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Luchse und Wölfe im Harz

Luchse und Wölfe im Harz: Kreisjägermeister befürchtet Ausrottung des Muffelwildes

Friedrichsbrunn - Vor nicht einmal zehn Jahren gab es im Harz noch mehrere tausend Muffel in freier Wildbahn. Von dem Wildschaf, das in der Region im Jahr 1906 ausgewildert wurde, gibt es derzeit nach vorsichtigen Schätzungen noch rund 500 Tiere – Tendenz weiter abnehmend. Warum diese Tierart im wahrsten Sinn des Wortes demnächst endgültig vor die Hunde gehen könnte, darüber sprach MZ-Redakteur Detlef Valtink mit Holger Piegert, Kreisjägermeister im Harzkreis und anerkannter Muffelwild-Experte.

09.03.2019, 08:55

Vor nicht einmal zehn Jahren gab es im Harz noch mehrere tausend Muffel in freier Wildbahn. Von dem Wildschaf, das in der Region im Jahr 1906 ausgewildert wurde, gibt es derzeit nach vorsichtigen Schätzungen noch rund 500 Tiere – Tendenz weiter abnehmend.

Warum diese Tierart im wahrsten Sinn des Wortes demnächst endgültig vor die Hunde gehen könnte, darüber sprach MZ-Redakteur Detlef Valtink mit Holger Piegert, Kreisjägermeister im Harzkreis und anerkannter Muffelwild-Experte.

Immer weniger Muffelwild! Warum geht es der ansonsten so genügsamen und einst auf rund 30000 Hektar im Ostharz aufzufindenden Wildtierart so schlecht?
Holger Piegert:  Im Jahr 2000 wurde mit der Einbürgerung des Luchses begonnen. Bis dahin gab es zwei große Verbreitungsgebiete für das Muffelwild: im Bereich Ilsenburg-Wernigerode-Benneckenstein und im Ostharz zwischen Stangerode und dem Bodetal.

Der Luchs, für den das Muffel eine leichte Beute ist, sorgte mit zunehmender Ausbreitung und Vermehrung sofort zu einem drastischen Rückgang der Bestände. Bereits im Jahr 2010 gab es im Raum Wernigerode-Ilsenburg keine Muffel mehr und im Ostharz leben heute nur noch rund 500 der beeindruckenden Tiere, die aber größtenteils in den Harzrandregionen in sogenannten Angstrudeln leben.

Was sind Angstrudel?
Piegert:  Wird eine Gefahr für eine Art größer, bilden Tiere große Verbände, weil damit die Wahrscheinlichkeit, einem Beutegreifer zum Opfer zu fallen, geringer wird. Einem Angreifer fällt es bei großen Rudeln deutlich schwerer, ein Tier abzudrängen, um es dann jagen und erlegen zu können. In Angstrudeln gibt es zudem mehr „Wächter“ und damit bessere Chancen, einen Angreifer früher zu erkennen.

Das scheint dem Muffelwild aber nicht wirklich zu helfen?
Piegert:  Muffel lassen sich im Rudel bei Gefahr schnell voneinander trennen und sind auch keine ausdauernden Läufer. Ihr Instinkt sorgt dafür, in kurzen Sprints höher gelegene Bereiche aufzusuchen, wo der Luchs als Lauerjäger dann wieder leichteres Spiel hat. So werden zunächst alle schwachen Tiere und der Nachwuchs ausgemerzt, was eine Reproduktion so gut wie unmöglich macht. Seit Jahren müssen wir registrieren, dass kaum noch ein Muffellamm durchkommt.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann der Wolf als zweites großes Raubtier im Harz sesshaft wird. Welche Folgen wird das haben?
Piegert:  Der Muffelbestand wird zum Erliegen kommen. Ich bin der Meinung, dass es dann keine zehn Jahre dauern wird, bis das Muffelwild so gut wie ausgerottet ist. Eventuell können einige wenige Tiere etwas länger in den Felswänden des Bodetals überleben. Da kommt der Wolf nicht hin.

Aber früher oder später wird auch hier der Luchs dafür sorgen, dass diese kleinen Restpopulationen verschwinden. Wir verlieren dann innerhalb von zwei Jahrzehnten nicht nur eine Tierart, sondern auch einen wichtigen Bestandteil unseres jagdkulturellen Lebens.

Es stimmt mich traurig, zu wissen, dass Muffelwild dann nur noch in Tierparks zu sehen sein wird. Gerade im Selketal konnte das Muffelwild als tagaktive Tierart immer gut beobachtet und ihr Verhalten in freier Wildbahn studiert werden.

Wolf- und Luchsbefürworter argumentieren damit, dass es sich beim Muffelwild um keine einheimische, sondern eine ausgewilderte Tierart handeln würde und damit keinen besonderen Schutzstatus habe. Stimmen Sie dem zu?
Piegert:  Das würde unter anderem auch auf das Damwild oder den Fasan zutreffen und hier stellt niemand den Schutzstatus infrage. Zudem ist dieses Argument widersprüchlich, denn laut Naturschutzrecht gelten Arten als heimisch, wenn sie sich ohne Zutun des Menschen über Generationen hin vermehren.

Und was zu gerne abgetan wird: Das Großraubwild ist seit über 200 Jahren im Harz nicht mehr vorhanden gewesen und niemand konnte bei der Ansiedlung der Muffel damit rechnen, dass es wieder zurückkehrt. Andererseits waren Muffel bis zur Eiszeit in Mitteleuropa vorhanden. Es ist also nicht so, als ob es sie hier nie gegeben hätte.

Hier wird einfach ohne Bedenken eine Tierart für eine andere geopfert und das ist beschämend. Wir verlieren im Selketal auch eine genetische Substanz, da es sich beim dortigen Muffelwild um reinrassige Tierbestände ohne Hausschafeinkreuzungen handelt. Ein Verlust, der nicht wieder gutzumachen ist.

Gibt es noch eine Chance, das Muffelwild zu retten?
Piegert:  Die Jägerschaft schränkt seit Jahren die Muffeljagd stark ein und wird das weiterhin tun. Dann gibt es die Forderung der Arbeitsgemeinschaft der Eigenjagdbesitzer und Jagdgenossenschaften in Sachsen-Anhalt, den Harz zur wolfsfreien Zone zu erklären.

Um das Muffel zu retten, müssten die Besiedlung des Harzes durch den Wolf verhindert und die Luchsbestände kontrolliert werden. Eine Chance, die man uns sicherlich nicht einräumen wird. Bei der derzeitigen politischen Konstellation in Sachsen-Anhalt wären solche Vorstöße auch nicht von Erfolg gekrönt.

Um kurzfristig überhaupt noch etwas bewegen zu können, wäre unter anderem eine Allianz der Weidetierhalter und der Jägerschaft vorstellbar, die auf politischer Ebene etwas bewegen könnte. (mz)