L 235 zwischen Mägdesprung und Harzgerode

L 235 zwischen Mägdesprung und Harzgerode : Ein Kompromiss, der Zeit braucht

Harzgerode - In einer Machbarkeitsstudie werden verschiedene Szenarien für die umfassende Sanierung der Verbindungsstraße durchgespielt.

Von Sabine Herforth 04.04.2017, 09:55

In sechs Jahren - also 2023 - könnte der Um- und Ausbau der Landesstraße 235 zwischen Harzgerode und Mägdesprung beginnen. Kein Projekt für Ungeduldige also.

Doch auch dann bleibt die Straße zwischen Harzgerode und Mägdesprung eine bedeutende Verbindung zur Bundesstraße 6 und den Autobahnen, betonte Stefan Hörold, Regionalbereichsleiter der Landesstraßenbaubehörde (LSBB).

Er stellte bei der jüngsten Stadtratssitzung gemeinsam mit Arno Manthey, Fachbereichsleiter für Planung bei der LSBB, vor, welche Möglichkeiten es gibt, die Verbindungsstraße zu erneuern. Die Landesstraße beschäftigt die Behörde seit Jahren. Es wurden drei Schadstellen entdeckt „die sofort behoben werden mussten“, so Hörold.

Zwei Problemstellen schon saniert

Zwei Problemstellen wurden ab 2015 saniert. Die dritte liegt in einem früheren Bergbaubereich und soll in diesem Jahr repariert werden. Die konkrete Planung dafür will die Landesstraßenbaubehörde in etwa zwei Monaten vorstellen, wenn die Ausschreibungen laufen.

„Das würde bedeuten, dass wir im dritten Quartal wieder in die Vollsperrung gehen“, kündigte Hörold an. Klar ist, dass für die Instandsetzung Widerlager im Fels installiert werden sollen, um die Fahrbahn zu verankern.

Auf der Bergseite soll zudem eine Entwässerung eingebracht werden. Bis 2018 soll diese Maßnahme fertiggestellt werden. „Aber man hat es dann punktuell gelöst, nicht insgesamt“, unterstrich Hörold.

Hang ist noch in Bewegung

Messungen zeigen das ganze Ausmaß der Situation. Teile der Böschung sind in den vergangenen Jahren sichtbar weggerutscht.

Geologische Untersuchungen ergaben, dass der Hang noch immer in Bewegung ist - obwohl die Straße zum Zeitpunkt der letzten Setzung vollständig für den Verkehr gesperrt war.

„Wenn der Hang in Bewegung kommt, und es sind Fahrzeuge auf der Straße, geht es um Leben und Tod“, malte Hörold ein dramatisches Szenario aus.

Verkehr wird beidseitig rollen

Dennoch: Auf lange Sicht soll der Verkehr wieder beidseitig rollen können. Dafür ist ein kompletter Ausbau nötig, nicht zuletzt, um Sicherheitsstandards zu schaffen.

Weil die L 235 mitten durch ein ökologisch wertvolles Gebiet verläuft, wurden in einer Machbarkeitsstudie verschiedene Varianten durchgespielt, deren Ergebnisse Arno Manthey präsentierte. Die perfekte Lösung, das nahm er vorweg, gibt es jedoch nicht.

Ungünstige Ausgangssituation

Denn bereits die Ausgangssituation sei ungünstig: Die Anbindung an die Bundesstraße 185 in Mägdesprung sei nur schwer mit verkehrsrechtlichen Vorgaben übereinzubringen.

„Aber wir bewegen uns hier im Harz“, führte Manthey an, dass es einen Kompromiss geben müsse.

„Die Schadensbilder sind so massiv, dass Gefahr im Verzug ist“, erklärte Manthey. Der Felszersatz stelle sich an der Hangseite als Schutt dar. Diese Stellen müssen aufgefüllt werden, um die nötige Standsicherheit zu erreichen.

Darüber hinaus habe der Abriss der Böschung zu einem gravierenden Höhenunterschied geführt, der nah an der tragenden Fahrbahn beginnt. Im Durchschnitt sei die Straße zudem nicht breiter als 5,50 Meter.

Eingriff in ein Schutzgebiet

„Das entspricht nicht mehr den Vorgaben“, so Manthey. „Wir können dafür einerseits in den Hang reingehen“, erklärte Manthey. Das würde einen starken Eingriff in das FFH-Gebiet (spezielles europäisches Schutzgebiet) bedeuten.

