Besonderes Museum in Thale

DDR-Museum Thale: Rückblick in den Alltag der DDR

Thale - Ein Möbelhaus in Thale beherbergt in der obersten Etage ein DDR-Museum.

Von Oliver Müller-Lorey

Im Harz steht eine Zeitmaschine. Von außen nicht erkennbar und gut versteckt an einem Ort, an dem niemand sie vermutet: In einem Thalenser Möbelhaus, dessen oberstes Geschoss ein DDR-Museum beherbergt.

Auf den Etagen eins bis vier präsentieren sich Wohnwelten so freundlich und modern, wie sie nur in Möbelhäusern existieren: Betten aus hellem Birkenholz, auf dem ein Einrichtungsexperte gekonnt zwei Kissen drapiert hat, höhenverstellbare Schreibtische und ergonomisch geformte Stühle, Küchenzeilen mit sanft schließenden Schränken, die das Herz eines jeden Kochs höher schlagen lassen.

Doch dann ist da die sechste Etage, in die einen ein Fahrstuhl aus der Produktion des „VEB Sächsische Brücken- und Stahlhochbau Dresden“ bringt. Ein Druck auf den Knopf mit der 6. Es ruckelt - wie Zeitmaschinen das nun mal so machen - und schon sind die Zeitreisenden zwischen FDJ-Hemden und Robotron-Computern, 40 Jahre zurückversetzt - in der DDR.

Museum in Thale: Zeitreise in die DDR in der sechsten Etage eines Möbelhauses

Die Welt hier oben ist so ganz anders, als der schöne Möbelkosmos in den unteren Geschossen. Statt hellem Tageslicht fluten Neonröhren die Räume. Braun, matschgrün und ocker sind die Sofas, die Fernsehgeräte, ja selbst die Kochtöpfe auf dem Vier-Feld-Elektroherd.

Ausnahmen bilden eine orangene Kaffeekanne in der Küche und ein originales, in rot gehaltenes Kinderzimmer, das nach Aussagen mehrerer Gäste „wirklich jeder damals hatte“. Schließlich war die Auswahl für DDR-Bürger wegen der  Mangelwirtschaft begrenzt.

Kein Wunder, dass vor allem ein Satz hier oben ständig fällt:  „Das da hatten wir früher auch!“

Die Zeitmaschine und alles drumherum gehört Frank Müller, Besitzer des gleichnamigen Möbelhauses. In der obersten Etage hat er zusammen mit seiner Frau das private Museum aufgebaut.

Wer nach dem Küchenkauf noch eine Stunde Zeit hat, kann für fünf Euro durch die 21 Themenzimmer mit Namen wie „Urlaub“, „Kantine“,  „Spielzimmer“ und „Heimwerken“ spazieren. Sie gehen jeweils rechts und links von einem langen Flur mit PVC-Boden ab und sind wie ein Zeitstrahl  angeordnet.

Besucher beginnen am Ende des Flures in einem Zimmerchen, das zeigt, wie Flüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt haben. Ein stählernes Bett steht an der untapezierten Wand, davor Pantoffeln. Bis auf einen Nachtisch mit drei Schubladen und eine Emailleschüssel gibt es hier nicht viel zu sehen.

DDR-Museum in Thale: Raum für Raum arbeitet man sich bis zum Mauerfall vor

Dann arbeiten sich die Zeitreisenden Raum für Raum bis zum Mauerfall vor. Die Zimmer werden voller, wohnlicher, gemütlicher. Es geht durch Küchen und Wohnzimmer der 50er und 60er Jahre,  eine Werkstatt, ein Bad und einen Raum, in dem  sich Computer und Schreibmaschinen aneinanderreihen.

Die Zimmer sehen aus, als wäre der Bewohner gerade eben erst zur Tür herausgegangen: Auf dem Häkeldeckchen-behangenen Couchtisch stehen noch Kaffeetassen, über der Küchenzeile mit Brotschneidemaschine scheinen Küchenhandtücher zu trocknen.

Besucher dürfen alles anfassen, Schränke öffnen, auf Erika-Schreibmaschinen herumtippen und in der Bibliothek in Büchern und Zeitschriften blättern. „Weltall Erde Mensch“ steht ganz vorne im Regal.

Frank Müller stellt in seinem Museum auch Kurioses aus, wie etwa eine Badewanne, die mit Hilfe einer Konstruktion aus Federn hochgeklappt und senkrecht im Schrank verstaut werden kann.

Gäste aus Ost und West kommen ins DDR-Museum Thale

Die DDR bewerten will er mit seinem Museum indes nicht. Alles liege im Auge des Betrachters. Auf jeweils einer großen Infotafel pro Raum, wird dem Besucher wortreich erklärt, was es mit dem Zimmer auf sich hat.

Doch bereits auf der Internetseite des Museums werden Besucher gewarnt: „Wir sind kein wissenschaftlich geführtes Museum und geben deshalb keine Garantie auf Vollständigkeit und Richtigkeit der Texte und Grafiken.“

„Der Schwerpunkt liegt auf der Wohnkultur. Die meisten Museen sind minimalistisch, aber hier hat man einen gewissen Unterhaltungsfaktor“, sagt Müller, ein kumpelhafter Mann mit auffälligem Bart, der an den Enden geschwungen ist.

