Gunhilds Grabstein

Gunhilds Grabstein: Zufallsfund in Ostpreußen erzählt Geschichte von Leid und Liebe

Ballenstedt - Lange sucht der Harzer Detlef Fügemann in Ostpreußen nach der letzten Ruhestätte seiner Schwester. Dann machen Bauarbeiter einen Zufallsfund und entdecken ein Puzzleteil seiner Familiengeschichte. Sie erzählt von Leid und Liebe - und davon, wie der Krieg Leben verändert.

Von Julius Lukas 28.10.2018, 15:00

Auf was sie da gestoßen sind, erkennen die Bauarbeiter in der russischen Ostsee-Stadt Baltijsk erst gar nicht. Ihnen ragt ein dunkelgrauer Brocken aus dem Erdreich entgegen. Ein Findling vielleicht. Oder ein großer Wackerstein. Gerade graben sie die Moskauer Straße auf, um Rohre und Leitungen zu verlegen.

Es ist eine der größten Straßen in Baltijsk, das einst zu Ostpreußen gehörte und damals Pillau hieß - doch das ist Jahrzehnte her. Die Arbeiter sind vorsichtig, legen ihren Fund nur langsam frei. Dann erkennen sie, was sie da im dunklen Boden entdeckt haben: einen Grabstein. Er ist nicht groß und von Einschusslöchern gezeichnet. Auf dem grauen Untergrund erkennen sie eine Inschrift:

       Gunhild Fügemann
              * 5.9.1943
             † 25.9.1943

Einige Zeit ist seit dem Fund vergangen und Detlef Fügemann berührt er noch immer. Über Bekannte aus Pillau erfuhr der 64-Jährige aus Ballenstedt im Harz von dem Grabstein. Was er damals fühlte, beschreibt er mit einer Geschichte aus seiner Kindheit: „Ich musste immer nach dem Essen das Geschirr abtrocknen, worauf ich nie Lust hatte.“ Seine Mutter, Carla Fügemann, habe damals stets zu ihm gesagt: „Du müsstest es nicht so oft machen, wenn Gunhild, deine Schwester, noch da wäre.“ Fügemann schweigt kurz und meint dann: „Sie hat nicht nur in diesen Momenten, sondern immer gefehlt - mein ganzes Leben lang.“

Detlef Fügemann erzählt vom Grabstein seiner Schwester: Geschichte über Leid und Liebe

Es ist ein Herbsttag, als Detlef Fügemann vom Grabstein seiner Schwester erzählt. Er sitzt mit seiner Frau Bettina im Wintergarten seines Hauses. Die Sonne taucht den Raum in ein warmes Licht. Vor sich, auf dem weißen Tisch mit der blaukarierten Decke, hat Fügemann zwei Aktenordner liegen, mehrere Broschüren und alte Landkarten. „Um die Geschichte des Grabsteins und von Gunhild zu erzählen, muss ich etwas ausholen“, sagt Fügemann. Und er holt aus, zu einer Erzählung über Leid und Liebe. Und darüber wie der Krieg Leben verändert.

Detlef Fügemann schlägt einen der Aktenordner auf. Ein Foto, schwarz-weiß, zwei Kinder. Sie sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Dann ein zweites Bild. Wieder zwei Jungen, deutlich älter. Aus den Kindern sind Männer geworden. Sie posieren in Kriegsmarine-Uniform und sind noch immer kaum auseinander zu halten.

Auf Feindfahrt: Zwillingsbrüder Fügemann werden U-Boot-Matrosen 

Beide Fotos zeigen Hans und Joachim Fügemann. Die Zwillinge wurden 1919 in Ballenstedt geboren. Nach ihrer Lehre zieht es sie aus der Heimat im Harz in die Armee. Sie werden U-Boot-Matrosen. Es sind Kriegszeiten und die Brüder kommen nach Pillau an die Ostsee. Die Wehrmacht hat dort, nahe Königsberg, einen wichtigen Stützpunkt. „Die jungen Männer mussten jeden Tag am Hafen marschieren und stramm stehen“, erzählt Detlef Fügemann. „Und da haben die Mädchen aus der Stadt eben geguckt, was die da so machen.“

„Es war Krieg, da verlor man keine Zeit“

Eines dieser Mädchen war Carla Krüger, Tochter eines Lotsen. Mit ihrer Familie wohnte sie am Hafen. Jeden Tag blickte sie auf das Meer, den weiten Horizont - und auf die marschierenden Matrosen. „Sie war eine gescheite und sehr schöne junge Frau“, sagt Bettina Fügemann. 1942 lernt Carla die Zwillingsbrüder aus dem Harz kennen. In Hans, den etwas stilleren von beiden, verliebt sie sich. Es dauert nicht lange, dann heiraten sie. Wenig später ist Carla schwanger. Zwischen Kennenlernen und Kind liegen nur wenige Monate. „Es war Krieg, da verlor man keine Zeit“, sagt Detlef Fügemann.

Und der Krieg holt Hans zu sich. Er muss auf Feindfahrt. Carla bringt ihn nach Kiel, von wo aus U 527 ablegt. Ihre Mission führt die Matrosen bis in den Atlantik. Sie sollen feindliche Schiffe angreifen und versenken. Hans Fügemann, der gelernte Autoschlosser, ist auf dem Boot für die Maschinen zuständig. „Die sind im hinteren Teil“, erklärt Detlef Fügemann. Für Hans wird das zum Verhängnis.

