Immer mehr Anfragen für Betreuer

Harzer Bildungsträger begleitet neben Schülern ab sofort auch Erwachsene

Das Aus- und Weiterbildungszentrum Halberstadt stellt seinen Bereich Integrationshilfen breiter auf. Künftig können sich auch Personen an den Träger wenden, die wegen Berufskrankheiten oder anderen Beeinträchtigungen nicht mehr arbeiten können. Was noch geplant ist.

Von Benjamin Richter 12.01.2022, 12:00
Eileen Jung koordiniert als Teamleiterin die Arbeit der Integrationshilfen des Aus- und Weiterbildungszentrums Halberstadt. Die Thalenserin berichtet, dass die Zahl der begleiteten Schüler im Harzkreis zuletzt zugenommen hat.
Eileen Jung koordiniert als Teamleiterin die Arbeit der Integrationshilfen des Aus- und Weiterbildungszentrums Halberstadt. Die Thalenserin berichtet, dass die Zahl der begleiteten Schüler im Harzkreis zuletzt zugenommen hat. Foto: Benjamin Richter

Quedlinburg/MZ - Wenn Eileen Jung auf das abgelaufene Jahr zurückblickt, dann tut sie das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einerseits sei es traurig und frustrierend, dass der Bedarf an Schulbegleitern - oder Integrationshilfen, wie sie beim Aus- und Weiterbildungszentrum Halberstadt (AWZ) offiziell heißen - 2021 weiter zugenommen habe.

Auf der anderen Seite ist die Teamleiterin, die die Arbeit eben jener Schulbegleiter koordiniert, aber auch froh, für jedes Kind, für das die Hilfe beantragt worden war, einen passenden Begleiter gefunden zu haben.

Entsprechend fällt auch die rein zahlenmäßige Bilanz aus: „Ungezählte Begleitungen sind im letzten Jahr hinzugekommen“, verrät Jung nur so viel, dass deren Gesamtzahl im Landkreis Harz nun im oberen zweistelligen Bereich liege. Die Kinder, die die Integrationshelfer begleiten, weisen seelische oder körperliche Behinderungen auf, die sich in Verhaltensauffälligkeiten Bahn brechen und den selbstständigen Schulbesuch oft unmöglich machen.

„Ungezählte Begleitungen sind im letzten Jahr hinzugekommen.“

Eileen Jung, Teamleiterin Integrationshilfen

Welche Voraussetzungen muss man mitbringen, um Schüler mit Autismus, ADHS oder emotionalen Störungen zu begleiten? „Das kann im Prinzip jeder Erwachsene machen“, sagt Eileen Jung, die Interessierten häufig erst einmal die Angst nehmen müsse, etwas nicht zu schaffen oder falsch zu machen. „Das ist so ähnlich wie bei der Erziehung der eigenen Kinder“, beschreibt die Teamleiterin, „da gibt es auch keinen Leitfaden und man geht nach dem Gefühl.“

Kurzarbeit vermieden: Mitarbeiter halten ihr während Corona die Treue

Eileen Jung ist erleichtert, dass in der Pandemie der Zufluss an neuen Bewerbungen von potenziellen Schulbegleitern nicht versiegt ist - im Gegenteil. „Im Moment geht es gut, weil andere Firmen nicht so suchen“, berichtet sie und vermutet einen Zusammenhang mit den wirtschaftlichen Auswirkungen von Corona.

Dennoch habe sie Angst gehabt, dass ihr einige der aktiven Integrationshelfer in der Ausnahmesituation den Rücken kehren könnten. Daher habe sie die Entscheidung getroffen, keinen einzigen in Kurzarbeit zu schicken. Das zahlte sich aus: „Ich habe während Corona alle meine Mitarbeiter behalten können“, freut sich Eileen Jung. In Zeiten, in denen Schulen pandemiebedingt geschlossen bleiben und die Kinder zu Hause lernen mussten, hätten die Schulbegleiter telefonisch den Kontakt aufrechterhalten, berichtet sie.