„Das schließt eigentlich jegliche Planung aus“, ergänzte er. Insgesamt fällt das Gebiet sogar in fünf Schutzgebiete, so dass keine der erarbeiteten Varianten „alle Kriterien richtlinienkonform erfüllt“. Ohne Ausnahmegenehmigung geht es deshalb am Ende nicht.

Sieben Varianten liegen vor

Die insgesamt sieben erarbeiteten Varianten der Studie zeigen unterschiedliche Ansätze auf, die sich vordergründig in der Linienführung und im Knotenpunkt B 185/ L235 bei Mägdesprung unterscheiden.

Einige Möglichkeiten wurden von vornherein ausgeschlossen - eine Brücke oder einen Tunnel wird es definitiv nicht geben -, seien aber für die Betrachtung und Bewertung herangezogen worden.

Lösung ist ein Mittelweg

Die Vorzugsvariante, die weiter verfolgt werden soll, stellt einen Kompromiss dar, der Verkehrssicherheit und Naturschutz bestmöglich vereinen soll.

Dafür wird die Fahrbahn weiter Richtung Hang verschoben und durch eine mit Zugankern gesicherte Wand gestützt. Ziel ist es, 3,50 Meter breite Fahrbahnen und eine durchgängige Entwässerung zu schaffen.

Die Sanierung der etwa 2,4 Kilometer langen Strecke wird rund 7,73 Millionen Euro kosten.

Im nächsten Schritt werden die Ergebnisse im Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr vorgestellt. Der fertige Entwurf für das Vorhaben muss zudem fachlich überprüft werden.

An die Bedarfsplanung schließen sich Entwurfs- und Ausführungsplanung an. Erst dann hat die LSBB Baurecht und kann mit den eigentlichen Arbeiten beginnen. Das heißt, optimistisch geplant, könnte 2023 mit dem Bau begonnen werden und zwei bis drei Jahre später die ersten Autos die neue L 235 befahren.

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Die Machbarkeitsstudie für die Sanierung der L 235 zeigt sieben Lösungsmöglichkeiten auf:

Variante 1: Der Knotenpunkt B185/L235 wird beibehalten. Es wird eine hangseitig Stützmauer zur Sicherung errichtet, die bergseitige Böschung bleibt nahezu unberührt.

Variante 2: Lehnt sich an Variante 1 an, aber der Knotenpunkt in Mägdesprung wird als Kreisverkehr gestaltet. Da die Kreuzung dreiarmig ist, ist ein Kreisverkehr, der viel Raum benötigt, nicht erforderlich.

Variante 3: Vorgesehen ist hier eine regelkonforme Einmündung in die B185 sowie eine hangseitige Erweiterung der Fahrbahn.

Variante 3a: Die Vorzugsvariante  sieht eine Anpassung der Variante3 hinsichtlich Naturschutz vor, so dass der Eingriff   minimiert wird.

Variante 4: Die Fahrbahn wird in Richtung Felsböschung verschoben, was einen starken Eingriff in die Natur bedeuten würde.  Es wäre mit 6,45 Millionen Euro die günstigste Ausführung.

Variante 5: Kombination aus Variante 2 und 3, jedoch mit reduziertem Eingriff auf der Hangseite.

Variante 6: Besonders spannend sind die Ideen der Variante 6, auch wenn diese sich von vornherein ausschlossen,  weil  die vorhandene Linienführung verlassen werden würde.

Die Vorschläge umfassen einen 0,3, einen 0,5 sowie einen 1,4 Kilometer langen Tunnel in verschiedenen Ausführungen. Möglich wäre auch eine 260 Meter lange Brücke. Die Investitionskosten würden sich bei dieser Variante um etwa 7 Millionen Euro auf über 15 Millionen Euro erhöhen.

Die Vorzugsvariante 3a ist eine Kompromisslösung, denn kein Ansatz kann den verkehrstechnischen Anforderungen und zugleich allen fünf Schutzgebieten  - FFH-Gebiet „Selketal und Bergwiesen bei Stiege“, Schutzgebiet in Natur- und Landschaftsschutz „Nördlicher Unterharz“, Naturpark Harz/Sachsen-Anhalt, Naturschutzgebiet „Oberes Selketal“ und Landschaftsschutzgebiet Harz und nördliches Harzvorland  - gerecht werden. (mz)