Ehemalige Kinderklinik

Ehemalige Kinderklinik und Heilstätte Harzgerode: Initiative will Gebäude im Bauhausstil retten

Harzgerode - Eine sozial-ökologische Gemeinschaft will die ehemalige Heilstätte zum Leben erwecken und die Anlage in den nächsten Jahren sanieren.

Von Sabine Herforth 10.04.2018, 07:55

Eine dicke Staubschicht liegt auf dem Holz der dunklen Schrankwand. Seit Jahren steht das frühere Büro des Chefarztes leer. Besonderen Charme versprüht der Raum im Herzen der Heilstätte Harzgerode mit seiner blauen Zimmerdecke dennoch - und das soll auch so bleiben.

Eine Gruppe ambitionierter Pioniere, wie sie sich selbst sehen, will der Anlage neues Leben einhauchen.

Vor 90 Jahren gebaut

Vor mehr als 90 Jahren hat Architekt Godehard Schwethelm mit der Heilstätte Harzgerode ein einzigartiges Gebäudeensemble im Bauhausstil geschaffen.

Er spielte mit Licht und Raum in den Bauwerken, die einst Kindern als Ort zur Heilung von Tuberkulose dienten. Sie sollen in den kommenden Jahren denkmalgerecht und ökologisch saniert und modernisiert werden.

„Das ist eine sehr große Aufgabe“, sagt Bernd Rühl, einer der Initiatoren und Hauptverantwortlichen sowie Bewohner der Heilstätte.

Finanzielle Basis schaffen

Denn es gilt, eine 21 Hektar große Anlage zu überblicken, die teilweise seit 1998 unberührt blieb. „Wir haben es übernommen, nachdem sehr viele Jahr nichts passiert ist“, erklärt Amanda Dählmann, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der sozial-ökologischen Gemeinschaft.

Das war im Januar 2017. Im Oktober zogen nun die ersten Bewohner in den 1996 sanierten Gebäudeflügel der Heilstätte, nachdem eine Kläranlage gebaut, Leitungen verlegt, die Heizungsanlage vorbereitet und eine leistungsfähige Internetverbindung installiert worden war.

Die zehn Bewohner sind Teil der Gemeinschaft, die sich am 1. Oktober gegründet hat. Ihr gehören derzeit etwa 70 Mitglieder an.

30 weitere Anwärter gibt es schon

Etwa 30 Anwärter, die ebenfalls auf das Gelände ziehen wollen, gibt es derzeit. Unterstützung gibt es zudem von den 40 Mitgliedern des Freundeskreisvereins, „der intensiv wächst“, so Rühl.

Zur Finanzierung des Mammutprojektes reicht das aber nicht. 25 Investoren bestreiten die Startphase mit privatem Vermögen.

Doch auf Dauer ist auch das nicht genug, das ist der Gemeinschaft klar. „Wir wollen eine Genossenschaft gründen“, erklärt Rühl, wie eine solide finanzielle Basis geschaffen werden sollen. Jeder der sich daran beteiligt - wie bei einer Wohnungsgenossenschaft auch -, ist dann Miteigentümer.

„Wir hoffen vor allem, dass wir mehr werden“, fügt Rühl an. Denn aus den gerade zehn Bewohnern sollen mindestens hundert werden. Aber: „Im Projekt wählen wir sorgfältig aus“, schränkt Rühl ein.

Wer sich einbringen möchte, muss auch etwas bieten können und auf eigenen Füßen stehen. „Viele bringen ihre Geschäftstätigkeit mit.“ Andere würden Gebäudebereiche auf der Anlage nutzen wollen - touristisch oder für Seminare und Workshops.

Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt - wenn es das Gemeinschaftsprojekt voranbringt.

Dem Denkmal Rechnung tragen

„Wir sind das größte Bauhausdenkmal im Landkreis und wollen dem Rechnung tragen“, sagt Amanda Dählmann. So soll der Flügel, in dem sich auch das Büro des früheren Chefarztes befindet, hergerichtet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Bernd Rühl stellt sich hier Museums- und Ausstellungsräume vor. Seit 1931 wurde in diesem Bereich kaum etwas verändert - auch am einst modernsten Operationssaal der Region. Die Leere des Raums ist randvoll mit Geschichte gefüllt.

Die Auseinandersetzung mit diesem Teil der Heilstätte solle mit Fingerspitzengefühl geschehen, sind sich die Gemeinschaftsmitglieder einig.

Anhand alter Aufnahmen lassen sich die einzelnen Räume samt Möblierung rekonstruieren.

Einige davon, beispielsweise das Büro, sollen möglichst originalgetreu hergerichtet werden. „Der Raum bietet das Potenzial, all das wieder herzurichten“, sagt Rühl überzeugt.

Abbruch mitten in der Sanierung

Dass der Hammer vor 20 Jahren einfach fallen gelassen wurde, zeigt sich besonders deutlich in den Schwestern-Apartments im Zentralbau.

Mitten in der Sanierung wurden die Arbeiten unterbrochen - bis heute hat sich an diesem Zustand nichts geändert.

Geht es nach den Bewohnern, könnten hier in Zukunft Wohnräume der Gemeinschaft entstehen, schließt der Trakt doch direkt an den sanierten Flügel an.

Auch die riesige Parkanlage soll wiederhergestellt werden. Eine Herausforderung, die nur mit schwerem Gerät zu bewältigen ist. „Wenn man mit einer eher ökologischen Denkweise herangeht, ist es schwer, sich daran zu gewöhnen“, sagt Rühl.

Ehemalige besuchen Anlage

Von außen erhalte das Team großen Zuspruch. „Menschen kommen und wollen wissen, was wir hier tun“, so Dählmann.

Viele ehemalige Patienten würden sie besuchen und sich freuen, dass die alten Gebäude nicht länger sich selbst überlassen seien. „Das wollen wir in Ehren halten“, so Dählmann und fügt an: „Es ist auch für uns schön, hier frischen Wind reinzubringen.“

Doch was sind das für Menschen, die ihre Mietwohnung, ihr Zuhause oder gleich ein ganzes Dasein gegen ein Leben mitten im Unterharz in einer fast vergessenen Heilstätte eintauschen?

Die Antwort lautet für jeden von ihnen anders. Sie kommen aus Kiel, Hamburg oder Flensburg; suchen eine Familie, einen Ort, um die eigenen Kinder behütet aufwachsen zu sehen oder Wissen ohne Erwartung zu teilen. Das wollen die Bewohner auch Interessierten, die das Samstagscafé besuchen, bieten. (mz)