Im neuen Jahr hat die Teamleiterin nun einiges vor, will die Integrationshilfe vor allem vielfältiger aufstellen. Ein Schritt in diese Richtung sei im vergangenen September bereits getan worden, als das AWZ die Erwachsenenbegleitung an den Start schickte.

„Wir leisten eine soziale Begleitung in den eigenen vier Wänden, übernehmen alles außer Pflege.“

Eileen Jung, Teamleiterin Integrationshilfen

Dieses Angebot, erläutert Jung, richte sich an Menschen, die aufgrund einer Berufskrankheit oder anderen Beeinträchtigung nicht mehr arbeiten könnten und zu Hause allein nicht mehr zurechtkämen. „Wir leisten eine soziale Begleitung in den eigenen vier Wänden“, legt die Koordinatorin dar, „wir übernehmen alles außer Pflege.“

Prinzipiell sammle sie Bewerbungen von Interessierten, die ihre Mitmenschen auf diese Weise unterstützen möchten, in einem separaten Pool. Es komme aber auch vor, dass einmal ein Schulbegleiter bei der Erwachsenenbetreuung zum Einsatz komme oder umgekehrt.

„Das Angebot ist noch nicht sehr bekannt“, merkt Eileen Jung an. „Wir wollten erst einmal gucken, wie es anläuft.“ Wie bei der Schülerbegleitung gelte, dass jeder mitmachen könne, von der Bürokraft bis zum Handwerker.

Angebot zur Arbeitsassistenz soll Jugendliche nach Schulabschluss begleiten

Daneben plant die Teamleiterin, ein Angebot zur Arbeitsassistenz aufzubauen, bei dem Kinder, die die Schulzeit mit einem Begleiter abgeschlossen haben, auch in der Ausbildung an die Hand genommen werden.

Für ihre Arbeit in der „Schaltzentrale“ der Integrationshilfen im Gebiet des AWZ - das bis in Börde- und Salzlandkreis reiche - sei der Draht zu Sozial- und Jugendamt des Landkreises sowie zu Vereinen wie den „Kleinen Wegen“ aus Blankenburg, die sich für Menschen mit Autismus einsetzen, sehr wichtig.

Ihr eigener Berufsweg, erzählt die Thalenserin, habe an ganz anderer Stelle begonnen: im Steuerbüro. „Dort war es mir aber zu langweilig“, gibt sie zu. Aus dem zwischenzeitlichen Wunsch, Berufsschullehrerin zu werden, wurde nichts, doch das AWZ bot Jung eine Stelle als Dozentin für kaufmännische Berufe an.

Nach vier Jahren im Bildungsbereich wechselte sie dann zu den Integrationshilfen, bekam von einem erfahrenen Kollegen eine tiefgreifende Einarbeitung. „Vorher hatte ich damit nichts am Hut“, sagt Eileen Jung, „aber inzwischen ist es eine Berufung.“

„Vorher hatte ich damit nichts am Hut, aber inzwischen ist es eine Berufung.“

Eileen Jung, Teamleiterin Integrationshilfen

Auch die Frage nach den Arbeitszeiten und einem typischen Tag als Teamleiterin beantwortet sie mit einem Lächeln: Ab halb sieben morgens bis spät in den Abend, setzt sie auseinander, klingele das Telefon und sie biete Eltern und Begleitern ein offenes Ohr. Feierabend oder Wochenenden gebe es quasi nicht - doch das macht Jung allem Anschein nach nichts aus. Wichtiger sei es, auch in Zukunft für jeden Bedarfsfall einen Begleiter zu finden.

Alle Fragen rund um die Schul- und Erwachsenenbegleitung sowie zum Antragsverfahren oder der Bewerbung als Integrationshilfe beantwortet Eileen Jung unter Telefon 03941/69 80 17 oder 01578/7 82 75 46 sowie per E-Mail unter [email protected]