später in Köln am Rhein. Hönig: „Er hat immer nur in noblen Häusern gearbeitet“, weiß die Tochter, „und sich persönlich bei vornehmen Gästen verdingt.“ Das schien sein Lebensinhalt zu sein. Mit diesen Erfahrungen und einem guten Ruf sei er nach Südengland und auf die Insel Wight gegangen, vorgelagert dem Hafen von Southampton, wo die Titanic der berühmten Reederei „White Star Line“ am 10. April 1912 zur Jungfernfahrt nach New York auslief. In England habe sich auch die Verbindung zum ersten „unsinkbaren Schiff“ der Welt ergeben.

„Ein Adeliger hatte meinen Vater als Butler für die Überfahrt gebucht.“ Wie er genau hieß, weiß Ursula Hönig allerdings nicht. Es könnte sich sogar um einen der Gesellschafter der Linie gehandelt haben. Zumindest deutet das Angebot im Brief, ihm für die Reise „die bestmögliche Kabine zu reservieren“, darauf hin. Es soll sogar von einem der Gesellschafter persönlich unterschrieben sein, fand Chronist Klaus Bethge heraus.

Unklar ist aber, ob es den Straßberger Kellner wirklich nach Amerika zog, ihn nur die erste Tour des neuen Schiffes reizte oder er es allein wegen der interessanten Arbeit tat. „Ich glaube, er hätte erst in Amerika entschieden, ob er wirklich dortbleibt“, schätzt Hönig ihren Vater ein. Doch dazu kam es bekanntlich nicht mehr.

Wenige Tage vor der Reise wurde Friedrich Eichler 19 Jahre alt und deshalb zum Kaiserlichen Militär einberufen. Hönig: „Für ihn als getreuem Staatsbürger hatte das Vorrang, es war damals so festgeschrieben.“ Außerdem wollte er die Armeezeit so schnell wie möglich hinter sich bringen. Deshalb sagte er die Titanic-Reise schweren Herzens ab.“ Das rettete ihm wahrscheinlich sogar das Leben.

Am späten Abend des 14. April 1912 - kurz vor Mitternacht - kollidierte der Luxusdampfer im Nordatlantik mit einem Eisberg und versank wenige Stunden später in den Fluten. Nur rund 700 der über 2 200 Passagiere wurden gerettet.

Eichler sollte auch später nie mehr nach Amerika kommen. Stattdessen kehrte er aus gesundheitlichen Gründen schon vor Ende des Ersten Weltkrieges aus der Gefangenschaft in seinen Heimatort Straßberg zurück, heiratete seine Martha und kaufte ein Haus. In diesem wohnt noch heute seine Adoptivtochter mit ihrem Mann.

Nach seiner Rückkehr arbeitete Fritz Eichler nicht mehr in der Gastronomie, sondern im Sägewerk, später bis zur Rente in der Grube Glasebach als Kauenwärter. „Er hat die Karbidlampen nachgefüllt, sich um die Kleidung der Bergleute gekümmert sowie für Seife und Handtücher gesorgt“, beschreibt Horst Hönig, selbst gelernter Bergmann und Ehemann von Ursula, die Tätigkeiten des Kauenwärters über Tage. 1982 starb er schließlich, kurz vorm 90. Geburtstag, den er „mit Champagner feiern wollte“, wie sich Ursula Hönig erinnert. (mz)