Grüne Naturgewalt

Japanknöterich: Unkraut gefährdet den Deich bei Jeßnitz

Jeßnitz - Die Deichbauer hatten schweres Gerät aufgefahren, um die Naturgewalt zu besiegen. Nicht das Wasser war dieses Mal aber das Problem, sondern eine rasant wachsende Pflanze.

Von Stefan Schröter

Die Deichbauer hatten schweres Gerät aufgefahren, um die Naturgewalt zu besiegen. Nicht das Wasser war dieses Mal aber das Problem, sondern eine rasant wachsende Pflanze.

Der Japanische Staudenknöterich hat die Deicharbeiten rund um Jeßnitz beträchtlich erschwert. Matthias Weilbach vom Landesbetrieb für Hochwasserschutz versichert zwar, dass es zu keinem Bauverzug kommt. Aber die Kosten müssen nach Abschluss der fünf Kilometer langen Baustelle noch einmal nach oben korrigiert werden.

Von sechsstelligen Beträgen ist nach MZ-Informationen die Rede. Laut älteren Schätzungen kostet das Deich-Projekt 15 Millionen Euro.

Selbst die Entsorgung des Knöterich gestaltet sich schwierig

Das Japanknöterich-Problem hat der LHW vorerst beseitigt. Allein an der Flutbrücke (Bauabschnitt 5) ließ der Bauherr den invasiven Neophyten auf einer Fläche von 16 mal 16 Metern komplett ausgraben. 80 Zentimeter tief erfolgte der Erdaushub. Der Knöterich war genau dort gewachsen, wo die neue Deichtrasse verläuft.

Das entfernte Pflanzen-Material wird nun in einem Silo bei Jeßnitz zwischengelagert. Der Ort sei extra dafür vom LHW angemietet worden. Laut Weilbach muss das Material auf jeden Fall thermisch behandelt werden. Mindestens 70 Grad seien nötig. „Wir sind“, so Weilbach, „noch auf der Suche nach einer Entsorgungsmöglichkeit.“

„Wenn die Grasnarbe beschädigt ist, kann sie den Deichkörper nicht ausreichend vor Erosionen schützen“

Am Deich konnte die Pflanze nicht bleiben. Denn der Knöterich verdrängt anderen Pflanzen und damit auch die geschlossene Grasnarbe. Die aber ist wichtig für den Schutzwall. Denn das Gras festigt mit seinen Wurzeln die Oberfläche, hält den Deich fest.

„Wenn die Grasnarbe beschädigt ist, kann sie den Deichkörper nicht ausreichend vor Erosionen schützen“, erklärt LHW-Mitarbeiter Weilbach. Das könnte bei einem Hochwasser zu einem Risiko werden. Deswegen kommt der Knöterich komplett aus der Erde raus. Jedes noch so kleine Wurzelstück muss eingesammelt werden, damit der hartnäckige Schädling nicht von neuem drauf loswachsen kann.

1.000 Quadratmetern Unkrautvlies sollen das Wachstum eindämmen

Im Bauabschnitt 3 kam eine andere Technik zum Einsatz als an der Flutbrücke. Dort ist der Landschaftsplaner Thomas Eisel für die ökologische Bauüberwachung zuständig. Eisel ließ Unkrautvlies verlegen, wo das neue Schöpfwerk entstehen soll.

Eine Fläche von insgesamt 1.000 Quadratmetern soll dadurch künftig frei vom Japanknöterich bleiben. Teils wurde dazu vorab Boden ausgehoben, teils das Vlies einfach nur über den abgemähten Neophyten ausgerollt.

Darüber kam neue Erde, wo nun neue Pflanzen wachsen, aber kein Knöterich mehr. „Wir wollten eine chemiefreie Lösung für das Problem finden“, erklärt Eisel. Aber die hat ihren Preis. Je nach Bodenbehandlung fielen Quadratmeterpreise zwischen 15 und 25 Euro an.

„Was wir tatsächlich ausgeben, werden wir erst am Ende sehen können“, meint Weilbach vom LHW. Die Mehrkosten dürfte das Land übernehmen und damit der Steuerzahler.

Zur Bekämpfung von eingeschleppten Pflanzen wie dem Japanknöterich gibt es im Land die Koordinierungsstelle Invasive Neophyten in Schutzgebieten Sachsen-Anhalts.

Sie will Akteure vernetzen, die sich mit diesen Pflanzen befassen, und ein landesweites Management umsetzen. Aus Publikationen geht hervor, dass der Japanknöterich um 1825 in Europa als Zierpflanze eingeführt wurde. Durch sein schnelles Wachstum bedroht er heute die Artenvielfalt. (mz/stsc)

Hochwasserbetrieb muss den Knöterich auch weiterhin im Auge behalten

Auch wenn der Deich steht, muss der Hochwasserbetrieb die Pflanze im Auge behalten. Niemand weiß, ob der Japanknöterich an den Risikostellen auch langfristig beseitigt ist. Kleinste Lücken im Vlies reichen aus - und der Neophyt bahnt sich wieder seinen Weg.

Möglicherweise wird im Bauabschnitt 3 noch ein weiterer Erdaushub nötig. Das werden Untersuchungen im Boden zeigen. Denn laut Weilbach breiten sich die Wurzeln unter der Erde stärker aus, als es die Sträucher überirdisch vermuten lassen. Und die Pflanze wächst extrem schnell. Bei idealen Bedingungen sind laut Eisel bis zu 30 Zentimeter pro Tag möglich.

Mit diesem Tempo wird der Japanknöterich in diesem Jahr bei Jeßnitz weiterwachsen. Vielleicht nicht mehr am Deich, aber anderswo. Wahrscheinlich schleppten Kleingärtner vor vielen Jahren die Pflanze in die Region. Dabei warnt der Landschaftsplaner Eisel: Finger weg. „Sie lässt sich nur mit großem Aufwand wieder entfernen.“ (mz)