Schwabe in Sachsen-Anhalt: Lutherstätten-Chef Stefan Rhein wechselt in den Ruhestand„Ich bleibe gern“

Vor 25 Jahren kam er aus Schwaben nach Sachsen-Anhalt: Jetzt wechselt Lutherstätten-Chef Stefan Rhein in den Ruhestand. Er spricht über seine erste Wittenberger Nacht, den Eisleber Eigensinn und seine Liebe zum Akkordeon.

20.01.2023, 16:36
Von links: Stiftungsdirektor Stefan Rhein, Pressesprecherin Nina Mütze und Verwaltungsdirektorin Astrid Mühlmann
Von links: Stiftungsdirektor Stefan Rhein, Pressesprecherin Nina Mütze und Verwaltungsdirektorin Astrid Mühlmann (Foto: picture alliance/dpa)

WITTENBERG/MZ - Am Ende des Monats verabschiedet sich Stefan Rhein (65) als Direktor und Vorstand der Stiftung Luthergedenkstätten, zu denen Luthers Geburts- und Sterbehaus in Eisleben, das Elternhaus in Mansfeld sowie das Luther- und Melanchthonhaus in Wittenberg gehören. Über 25 Jahre brachte die Stiftung das Welterbe in eine neue Fassung. Mit Stefan Rhein sprach unser Redakteur Christian Eger.

Herr Rhein, 25 Jahre an der Spitze der Luther-Stätten: Was braucht es, um so lange am Ball zu bleiben?Stefan Rhein: Hartnäckigkeit und Leidenschaft braucht es. Hartnäckigkeit, um für Bauvorhaben eine Finanzierung zu erreichen, um eine zehnjährige Luther-Dekade durchzustehen, ein Reformationsjubiläum so international zu gestalten, wie es geklappt hat. Hartnäckigkeit bringt man nicht auf ohne Leidenschaft. Leidenschaft für das Thema.Das heißt Luther?Ja. Aber nicht allein.

In all den Jahren: Haben Sie jemals von Luther geträumt?Nein, aber von Melanchthon. Er ist mein Lieblingsreformator. Ein klassischer Philologe wie ich und als gebürtiger Baden-Württemberger ein Landsmann von mir. Ich habe immer gesagt: Ich bin kein Wessi, ich bin ein Südi. Darauf lege ich wirklich wert. Manchmal habe ich mir vorgestellt, wie es wäre, Melanchthon zu treffen. Es wäre anstrengend gewesen, weil er ein kleiner Choleriker, ein Giftzwerg und Workaholic war. Aber ich hätte gern einmal mit ihm geredet.Worüber?Über Heimat. Es verbindet uns, dass Wittenberg die zweite Heimat geworden ist. Aber Heimat ist immer auch die erlebte Kindheit. Und diese Spannung von Alltag und Kindheit interessiert mich. Melanchthon hat 42 Jahre in Wittenberg verbracht. Ich würde ihn fragen, was er als Heimat begreift.Für Sie ist Wittenberg und Sachsen-Anhalt Heimat?Ja. Die Standardfrage an mich ist zur Zeit: Bleiben Sie hier? Meine Antwort ist: Ja! Und ich bleibe gern. Hier habe ich die längste Zeit meines Lebens verbracht. Luther hat sich in Wittenberg nie so richtig wohl gefühlt. Auch Melanchthon klagte: schlechtes Wetter, schlechter Wein! Die Spannung von Nähe und Distanz hat die beiden verbunden. Und sie haben sich beide für Wittenberg entschieden. Ich auch.Sie stammen aus Stuttgart, waren 40 Jahre alt, als Sie nach Wittenberg kamen. Wie hatten Sie die Stadt 1998 erlebt?Ich war schon 1990 zu Besuch da. Damals hatte ich im Melanchthon-Haus im baden-württembergischen Bretten als Kustos gearbeitet. Die Stadt wünschte sich eine Städtepartnerschaft mit Wittenberg. Es war klar, dass Melanchthon die Brücke bilden würde.

