Konzert in Thale

Konzert in Thale: Tourlaub vor Harzer Wand

Thale - Live kann er, der Oerding. Johannes Oerding und Band begeistern an vier Abenden im Bergtheater. Und der Sänger zeigt Entertainer- und Kumpel-Qualitäten.

Von Bianca Müller 11.09.2018, 11:56

Verliebtsein. Kennt man auch in Thale. Da könnte es aktuell aber auch „veroerdingt“ heißen. Zum dritten Mal spielt Johannes Oerding mit seiner Band vor der „Harzer Wand“ - rund um das Bergtheater inzwischen fast ein geflügeltes Wort, das Oerding selbst gestreut hat.

Die Band spricht von Heimat, Tourlaub, Thalenser Festspielen oder der Harzer Partywoche.

Kaum war das Konzert am 5. September angesetzt, hagelte es Rufe nach mehr. Aus diesem Mehr werden drei Zusatzkonzerte. Von Ermüdung ist am 9. September, dem vierten Abend, nichts zu spüren.

Immer wieder individuelle Nuancen

Oerding beweist neben musikalischer Bandbreite und guter Stimmform Entertainer- und Kumpel-Qualitäten. Viele Witze wiederholen sich während der Thale-Tour.

Susi Strell aus Calbe, die zwei Auftritte sieht, ist das egal, weil „es immer individuelle Nuancen gibt“. Die Wand scheint an seinen Lippen zu hängen.

Auch Höflichkeit wird groß zelebriert: Oerding bittet die Fans, sich mit ihren Nachbarn bekannt zu machen, und beteiligt sich selbst an der Begrüßungsarie. Beim Händeschütteln bleibt es kaum. Etliche Umarmungen und Fotos später schafft er es zurück auf die Bühne.

Viel Ironie im Spiel

Zwischen Funk und Deutschpop predigt er Liebe, Frieden, Optimismus am laufenden Lied. Und passt trotzdem nicht in die Schablone des weltverbessernden deutschen Liedermachers neuester Sorte - dafür ist zu viel Ironie im Spiel.

Er provoziert immer neue Lacher, auch auf seine Kosten. Schließlich kennt man sich jetzt. So kitschig es klingt, so glaubwürdig ist der Hamburger.

Per Kreischometer lotet er den Männer- und Frauenanteil aus.

Oerding selbst pflegt das Klischee, dass zahlreiche Männer nur zum Mitkommen genötigt werden. Genau die setzt er besonders in Szene: Mal lässt er ihnen nur Bier und Schnaps servieren, mal „dürfen“ sie auch mitsingen.

„Guck, so ist das beim Oerding“, flachst er, „da kriegste was zu trinken und wirst noch beklatscht.“ Zwischendurch könnte man meinen, in einem Comedy-Programm zu sein. Auch so gewinnen die Musiker scheinbar jeden hier für sich.

Songs dauern mitunter zehn Minuten

„Ich habe Bauchschmerzen vom Lachen.“ Thomas Seidel aus Blankenburg ist einer der Männer, die sich schon 2016 „veroerdingt“ haben. Diesmal war keine Überzeugungsarbeit von Ehefrau Heidi nötig.

Zehn Minuten pro Song sind hier beinahe die Regel. Das ist den Zwischeneinlagen geschuldet. Eben „Nie wieder Alkohol“, zitiert Oerding auf einmal lässig Whitney Houstons „I will always love you“ mit dem markanten Ton.

Im einen Moment ruhig („Plötzlich perfekt“), holt er die Leute im nächsten sofort wieder hoch. Dazwischen verteilt der 36-Jährige immer wieder Liebesbekundungen - an Freundin Ina Müller, das Hotel Harzer Land, die Fleischerei Münch oder seine gute Security-Seele Happy.

Band muss in die Ränge

„Turbulenzen“ - der Titel ist bei den Zuschauern Programm - läutet seinen Lieblingsmoment ein. Der Sänger schickt die Band in die Ränge: Bassist Robin muss in die oberste Reihe, Drummer Simon in die 7, Tastenmann Kai in die 17, während Gitarren-Moritz mit Reihe 2 glimpflich davonkommt.

Heute ist „Kreise“, was „Alles brennt“ zuletzt war. Der Song funktioniert so gut, dass er zusätzlich als Bossanova-, 80er- und Rock-’n’-Roll-Version kredenzt wird.

Während der zweieinhalb Stunden Programm lässt der Frontmann seine Musiker mit vielumjubelten Solos ins Rampenlicht. Passend zu „Wo wir sind ist oben“ springt Oerding kurz vor Schluss auch selbst in die Mitte der Wand, klettert bis zum Gipfel und kommentiert den Selfie-gepflasterten Weg gewohnt amüsant.

„Wo wäre sonst die Glaubwürdigkeit als Chef?“ Wäre das eine Unterrichtsstunde, Johannes Oerding wäre der Klassenclown, der ständig alle zum Lachen bringt und trotzdem tolle Noten hat. (mz)