Move-Utopia-Festival

Move-Utopia-Festival in Harzgerode: Neuer Besitzer präsentieren Pläne für ehemalige Heilstätte

Harzgerode - Rund 1.000 Gäste – wer hat das am Wochenende in Harzgerode bemerkt? Kaum jemand. Nur jene Einheimischen, die sich darauf einließen, das Move-Utopia-Festival - veranstaltet von jungen Menschen, die durch eine alternative Lebensart die Welt und das bisherige System ändern wollen - und die „Heilstätten“ zu ...

Von Uwe Kraus 15.07.2019, 11:56

Rund 1.000 Gäste – wer hat das am Wochenende in Harzgerode bemerkt? Kaum jemand. Nur jene Einheimischen, die sich darauf einließen, das Move-Utopia-Festival - veranstaltet von jungen Menschen, die durch eine alternative Lebensart die Welt und das bisherige System ändern wollen - und die „Heilstätten“ zu besuchen.

„Nach 55 Jahren wieder hier, wo ich mich mal als Kind erholte“, sagt ein Mann mit Fahrrad. Sabine und Felix Müller, das Künstler-Paar aus Schielo, gehört zu den Gästen, pensionierte Wissenschaftler aus Gatersleben und der Kommunalpolitiker Horst Schöne mit seiner Frau. Udo Günther, der hier lange lebte und noch ein Wochenendhaus hier besitzt, kennt die Ecke gut und ist interessiert, was hier passiert.

„Nach 55 Jahren wieder hier, wo ich mich mal als Kind erholte“, sagt ein Mann mit Fahrrad 

Sie alle werden von Julia, eine gewinnende Frau, die freundlich erklärt, was ihre Gemeinschaft hier plant, über das Festivalgelände geführt: Vorbei an Kompost-Klos, veganen Küchen, Jurten, selbstgemauerten Pizza-Öfen, Diskussionskreisen und Meditierenden.

Nach dem Wochenende bleiben nur Spuren im Rasen und in den Köpfen der Teilnehmer, die eine andere Welt wollen, solidarisch, ökologisch, freier, mit einer neuen Kultur des Umganges.

Und Julia bleibt – und Anna, Mareike, Steffen, Josi und Tobi. Sie sind die Hausherren in den „Heilstätten“, wie das Gelände im Bauhausstil von den Harzgerödern noch immer genannt wird. Sie haben ihre Mitbürger-Mehrheit eingeladen, mit ihnen in einem Zelt zu reden, ihre Fragen loszuwerden, sich näher kennenzulernen.

„Wir wollen erzählen, was wir hier machen, ins Gespräch kommen, Vorurteile abbauen“, sagt Anna, die in Oldenburg studiert hat und „hier gestrandet ist, weil es mir hier voll gut gefällt.“ Sie alle gründeten eine Gemeinschaft, wollen das Riesenpotential, das Größe und Lage bilden, nutzen. Sie leben in zwei WG im Haupt- und Oberärzte-Haus und suchen Mitstreiter.

Sie wissen, die Einheimischen beäugen sie kritisch. „Was soll man denn vermuten, wenn Leute mit Fahrrad und Anhänger durch die Gartenanlage radeln?“, fragt Margrit Kühr, die sich erkundigt hat und unterdessen auch schon mit der dunkelhaarigen Bayerin Julia gewandert ist.

Die Mitglieder der Gemeinschaft wissen, vor ihnen gab es schon viele Versuche, das Gelände im Wald in der Freien Feldlage zu beleben. „Klar ist auch der Bürgermeister skeptisch, er hat schon so viele Interessenten übers Gelände geführt“, gesteht Tobi, langes schwarzes Haar und Rauschebart.

„Vieles wird erstaunlich schnell bearbeitet und nicht aktiv blockiert“

„Doch wir erfahren eher Unterstützung von den Behörden, vieles wird erstaunlich schnell bearbeitet und nicht aktiv blockiert.“ Er ist hoch spezialisierter Ingenieur und denkt: „Für so einen gibt es hier draußen keinen Arbeitsplatz.“ So hat er sich hier den Hut aufgesetzt, damit es demnächst eine Gasheizung geben wird.

Im vergangenen Winter lebte die Gruppe bei fünf Grad in der ehemaligen Klinik, schaffte es mit einem Holzgasgenerator auch mal kurzzeitig auf zehn Grad. Sie haben eine Genossenschaft gegründet und strotzen nur vor Optimismus. Die ersten Baugenehmigungen liegen auf dem Tisch.

Eine Freie Schule könnte hier entstehen und ein Waldkindergarten

Die Gemeinschaft weiß, es braucht viel Idealismus, aber auch Menschen, die mitziehen. Steffen, der 30-Jährige, der regenerative Windtechnik im Norden studiert hat, denkt nicht, dass er es noch erleben wird, dass ihr großes Projekt einmal fertig ist.

Einige Gebäude werden noch über Jahre leer stehen. Eine Freie Schule könnte hier wachsen, ein Waldkindergarten, der junge Familien aus den Städten wieder aufs Land zieht.

Im Haupthaus wohnen die ersten, hier entstehen Gästezimmer. In der Großküche, die über die Jahre bis zur Leere gefleddert wurde, soll ein biologischer Catering-Betrieb einziehen, Werkstätten entstehen, der Saal wird nutzbar sein.

„Ich finde es toll, dass diesem architektonischen Kleinod wieder Leben eingehaucht wird“, sagt Felix Müller

Felix Müller, der Künstler aus dem nächsten Dorf, nennt den Saal „eine Insel in der Mondlandschaft“, kann sich schwer vorstellen, wie dieses große Areal belebt werden soll. „Aber ich finde es toll, dass diesem architektonischen Kleinod wieder Leben eingehaucht wird.“

Horst Schöne, als Kommunalpolitiker über Jahrzehnte mit den „Heilstätten“ vertraut, hofft, „dass das Projekt nicht wie bei diversen Vorgängern wie eine Seifenblase platzt“. Die historische Bausubstanz hätte es verdient, erhalten zu werden.

Das sieht auch die Magdeburger Staatskanzlei so. Sie reicht 115.000 Euro Fördergeld an die Gemeinschaft aus, die die Klinik im Bauhausstil sanieren will. So sind neue Mitglieder der Genossenschaft gefragt. „Hier können auch Gäste am Wochenende wohnen und mitarbeiten“, bietet Josi an.

Julia lädt dazu ein, dass die Harzgeröder vorbeikommen, jeden Sonnabend und Sonntag gibt es ab 15 Uhr Führungen übers Gelände. „Ihr denkt schon, wir sind ziemlich extrem“, wendet sich Tobi an die Harzgeröder. „Aber sprecht uns an, wir wollen zu Harzgerode gehören, auch wenn wir vom Glasfasernetz noch abgeschnitten sind.“ (mz)