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DDR-Möbel Im Osten sagt man Plaste - Von Garten-Ei bis Z-Stuhl

Einrichtungsstücke wie das Garten-Ei und der Z-Stuhl gelten heute als Design-Ikonen. Hergestellt wurden sie aus dem Kunststoff Polyurethan oft in der DDR. Eine Ausstellung im sächsischen Pillnitz erzählt diese Transfergeschichte zwischen West- und Ostdeutschland.

Von Thomas Klatt 16.06.2024, 10:15
Peter Ghyczys Garten-Ei, hergestellt ab 1972 im VEB Synthesewerk Schwarzheide
Peter Ghyczys Garten-Ei, hergestellt ab 1972 im VEB Synthesewerk Schwarzheide © Felix Ghyczy, Kunstgewerbemuseum / SKD, Foto: Gunter Binsack

Pillnitz/MZ. - Warum gibt es heute eigentlich keine Kunststoffmöbel mehr in Wohnzimmern? Warum waren sie einst so begehrt, und wie sind sie entstanden? Diesen und anderen Fragen geht die Ausstellung „PURe Visionen. Kunststoffmöbel zwischen Ost und West“ im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nach.

Einst waren Möbel wie das so genannte Garten-Ei oder der „Känguru-Stuhl“ beliebt. Sie gehörten zu den Ikonen der DDR-Formgestaltung. Ihre Geschichte ist komplex und weist auf deutsch-deutsche Verflechtungen in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hin.

Plaste und Elaste hatten in der DDR zunächst nicht das Flair des Billigen. Im Gegenteil. So genannte Polyurethan-Möbel (PUR) hatten einen gewissen Schick, und sie fügten sich auch im Westen ein in eine Zeit von Aufbruch und wachsendem Wohlstand. Möbel aus PUR erweiterten um 1970 mit ungewohnten Farben und Formen den Alltag in Ost und West. Ihre Entwicklung und Produktion war eine Erfolgsgeschichte.

Planmäßig zum PUR-Möbel

Im Westen trieb die Privatwirtschaft diese Entwicklung voran, in den Ländern des Ostens, besonders in der DDR, war die Entwicklung moderner Möbel eine politische Entscheidung und in ihrer Herstellung den Tücken der Planwirtschaft unterworfen. Neuartige Kunststoffe ersetzten Holz und Holzfurnier, ermöglichten organische Formen, es gab kräftige Farben und glänzende Oberflächen, und es schien, dass auch im Osten die graue Nachkriegsära zumindest optisch endete. Die Geschichte dieses Prozesses begann aber schon eher: Noch vor dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1937, entwickelte eine Forschergruppe um Otto Beyer bei den IG Farben die ersten Polyurethan-Werkstoffe.

In den 60er Jahren begann der westdeutsche Chemiekonzern Bayer, Polyurethan als Material für Konsumgüter auf den Markt zu bringen. Der Osten sah sich im Rückstand, und so wurden 1968 hohe Investitionen zum Aufbau einer PUR-Industrie beschlossen. Alles, was dazu nötig war, sollte im Westen erworben werden. Politisch wurde das möglich, weil sich die Verhältnisse ein wenig entspannten. Eingefädelt wurde der Erwerb von Maschinen, Formen und Lizenzen für die DDR von der Außenhandels-Agentur Kommerzielle Koordinierung (KoKo) unter Leitung von Alexander Schalck-Golodkowski. Der Schattenmann der deutsch-deutschen Beziehungen ging in höchsten Staats- und Parteikreisen ein und aus und fädelte dabei geheime Geschäfte.

Für die DDR wurde damals festgelegt: Zentraler Produktionsstandort für PUR-Grundstoffe sollte der VEB Synthesewerk Schwarzheide sein, wo im Jahr 1971 der Probebetrieb startete. Am Standort Bernsdorf in Sachsen wurde eine Anlage für die PUR-Möbel gebaut – zunächst ausschließlich für den West-Export. So etwa wurde das vom deutsch-ungarischen Gestalter Peter Ghyczy für den niedersächsischen Unternehmer Gottfried Reuter entworfene Garten-Ei produziert. Erst später wurde es auch innerhalb der DDR zum Kauf angeboten.

Auch das PCK-Kombinat in Schwedt wurde bald beteiligt. Dort entstand auch der Z-Stuhl, im Osten wegen seiner großen „Füße“ der „Hockende Mann“ genannt.. Früh gelangte auch ein in der DDR entworfenes PUR-Möbel in die Massenproduktion – eine gepolsterte Sitzschale mit Drehgestell. Stammten die Grundstoffe anfänglich vom Bayer-Konzern, kamen sie ab 1973 aus Schwarzheide. Das PCK übernahm dazu von der baden-württembergischen Firma Horn nicht nur das Know-how.