Der Thalenser wuchs in der DDR auf und war froh, als die Wende kam. „Mich hat keiner eingesperrt, aber man wurde dahin gelenkt, wo der Staat einen hin haben wollte“, sagt er, während er  unter einem Bild  von Erich Honecker steht und auf  Vitrinen mit Schnäpsen aus sozialistischer Produktion blickt.

Mit dem Museum wolle er die DDR weder verteufeln noch hochloben. Ihm geht es darum zu zeigen, wie er und die anderen DDR-Bürger damals lebten: Nicht in Armut, aber mit dem ein oder anderen Provisorium, das durch die Mangelwirtschaft nötig wurde. Wenn Müller mit Besuchern über die alten Zeiten ins Gespräch kommt, ist er in seinem Element.

Peter und Elisabeth Albaum aus Moers (Nordrhein-Westfalen) sind vor zehn Minuten aus der Zeitmaschine gestiegen und dankbare Gesprächspartner. Eigentlich mehr Herr Albaum, der alles vom Museumschef wissen will, während seine Frau sich die Schreibmaschinensammlung ansieht.

Gespräche über die Vergangenheit im DDR-Museum in Thale

Was gab es in der DDR zu essen? Wie war das mit der Stasi? Und wie hat man damals eigentlich so gelebt, will Herr Albaum wissen. Die beiden hätten ja keine „Ost-Verwandtschaft“ und seien DDR-unerfahren.

„Man hat ja gar keine Ahnung gehabt“, sagt Herr Albaum. „Also Soljanka schmeckt von Greifswald bis Erfurt eigentlich überall anders“, klärt Müller ihn über die damaligen Essgewohnheiten auf. Die Geschmäcker seien von Ort zu Ort unterschiedlich  gewesen. Außerdem: Schweinebraten mit Kartoffeln gab es ja hüben und drüben. 

„Aha, aha!“ Herr Albaum hört interessiert zu und fragt weiter. Auch nach einer halben Stunde ist der Museumschef nicht genervt - im Gegenteil. Wieder einer, dem er das Leben in der DDR näher gebracht hat!

Etwa die Hälfte der Besucher komme aus den alten Bundesländern, die andere aus der ehemaligen DDR, schätzt Müller. Die einen wollen sich an ihre Kindheit im Osten erinnern, die anderen sehen, wie „die drüben“ gewohnt haben.
Nicht alle sind begeistert

Dass sich Touristen im sechsten Stock eines Möbelhauses überhaupt einmal Sammeltassen und DDR-Schulfibeln anschauen werden, das hätte sich Frank Müller noch vor zehn Jahren nicht träumen lassen. Genauso wenig, wie er sich vorstellen konnte, das hohe Gebäude, das einmal die Sozialräume einer Fabrik beherbergte, für sein Möbelgeschäft zu kaufen.

„Als plötzlich Möbel-Müller-Fahnen statt der DDR-Flaggen vor dem Gebäude wehten, war das schon ein komisches Gefühl“, sagt er.

Dabei ist Müller mit dem Haus großgeworden, lernte als Schüler genau gegenüber Schreiben und Rechnen und arbeitete später selbst als Schlosser in der Fabrik, in der  Behälter für die Lebensmittelindustrie hergestellt wurden. Im Jahr 1999 kaufte Müller die ehemalige Fabrik und eröffnete sein Möbelhaus. Von einem DDR-Museum war da noch lange nicht die Rede.

Chef des DDR-Museums in Thale sammelt die kultigen Ostgegenstände selbst

Die  Idee dazu kam den Müllers erst später bei einem Urlaub im thüringischen Bad Sulza. „Da waren wir in einem DDR-Museum. Allerhand Polter war da zusammengestellt. Wir haben gesagt: Das können wir besser“, erinnert sich der Museumschef. Also sammelte er kultige Ost-Gegenstände von Privatleuten.

Dass er ein Möbelgeschäft besaß, half dabei ungemein, „denn oft haben wir die Altmöbel bei einem Neukauf mitentsorgt“, sagt Müller. Statt sie auf den Müll zu werfen, landeten sie in seinem Museum.

Nicht allen Thalensern gefiel und gefällt die Möglichkeit zur Zeitreise in Müllers Möbelhaus. Ein paar Mal hätten sich schon Einwohner beim Bürgermeister beschwert. „Einzelfälle“, wie Müller betont. „Es gibt  Besucher die sagen: ,So schlimm hat’s bei uns nie ausgesehen!’.“ Doch wer mit der DDR nichts mehr zu tun haben wolle, der komme einfach nicht hierhin, sagt er.

Mit den Besucherzahlen ist er indes zufrieden. Wer in die Zeitmaschine steigt, um 40 Jahre zurückzureisen, kauft später vielleicht noch das ein oder andere Möbelstück. Die Eintrittskarte ist gleichzeitig ein Gutschein über zehn Prozent Rabatt.

Doch Müller betont, dass es ihm nicht um den Profit gehe. Er will Besuchern „seine DDR“ näherbringen. Damit das künftig auch bei ausländischen Touristen gelingt,  will er die Infotafeln in den Ausstellungsräumen nun außerdem auf englisch übersetzen lassen. (mz)