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„Momo“ am Puppentheater HalleReise ins eigene Herz

Wie das Ensemble des halleschen Puppentheaters mit seiner Inszenierung von „Momo“ nach Michael Endes Erfolgsbuch das jüngste Publikum verzaubert.

Von Andreas Montag 08.12.2023, 16:50
Die Zeitdiebe verhören Momo. Es spielen: Simon Buchegger, Luise Friederike Hennig, Sebastian Fortak und Louise Nowitzki (von links).
Die Zeitdiebe verhören Momo. Es spielen: Simon Buchegger, Luise Friederike Hennig, Sebastian Fortak und Louise Nowitzki (von links). (Foto: Anna Kolata)

Halle/MZ. - So viel Vorfreude bei der Ankunft des jungen Publikums! Es schnattert und zwitschert vielstimmig und aufgeregt im Foyer des halleschen Puppentheaters. Und so viel Beifall danach, als die zweite Vorstellung (die erste für Kinder) am Dienstagvormittag über die Bühne gegangen ist. „Momo“ nach dem Kinderbuchklassiker von Michael Ende (1929-1995) hat zu einer wunderbaren Reise ins Herz eingeladen – die junge Titelfigur und gleichermaßen die Zuschauer im Saal, auch die Älteren.

Ach, das haben sie wirklich großartig gemacht, die halleschen Puppenspieler. Wohl ist ihnen Lob so vertraut wie das Aufstehen am Morgen, gesagt muss es trotzdem werden. Die Truppe des Intendanten Christoph Werner (hier als Dramaturg dabei) feiert ja von Inszenierung zu Inszenierung in das Jahr ihres 70. Jubiläums hinein, das 2024 mit den Bürgern der Stadt Halle sowie mit deren Gästen mit einer Festwoche im Juni begangen werden soll.

Erste Regiearbeit

Und „Momo“, die erste Regiearbeit von Claudia Luise Bose, reiht sich schon mal bestens ein: Dieses einstündige Spiel über den Mut, der Berge versetzt, und die Güte, die das Böse besiegt, ist ein fabelhaftes Geschenk – für das Puppentheater selbst und seine Gäste jeglichen Alters natürlich.

„Momo“ ist nach dem unaussprechlichen, aber höchst vergnüglichen „satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch“ des halleschen Thalia Theaters schon die zweite Adaption eines Werks von Michael Ende in Halle binnen kurzer Zeit. Das wird wohl gute Gründe haben: Der Schriftsteller hat es wie wenige andere verstanden, seine Kritik an Kapitalismus und Zeitgeist so fantasievoll zu „verpacken“, dass man seiner Botschaft nur zu gern folgen mag. In „Momo“ ist es ein Kind, das die grauen Männer, die den Menschen ihre Zeit abschwatzen und die Seelen stehlen wollen, schließlich schachmatt setzt und seine Freunde befreit.

Natürlich schafft Momo das nicht allein. Und sie darf auch einmal Furcht haben, als die fiesen Räuber, die die gestohlene Zeit zu dicken, ekligen Zigarren drehen und rauchen, scheinbar gewonnen haben. Beppo, der freundliche, alte Straßenkehrer, wird wie alle anderen, die die Finsterlinge erwischen konnten, in einen puppenartigen Kokon gesperrt.

Zum Glück gibt es die treue Schildkröte Kassiopeia und Meister Hora, der hier eine mütterliche Meisterin ist. Ines Heinrich-Frank, die per Videoprojektion ins Spiel kommt, liefert ihren Part mit einer solchen Wärme ab, dass es einem zu Herzen geht. Darum dreht es sich ja eigentlich: Das Geheimnis nicht nur der Zeit, sondern des Lebens und der Güte, zu der wir Menschen fähig sind, liegt im eigenen Herzen. Mit dessen Kraft kann man auch Schurken bezwingen.

Wer nun hergeht und sagt, das sei doch reichlich naiv, man müsse sich nur einmal umschauen in der Welt voller Missgunst, Neid, Krieg und Naturkatastrophen, den haben die Zeitdiebe in ihren grauen Anzügen, mit ihren grauen Gesichtern vielleicht schon erwischt.

Die jungen Zuschauer im Saal aber haben wie die Handvoll Älterer eine magische Stunde erleben dürfen, die Fröhlichkeit und Zuversicht schenkt. „Man muss nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich. Dann macht es Freude“, sagt Beppo in dem Stück. Da ist was dran. So einfach geht Glück. Und es wird größer, wenn du es teilen kannst.

Applaus für alle

Großen Applaus für alle Beteiligten, auf und hinter der klug gebauten Bühne: Louise Nowitzki, Simon Buchegger (beide spielen auch), Lisette Schürer, Atif Hussein und Hagen Tilp (Puppen), Angela Baumgart (Bühne und Kostüme), Luise Friederike Hennig, Nils Dreschke, Sebastian Fortak und Ines Heinrich-Frank (Spielerinnen und Spieler), Sibylle Mittag (Puppenkostüme), Bernhard Range (Musik) und Kai Wido Meyer (Video) sowie, natürlich, Claudia Luise Bose (Regie) und Christoph Werner (Dramaturgie).

Ein Vergnügen für die ganze Familie – wenn man denn irgendwann an Karten kommt!

Die nächsten Vorstellungen bis zum 25. Dezember 2023 sind ausverkauft.