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Zum Tod des Schriftstellers Wulf KirstenAuf der Erde bei Meißen

Zum Tod von Wulf Kirsten

Von Christian Eger 15.12.2022, 18:19
Wulf Kirsten (1934-2022)
Wulf Kirsten (1934-2022) (Foto: DPA)

HALLE/WEIMAR/MZ - Mehr noch als Thüringen liebte er Sachsen, die linkselbischen Täler zwischen Dresden und Meißen. Hier fand Wulf Kirsten sein Material: die Stimmen und Sachen seiner Herkunft. Von dieser Landschaft aus begann er 1964 zu dichten: „die grasigen senken von rindern gefleckt. / am hellichten tag zur saatzeit im hügelland / ich – auf der erde bei Meißen“.

1964 war Wulf Kirsten 30 Jahre alt, ein glückloser Deutschlehrer, der vom Krankenbett aus den Entschluss fasste, Dichter zu werden – befeuert von der Lektüre von Johannes Bobrowskis Roman „Levins Mühle“. Darin findet sich die Formel: „und mit dem Erzählen muß man einfach anfangen“. Und mit dem Dichten.

Kirsten fing an. Nicht allein als Dichter, sondern als Erzähler, als Essayist, als Herausgeber. Genauigkeit und Schärfe, Fleiß und Originalität, das verband den Dichter mit dem Literaturwissenschaftler Wulf Kirsten, der von 1965 bis 1987 als Lektor des Aufbau Verlages an dessen Zweitsitz in Weimar arbeitete, wo der 1934 im Meißnischen geborene Steinmetzsohn seit 1966 lebte.

Ein gutes Gedicht, sagte er 2002 der MZ, entstehe, wenn dessen Material so lange geschmeidig gemacht wurde, bis die Sprache selbst ihre Mitarbeit anbietet. Seine Gedichte entstanden oft im Gehen, gruppierten sich um ein Wort, das ein Gedanke sein musste.

Ein Dutzend Gedichtsammlungen hat Wulf Kirsten veröffentlicht, Titel wie „Stimmenschotter“, „Wettersturz“ und „die erde bei meißen“. Essays und Anthologien, Erinnerungen an die Kindheit. Was war es, das ihn so sehr zu seiner Herkunftslandschaft zog?

„Dass sie noch nicht weggedichtet war“, sagte Kirsten. „Dass da noch niemand war, der sie beackert hat. Ich wollte kein Nachtreter sein.“ Er wurde es nicht. Er, der von sich sagte, „ich stehe fest auf dem Boden des 19. Jahrhunderts“, betrat poetisch stets Neuland.

Martin Walser sagte über Wulf Kirsten 1988: „Wirkt, verglichen mit einem Kirsten, viel Westliteratur nicht wie Ideologie?“ Denn: „Der weiß nichts, was er nicht erfahren hat.“

Wie am Donnerstag die Frankfurter Allgemeine Zeitung meldete, ist Wulf Kirsten am Mittwoch in einem Krankenhaus bei Weimar gestorben. Er wurde 88 Jahre alt.