Jan Faktors autobiografischer Roman „Trottel“

Der Mitstolperer

Nominiert für den Deutschen Buchpreis: In seinem autobiografisch getönten Roman „Trottel“ erzählt Jan Faktor vom Dichteralltag in Prag und Ostberlin vor 1989.

Von Christian Eger 15.11.2022, 16:10
Deutsch-tschechischer Schriftsteller: Jan Faktor
Deutsch-tschechischer Schriftsteller: Jan Faktor (Foto: Joachim Gern)

HALLE/MZ - Die DDR von Prag aus gesehen? Kein schöner Land, sondern: „Hort des todesnahen Akkuratentums“, wahlweise „Deutsche Ostmickrige Republik“ oder „Reichsbananenrepublik“. So sah es der in Prag geborene Autor Jan Faktor: „In uns allen steckte die Gewissheit, dass alle Länder dieser Welt etwas Besonderes zu bieten hatten. Ausgenommen die DDR. Genau dort ging es dann für mich aber hin“. Kurzum: „Bescheuerter ging es nicht.“

Und das mit ganzem Einsatz. 1978 siedelte der buchstäbliche Bohemian Jan Faktor der Liebe nach in die DDR über. Als „linker Antikommunist“ fand der 1951 geborene Sohn und Enkel tschechisch-jüdischer Auschwitz-Überlebender Anschluss an marxistische und schriftstellernde Zirkel in Berlin-Prenzlauer Berg. Verheiratet mit der Psychologin Anette Simon, gehörten deren Eltern, das Autorenpaar Christa und Gerhard Wolf, zu Faktors Familie.

Prager Knödelgeschwulst

Das ist erwähnenswert, denn der Ich-Erzähler von Jan Faktors neuem Roman „Trottel“ teilt viele Lebensumstände mit seinem Autor, ohne das durchweg namentlich zu adressieren. Überdeutlich ist „Trottel“ ein autobiografisch getriebener Roman, der mit Humor und Genauigkeit die Jahre zwischen 1980 und 1989 in den Blick nimmt. Der Wechsel von Prag nach Ostberlin, der ostdeutsche literarische „Untergrund“, der Alltag in der Hauptstadt, der politische Umsturz 1989: Alles ist drin in diesem vielfarbigen Buch.

Dabei ist Jan Faktor entschieden kein Ostalgiker. Wer etwa die Ostberliner Stadtmitte-Trostlosigkeit vergessen hat, dem wird auf die Sprünge geholfen. Großartig etwa, wenn Faktor den Alexanderplatz („dümmliche Flächenverschwendung“) verreißt, wenn er die „systemtreuen und legitimationsgeilen“ Ost-Menschen in den Blick nimmt oder das Prag vor 1989 nicht als „golden“, sondern „schäbig“ schildert, als eine „faulige, verfilzte, porenverstopfte Knödelgeschwulst“, die ihre aufsässigen Kinder noch härter verfolgte als die Hauptstadt der DDR.

Jan Faktors Erzähler reagiert auf das Schäbige nicht mit Entsetzen, sondern mit Interesse; Halt und Haltung findet er in der Literatur - immer mit Abstand zur Norm. In den Augen der Anderen ein „Trottel“, also lebensdienstlich unbrauchbar zu sein, ist eine Herausforderung - auch erzählerisch. So beginnt der Roman mit dem Satz: „Die stille Frage meiner Jugend lautete, ob ein Trottel im Leben glücklich werden kann.“

Drama des begabten Kindes

Wie und mit welchem Ergebnis das im Fall des Faktor-ähnlichen Ich-Erzählers geschieht, ist der Stoff des Buches, das Memoir und Roman, Essay und Sprachspiel gleichermaßen ist. Spielerisch gelingt die Schilderung der Ostberliner Wirklichkeit, erschütternd elementar, nämlich kitschfrei, die Darstellung des 1979 geborenen Sohnes, der an Schizophrenie erkrankt und sich im Alter von 33 Jahren das Leben nimmt.

Der Trottel ist, um einen bekannten Buchtitel zu adaptieren, das Drama des begabten Kindes in einer Umgebung, die auf die Entfaltung von politisch nutzlosen Gaben nicht ausgerichtet ist, sondern die alle und alles ins jeweils kleine und kleinste gesellschaftlich-menschliche Karo zurückdrängt; kleine Verhältnisse, die den Menschen kleinmachen.

Jan Faktors Trottel lebt dagegen an. In Prag hält er sich als Armeebrötchenlieferant, in der DDR als Schlosser in einem Privatbetrieb über Wasser. Buchstäblich macht er sich nicht „gemein“. Seine Art durch die Welt zu gehen ist das „mitstolpern“.

„Überwinden heißt Feiern“

Einmal mehr zeigt sich Faktor als ein Schriftsteller in der böhmisch-tschechischen Tradition. Das anarchisch Skurrile, die Abwehr des Mainstreams, ist auch erzählerisch zu finden - und für den Leser in Teilen eine Herausforderung. Faktor spricht von „Erzähldriftdrang“. Er leistet sich Abschweifungen, Fußnoten, zweckfreie Erörterungen, die auch anstrengen können, aber unterm Strich ist es ein dicht gefügter Text, der sein Thema nicht aus den Augen verliert: Wie ein Außenseiter seine Lebenshoheit bewahrt.

Es stellt sich die Frage, wer der Gegner zur sozialen Figur des „Trottels“ ist. Offenbar der „Funktionär“, der politisch kurzgeschlossene Mitmensch. Nach 1968 in der Tschechoslowakei wie in der DDR (und danach) eine „neue, moral- und ethikneutrale Generation von jungen Opportunisten, Schleimern und Dummköpfen“, die „zu meinem Ärger sogar auch noch gut gelaunt war“.

Jan Faktors Roman gehört zum genauesten und überraschendsten, was heute über den Alltag in den Ostblock-Diktaturen erzählt wird. Nicht als verklärende Politpoesie, sondern als ein in seiner sachlichen und stilistischen Munterkeit vielfach anschlussfähiger Text. Eine Fundgrube an klugen Durch- und Einsichten.

Kann ein Trottel glücklich werden? Faktors Erzähler bejaht das. Durch den Verzicht auf gesellschaftlichen Ehrgeiz, durch das Hochhalten der persönlichen Autonomie, das Lebensmotto: „Überwinden heißt Feiern“. „Ich bettele nirgendwo um Aufmerksamkeit und kann dies jedem nur dringend empfehlen“, schreibt Jan Faktor. Kann sein, dass jetzt anstrengende Tage auf ihn zu kommen. „Trottel“ ist für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Jan Faktor: Trottel. Kiepenheuer & Witsch, 400 Seiten, 24 Euro