Sie erlebten Wittenberg fast im DDR-Originalzustand?Ja. Die Chemie zog in die Nase. Im Hotel gab es kein freies Zimmer. Ich musste mit dem Oberbürgermeister von Bretten im Doppelbett liegen im sogenannten Hochzeitszimmer, im Himmelbett. Das war meine erste Nacht in Wittenberg. Es gibt ja jetzt die Kampagne „So schön wie nie!“ in Wittenberg. Und ich muss sagen: Es stimmt. Unheimlich viel ist geschehen. Sie kamen als Katholik unter Protestanten, als Westler unter Ostler. War das eine Herausforderung?Ihr Kollege Markus Decker hat einmal geschrieben „Rhein kommt an die Elbe“. Die Vorbehalte waren da, klar. Aber Sie werden lächeln, schwieriger als Ost und West war es, Eisleben und Wittenberg zusammenzuführen. Es war nicht so schlimm für Eisleben, dass ich aus dem Westen kam. Die Schwierigkeit für Eisleben war: Jetzt werden wir von Wittenberg aus beherrscht! Sie müssen sich die beiden Nackenschläge für Eisleben vorstellen: Luther stirbt dort, wird aber in Wittenberg beerdigt. Die Eisleber haben die Idee zum Lutherdenkmal und sammeln auch das erste Geld, der König aber entscheidet, dass das Denkmal nach Wittenberg kommt und 1821 aufgestellt wird. Diese zwei Zumutungen sind in Eisleben nicht vergessen worden. Und deswegen ist eine der Hauptleistungen der Stiftung der vergangenen 25 Jahre, dass diese Reformationslandschaft in Sachsen-Anhalt tatsächlich zusammengewachsen ist.25 Jahre Luther-Dienst. In einer immer stärker säkularisierten Gesellschaft: Warum bleibt Luther von Interesse?Das 16. Jahrhundert ist das Jahrhundert, aus dem wir kommen. Es ist unsere Herkunft. Unsere Begriffe von Sozialstaat, Bildung, Sexualität haben alle mit der Reformation zu tun. Und mit Luther.

An ihm und seiner Frau Katharina lässt sich zum Beispiel lernen, was das heißt, eine symmetrische Beziehung zu führen. Er nannte sie liebevoll und respektvoll „Herr Käthe“. Er setzte sie als Alleinerbin ein, was rechtlich unmöglich war und sofort wieder rückgängig gemacht wurde. Er war da weit voraus. Nach der Auflösung der Klöster stand die Frage: Wie kümmert sich die Gesellschaft um Kranke, Arme, Schwangere? Ein hochspannender Prozess: Wie organisiere ich den Sozialstaat? Reformation ist nicht nur Theologie. Das war eine Bewegung, die alles neu gestalten musste. Bis hin zur Sexualität. Früher war Keuschheit das Ziel, dann kam Luther und sagte: Sexualität ist gottgegeben. Welche Luther-Fragen sind noch zu klären?Was uns immer noch peinigen wird, ist Luther und das Judentum. Luthers Antijudaismus. Der Wechsel vom jungen Luther, der das Judentum mit großen Verständnis beobachtete, zum alten Luther, der fast unerträglich ist. Das ist ein brennendes Thema.

Die sogenannte Judensau an der Wittenberger Stadtkirche: erhalten oder entfernen?Hängen lassen. Damit auseinandersetzen. Offensiv. Die Wunde nicht verbergen. Es ist ein Schandmal. Aber Geschichte kann man nicht entsorgen. Nach all dem, was Sie für die Lutherstätten erreicht haben: Was bleibt zu tun?Die 25 Jahre waren wichtig für die reformationshistorische Infrastruktur. Museen, Ausstellungen, Bildungsangebote, Bucheditionen, wir sind etabliert. Als Herausforderungen bleiben: die energetische Sanierung des Lutherhauses. Wie wird man ein grünes Museum? Und die neue Dauerausstellung im Lutherhaus. Das Thema Bauernkrieg ist spannend. Luther und Müntzer: Sind das wirklich zwei Welten? Der Bauernkrieg ist nicht nur als ein Kriegsgeschehen zu erinnern, ich würde hier das Thema der Verteilungsgerechtigkeit einbringen. Es geht nicht nur um 70.000 Tote, sondern auch um die ganz aktuelle Frage: Wie gehen wir mit Gerechtigkeit um in einer Gesellschaft, die auseinanderdriftet?Was haben Sie in Zukunft vor?

Wissenschaftlich arbeiten. Ich schreibe wirklich gern. Ich habe keine Angst vorm weißen Papier. Mich begeistern so entlegene Themen wie Griechischer Humanismus des 15. bis 17. Jahrhunderts, da gibt es nur rund 20 Menschen auf der Welt, die das interessiert. Diese Nische, dieses Paradiesgärtlein, werde ich mit Leidenschaft pflegen. Und ich werde musizieren.Welches Instrument?(lacht) Akkordeon! Im Luther-Jahr 2017 stand ich vor der Wahl: Entweder ich springe aus dem Fenster oder ich tue etwas, was mich entspannt und spiele Akkordeon. Ehrenamtlich werde ich mich im Bildungsbereich betätigen. Aber jetzt werde ich mich erstmal für drei Monate in Mainz in einer Bibliothek verkriechen.Herr Rhein, was ist Ihr Lieblingswort von Luther?Von Melanchthon fällt mir sofort ein: „Wir sind zum wechselseitigen Gespräch geboren“. Von Luther: „Aber die Faust haltet stille“.

Musikalische Lesung mit Stefan Rhein: Melanchthon aus der Nähe - Best of „Melanchthon lesen“: 31. Januar, 18.30 Uhr, Fürstensaal im Augusteum, Wittenberg, Collegienstraße 54.

Hier steht er und kann nicht anders: Denkmal für Luther in Wittenberg
Hier steht er und kann nicht anders: Denkmal für Luther in Wittenberg
(Foto: dpa)