Die Fassade begeistert

Die Fassade begeistert: „Electricitäts-Werk“ in Aken erstrahlt wieder in altem Glanz

Aken - Das historische Akener „Electricitäts-Werk“ schaut von außen wieder aus wie einst. Bürgermeister Jan-Hendrik Bahn enthüllt Schriftzug in luftiger Höhe.

Von Henrik Klemm

Anneliese Ziesecke, Elfriede Grimm und Lisbeth Schoch sitzen in der ersten Reihe. Für die Seniorinnen ist dieser Sonnabend in der Akener Hafenstraße ein besonderer Tag. Die Fassade des ehemaligen „Electricitäts-Werkes“ erstrahlt nach der Sanierung wieder in funktionaler Schönheit und soll der Öffentlichkeit übergeben werden.

Eine Feierstunde steht an, der Akener Frauenchor singt und die Gäste freuen sich über das Geschaffene. Noch verhüllt ein Tuch den Schriftzug, der bald schon von weither erkennbar sein und auf die einstige Funktion des Industriedenkmals hinweisen wird.

Zeitzeugen freuen sich über den neuen Glanz des E-Werks in Aken

Den drei Damen indes muss man vom E-Werk, wie sie alle sagen, nichts erzählen. Anneliese Ziesecke ist die Enkelin von Eduard Rühling, der das Werk 1899 gekauft hatte. Alles das, was sie an Historischem besaß, was ihr Sohn gesammelt hatte, das besitzt nun das Akener Heimatmuseum.

„Es ist eine große Ehre, hier dabei zu sein. Das macht mich richtig stolz“, sagt sie und denkt dabei vielleicht an ihren Großvater, den sie nie kennenlernen konnte, da er früh verstarb.

Lisbeth Schoch indes hat selbst im Werk gearbeitet, von 1937 bis 1942. „Ich bin Mädchen für alles gewesen: Chefsekretärin, Verkäuferin, Kassiererin. Die Stromabrechnung für Aken habe ich gemacht“, erzählt sie und zeigt auf ein Foto aus dem Jahr 1937. Abgebildet ist dort die Belegschaft des Werkes bei der Jubiläumsfeier anlässlich des 40-jährigen Bestehens. „Ich bin die letzte, die von all denen übrig ist“, sagt die aus einer alten Schifferfamilie stammende Akenerin.

„Sie hat aufgehört und ich habe angefangen“, wirft Elfriede Grimm ein, die von 1942 bis 1944 eine kaufmännische Ausbildung im Unternehmen absolvierte. „Ich finde das hier alles wunderbar“, sagt sie. Auch die sanierten und wie damals ausschauenden Fenster gefallen ihr. Sie erinnert sich: „Pfingsten mussten wir Lehrlinge die Fenster hier putzen. Das war eine Freude, das können sie glauben“, sagt sie schmunzelnd.

Sanierung des E-Werks Aken brauchte viel Fingerspitzengefühl

Akens Bürgermeister Jan-Hendrik Bahn bleibt es vorbehalten, die Anwesenden zu begrüßen, sich bei allen Beteiligten für die geleistete Arbeit zu bedanken und kurz die Geschichte des E-Werks zu umreißen.

Nach der Schließung wurde das Gebäude von 1965 bis 1985 als Stützpunkt zur Betreuung der Außenanlagen genutzt und nach der Entkernung 1985 zum Polytechnischen Kabinett umgestaltet. 1990 hat die Stadt Aken das gesamte Gelände übernommen und darauf einen städtischen Bauhof errichtet. 2016 ging es dann los mit der Fassadensanierung. Und die ist gelungen.

1897 beauftragte der Magistrat der Stadt Aken eine Berliner Firma mit dem Bau eines E-Werkes. Am 1. November 1897 erstrahlte der Markt erstmals durch eine Lichtbogenlampe im hellen Licht. Zwei Dampfmaschinen trieben Gleichstrom-Dynamogeneratoren an. Eine Batterieanlage zur Spannungsteilung von 220 auf 110 Volt wurde aufgestellt.

1899 kaufte Eduard Rühling das Werk, um es 1905 wiederum an die Firma Körting in Hannover zu veräußern.

Das E-Werk wurde ab 1922 von der Überlandzentrale Dessau mit 15 000 Volt Hochspannung gespeist. Die Altstadt innerhalb der Stadtmauer bekam Gleichstrom. Durch Transformatoren wandelte man Hochspannung in Niederspannung. Und in Quecksilber-Dampfgleichrichtern entstand die Gleichspannung. Alle außerhalb der Stadtmauer neu entstehenden Gebäude bekamen indes Wechselstrom.

1930 wurde das E-Werk von der Brandenburgischen Electricitäts-Gas-Wasserwerke Aktiengesellschaft Berlin übernommen. 1945 folgte die Energieversorgung Dessau. Von 1960 bis 1965 wurde die Altstadt auf Wechselspannung umgestellt. Damit konnte das E-Werk, das nur Gleichstrom lieferte, geschlossen werden.

Bahn und auch der beauftragte Architekt René Zein verweisen da gern auf ein Schreiben aus dem Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. „Gute Vorbereitung und objektbezogener baulicher Sachverstand haben hier zusammengewirkt. Besonders erfreut in diesem Falle das gute Zusammenwirken von städtischer Bauverwaltung einerseits und individueller architektonischer und denkmalpflegerischer Planungskompetenz andererseits, woraus dieses vorbildliche Ergebnis entstanden ist“, formuliert dort Holger Brülls.

„Du brauchst Fingerspitzengefühl bei solch einem Denkmal, da kann man nicht einfach loslegen“, sagt Zein. Die beauftragten Firmen haben immerhin 18 Holzfenster, ein Tor und eine Eingangstür nach historischem Vorbild erneuert. Sieben Metallfenster wurden rekonstruiert und 400 Quadratmeter Fassade samt Schriftzug saniert bzw. wiederhergestellt.

5.000 Euro kamen durch eine Spendensammlung zusammen

Bürgermeister Bahn versäumt es nicht, dem abwesenden Hans-Jürgen Lorenz zu danken, der einst im E-Werk gearbeitet hat und mit seiner Spendensammlung immerhin 5.000 Euro zusammenbekam. So war es möglich, eine Infotafel dem Haus gegenüber zu errichten. Für Lorenz gab es als Dank ein Aquarell vom E-Werk, gemalt von der Künstlerin Marlies Flemming.

Dann enthüllt der Bürgermeister den Schriftzug. Vielleicht wird an der leeren Fassadenstelle in der Mitte des Hauses bald das Akener Dienstsiegel in Wappenform prangen, so wie es auf historischen Fotos zu sehen ist. Das werde die Fassade ansprechender machen, sagt Bahn mit optimistischem Blick in die Zukunft. (mz)