U 527 versinkt am 23. Juli 1943 südlich der Azoren

Ein britischer Bomber entdeckt U 527 am 23. Juli 1943 südlich der Azoren, mitten im Atlantik. Das Boot wird am Heck getroffen und sinkt. 13 Besatzungsmitglieder überleben den Angriff. Es sind die Matrosen, die in der Nähe der Ausstiegsluke untergebracht sind. Hans, im Heckteil, schafft es nicht zur rettenden Öffnung. Er versinkt mit 39 anderen Männern im Atlantik. Südlich der Azoren ist der Ozean bis zu 3.000 Meter tief.

In Pillau hört Carlas Vater täglich die BBC. Das britische Radio ist seine Informationsquelle abseits der Reichspropaganda. Dort wird von den Gefechten im Atlantik berichtet - und von den schweren Verlusten der Kriegsmarine. Als Lotse bekommt Carlas Vater auch Informationen zu einzelnen Booten. Er erfährt, dass U 527 gesunken ist. Seiner Tochter erzählt er davon nichts. „Er hatte wahrscheinlich Angst, dass sie dadurch das Baby verlieren könnte“, meint Detlef Fügemann.

Bomber über Pillau: Gunhild wird auf eisig kalter Kinderstation geboren

Carla ist zu dieser Zeit hochschwanger und unruhig. Wegen des Kindes, vor allem aber wegen Hans. Am 5. September kommt Gunhild zur Welt. Ihr Vater ist da schon über sechs Wochen tot. Das Kind hat zarte, blonde Haare, ein fröhliches Gemüt. Doch die Zeiten sind rau. „Die Bedingungen im Krankenhaus müssen furchtbar gewesen sein“, sagt Detlef Fügemann. Die Kinderstation ist eisig kalt, ständig herrscht Unruhe, wenn Bomber über Pillau fliegen. 20 Tage nach ihrer Geburt stirbt Gunhild an einer Lungenentzündung. Begraben wird sie auf dem Stadtfriedhof. Ein kleiner Stein ziert ihre letzte Ruhestätte.

Erst Anfang Oktober 1943 bekommt Carla die Vermisstenmeldung: Hans’ Schiff ist gesunken. Lange kann auch sie nicht mehr in Pillau bleiben. Die Rote Armee rückt näher. Sie flieht mit ihrer Mutter in den Harz, nach Ballenstedt - in die Heimat von Hans. Sie hoffte sicher, dass ihr Mann dort doch noch auftaucht“, sagt Bettina Fügemann. Für sie war er ja nicht tot, sondern verschollen.

Und tatsächlich: 1946 kommt dann auch ein junger Mann nach Ballenstedt. „Er sah aus wie Hans, war es aber nicht.“ Es ist Joachim, der Zwillingsbruder, der aus der britischen Kriegsgefangenschaft zurückkehrt. Er kümmert sich um Carla. Trauert mit ihr um Hans und um Gunhild. Doch die Ähnlichkeit der Zwillinge kann Carla nicht ertragen. Im Juni 1947 bekommt sie die offizielle Mitteilung, das Hans tot ist. Von seinem Bruder Joachim wendet sie sich ab.

Die Annäherung der beiden dauert Jahre. In ihr Tagebuch schreibt Carla in dieser Zeit Sätze, die sie an ihren verstorbenen Ehemann richtet: „Das kann nicht sein, Hans, das kann nicht sein, dass ich mich jetzt in deinen Bruder verliebe. Aber letztendlich weiß ich, dass er mich immer schon mochte.“ 1954 heiraten Carla und Joachim. Zwei Jahre später wird ihr Sohn Detlef geboren.

Carla Fügemann starb 2009: „Ich möchte aufs Meer“

Die Ordner auf dem Tisch im Wintergarten sind durchgeblättert. „Diese Geschichte war in unserer Familie immer präsent“, sagt Detlef Fügemann. Deswegen sei der Grabstein auch so bedeutend. Seine Mutter habe oft von Gunhild und Hans gesprochen. Und von der Ostsee. Manchmal fuhr sie von Ballenstedt aus zur Harzer Teufelsmauer. Dort, auf einem kleinen Hügel, breitete sich der flache Vorharz vor ihr aus. „Sie kniff die Augen etwas zusammen, damit alles vor ihr verschwamm.“ Für sie habe es dann so ausgesehen, als sei das flache Land vor ihr das Meer. „Das gab ihr ein Gefühl von Heimat“, sagt Bettina Fügemann.

An den Ort ihrer Kindheit und Jugend, von dem sie der Krieg trennte, kehrt Carla Fügemann erst 1994 zurück. In der Sowjetzeit war Baltijsk militärisches Sperrgebiet. Die Baltische Flotte hat dort noch heute einen ihrer wichtigsten Stützpunkte. „Sobald es ging, sind wir nach Pillau gefahren“, erzählt Detlef Fügemann. Gleich nach der Ankunft 1994 suchten wir Gunhilds Grab. „Doch den Stadtfriedhof gab es damals nicht mehr.“ Die Russen, so erfuhren sie, hatten ihn nach der Eroberung der Ostseestadt zerstört. Die Grabsteine nutzten sie als Baumaterial. „Nur sechs davon sind wiedergefunden worden“, sagt Detlef Fügemann.

Der Stein seiner Schwester liegt heute auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Baltijsk. Regelmäßig fahren Detlev Fügemann und seine Frau dorthin. Seine Mutter allerdings konnte den Grabstein nicht mehr sehen. Carla Fügemann starb 2009. Bestattet wurde sie auf hoher See - das war ihr Wunsch, erzählt Bettina Fügemann. „Vor ihrem Tod sagte sie: Ich möchte aufs Meer, ich möchte zu Hans - meiner ersten großen Liebe.“  (mz)