Die 70er Jahre in der DDR standen im Zeichen der Konsumgüter-Produktion. Kleinere Betriebe, aber auch große Kombinate wurden aufgefordert, PUR-Produkte herzustellen. Der Wohnungsbau florierte, die Betonwerke arbeiteten in Schichten, und es war Parteivorgabe, für die zehntausenden neuer Wohnungen ausreichend Möbel herzustellen.

Ob Plattenbau oder Altbau – viele Familien hatten in den 70er und 80er Jahren mehrere der auffälligen Plastemöbel in der Wohnung oder in ihrer Datsche. „Plaste“, so wurden die Plastiksessel oder Sofas in der DDR genannt. Dabei war das beliebte Sitz-Ei eigentlich als Garten-Ei geplant, besonders für die vielen Kleingärten, die im Zuge des ehrgeizigen DDR-Wohnungsbauprogramms parallel zu Tausenden neuer Wohnungen und ganzer Städte , aber fast nebenbei erschlossen wurden.

Während der Z-Stuhl eher in den Betrieben und Kantinen verwendet wurde, gab es unzählige Kleinmöbel, an die sich viele Menschen erinnern. Sie waren Teil ihres Lebens geworden. Erst später bekamen die Plastikmöbel aus PUR den Ruf des Billigen und Unmodernen verpasst.

Nachdem die ersten PUR-Möbel der DDR meist auf westdeutsche Entwürfe zurückgingen, wurden sie Schritt für Schritt durch Modelle ostdeutscher Gestalterinnen und Gestalter abgelöst. Das Amt für industrielle Formgestaltung (AIF) sollte über die Anwendung des Materials wachen. Dort arbeiteten bereits namhafte Gestalter wie die Keramikerin Margarete Jahny, der Formgestalter Erich Müller oder der Glasgestalter Friedrich Bundtzen aus Weißwasser.

Die Ausstellung im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen in Pillnitz macht aber auch noch etwas anderes deutlich. Auch in der DDR bildeten sich herausragende kreative Fähigkeiten heraus – in der Produktion sowie auch in den Hochschulen und Lehranstalten der Branche. So absolvierte Siegfried Mehl nach einer Ausbildung zum Beton-Facharbeiter ein Studium zum Bauingenieur. 1972 wechselte er in die neue Möbel-Entwicklungsabteilung und studierte an der Hochschule Burg in Halle. Er entwarf unter anderem das Möbelprogramm „Schwedt 82“. Ab 1992 arbeitete er für zwölf Jahre als Grafiker an den Uckermärkischen Bühnen in Schwedt.

Erfolgreicher Exporteur

Ein wichtiger Protagonist im Osten war auch Axel Bruchhäuser. Er war Miteigentümer der Polstermöbel-Firma Bruchhäuser in Güstrow, wo er bereits ab 1969 PUR-Weichschaum verarbeitete. Als Geschäftsmann und Ingenieur sah er bereits früh die Vorzüge dieses Materials. Seine Kleinfirma, auch das in DDR-Zeiten nicht üblich, exportierte erfolgreich nach West-Europa. Aufgrund seiner Vorkenntnisse ebnete er den Weg für den Produktionsstandort Schwedt. 1970 entwarf Bruchhäuser einen Hartschaum-Sessel, der später im PCK als „Schwedt 1“ in hoher Stückzahl produziert wurde.

Für viele ist der Blick in diese Ausstellung auch ein Blick zurück in das eigene Leben der 70er- und 80er Jahre. PUR war schick geworden, und „es passte irgendwie auch in eine Zeit, in der in Kunststoffmöbeln gesessen, getrunken und geraucht wurde“, sagt die Kuratorin Klara Nemeckova. Sie gehören einer Zeit an, in der die Folgen der Kunststoffherstellung noch nicht ganz absehbar waren, weshalb die Ausstellung zum Ende den Aspekt des schwierigen Recyclings und der Kreislaufwirtschaft thematisiert.

Die Möbel von damals sind heute längst Kult geworden. Man findet sie kaum mehr auf dem Sperrmüll oder Flohmarkt. Und mancher denkt nun vielleicht reuig: Hätte ich doch nicht alles weggeworfen.

„PURe Visionen. Kunststoffmöbel zwischen Ost und West“, Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden in Schloss Pillnitz, bis 7. Juli, Di bis So 10 bis 17 Uhr; ab 3. August ist die Ausstellung in Eisenhüttenstadt im Museum Utopie und Alltag zu sehen.